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Die letzten weißen Farmer müssen gehen

Die Besorgnis über die Entwicklungen in Simbabwe, dem früheren (Süd)-Rhodesien nimmt zu. Bei den Vereinten Nationen und der EU schrillen – mal wieder – die Alarmglocken. Der Oppositionspolitiker Morgan Tsvangirai war am Sonntag zusammen mit anderen Regimekritikern bei der brutalen Niederschlagung einer Demonstration in Harare mißhandelt und festgenommenen worden. Unhaltbar nannte dies Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und forderte die Freilassung des festgenommenen Oppositionsführers. Und auch die deutsche EU-Präsidentschaft verurteilte die fortwährende gewaltsame Unterdrückung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und anderer fundamentaler Grundrechte".

Weniger aufgeregt ging es dagegen zu, als vor Wochen die Nachricht über die Abschiebung der letzten weißen Farmer aus Simbabwe über die Ticker lief. Anfang Februar drohte das Regime des Diktators Robert Mugabe den rund 400 Weißen, die nach der großen Vertreibungswelle vor einigen Jahren noch im Land verblieben waren, mit "der vollen Strenge des Gesetzes": Wenn sie ihre Höfe nicht verließen, so Minister Didymus Mutasa, bekämen sie zu spüren, daß die Regierung "kein zahnloser Tiger" sei.

Nur noch etwa 30 weißen Farmern – denen "Wohlverhalten" gegenüber dem Regime bescheinigt wurde – hat man gestattet, ihre Güter weiterhin als Pächter zu bewirtschaften. Diese Handvoll Wirtschafter soll nun aus dem Land wieder das machen, was es einmal war: den "Brotkorb Afrikas". Das wohlhabende Land verdankte seinen Reichtum vor allem der Landwirtschaft. Diese war größtenteils in den Händen der 4.500 weißen Landbesitzer. Simbabwes Präsident Robert Mugabe ließ diese Nachfahren britischer Kolonialisten mit Gewalt aus dem Land treiben. Damit begann ein rasanter wirtschaftlicher Verfall: Den schwarzen Neueigentümern fehlten Kapital, Erfahrung oder Motivation, um die Güter zu betreiben; die meisten Flächen liegen seitdem brach.

Mit Folgen: Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent, die Inflationsrate bei schwindelerregenden 1.600 Prozent. Es herrscht chronischer Mangel an sämtlichen lebenswichtigen Gütern. Dieser Zustand bedroht die Macht des Präsidenten Mugabe.

Mugabe wird von Kritikern wie dem südafrikanischen Erzbischof als "Karikatur eines afrikanischen Diktators" bezeichnet. Immerhin hat sich Mugabe selbst mehrfach öffentlich mit Adolf Hitler verglichen und präsentierte sich im September 2005 sogar mit entsprechendem Bärtchen unter der Nase. Ganz im Duktus des Originals bezeichnet er beispielsweise Homosexuelle als "unafrikanisch" und bedroht sie darum mit bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Ursprünglich kam der Jesuitenschüler 1960 nach seinem Studium an verschiedenen Hochschulen Afrikas als überzeugter Marxist zurück in sein Heimatland. Dort widmete er sich dem antikolonialistischen Befreiungskampf und trat zunächst in die Nationaldemokratische Partei NDP ein. Später gründete er die konkurrierende Zimbabwe African National Union (ZANU) und führte deren militanten Flügel. Dafür wurde er 1964 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung setzte er den politischen und bewaffneten Kampf gegen die weiße Minderheitsregierung von Mosambik aus fort.

Mugabes erklärter Gegner war der schottischstämmige Rhodesier Ian Smith. Nachdem sein Land 1965 die Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt hatte, wählten ihn die weißen Agrarier zu ihrem Vertreter. Smiths "rhodesische Front" regierte seitdem unangefochten – jedoch keineswegs demokratisch: Das Verhältnis der Abgeordneten im Parlament (50 Weiße, 8 Schwarze) verkehrte die Mehrheitsverhältnisse in der Bevölkerung ins Gegenteil: 275.000 weiße "Rhodesier" zu 5,8 Millionen schwarzen "Simbabwern". Die Engländer forderten Smith permanent auf, dieses Mißverhältnis abzuschaffen und eine echte Mehrheitsvertretung zu respektieren. Doch der sture Ex-Soldat ließ sich nicht kleinkriegen: Statt dessen beschwor er die Gefahr eines afrikanischen Bolschewismus und denunzierte jede liberale Anregung als Teufelswerk aus Moskau.

Pretoria reagiert mit massiven Abschiebungen

Doch Smiths Taktik hielt nicht ewig: 1979 setzte sich Großbritannien mit Sanktionen und politischem Druck durch. Das weiße Regime sollte endlich durch eine ordentliche parlamentarische Regierung abgelöst werden. Das war Mugabes große Chance: Überraschend und zum Entsetzen der Engländer ging statt des erwarteten liberalen Favoriten Mugabes militante ZANU-Partei als Sieger hervor. Jetzt zeigte Mugabe sein wahres Gesicht: Seine berüchtigte Fünfte Brigade ermordete etliche frühere schwarze Konkurrenten und mutmaßliche Gegner.

Nach seiner ersten Wiederwahl 1985 schaffte Mugabe das Amt des Premierministers ab und machte sich zum Präsidenten. Er beansprucht das Präsidentenamt auf Lebenszeit. Begründung: Er sei ein direkter Nachfahre der Könige von "Großzimbabwe". Seither wird Mugabe bei Wahlen durchgängig im Amt bestätigt – mit satter Mehrheit, versteht sich. Die Opposition wirft ihm die massive Einschüchterung und Behinderung von Gegenkandidaten und deren Wählern vor. Externe Beobachter gehen von organisiertem Wahlbetrug aus.

Schwarzafrikanische Kritiker werfen Mugabe heute vor, die Kolonialherrschaft der Weißen lediglich gegen ein schwarzes Unrechtsregime ausgetauscht zu haben. Dabei war nach Mugabes Machtantritt zunächst einmal lange Zeit nicht viel passiert. Zwar hatte er gleich nach seiner Ernennung zum Premier angekündigt, Grund und Boden in einer schrittweisen und freiwilligen Landreform den schwarzen Einwohnern zurückzugeben, bis 1990 geschah jedoch nichts. Mugabe war wohl vollständig mit der Errichtung seines grotesken Personenkultes beschäftigt. Auch die weißen Farmer warteten erst einmal ab, zumal Mugabe zu Beginn seiner Regierungszeit öffentlich beschwichtigte, sie brauchten keine Befürchtungen vor der schwarzen Mehrheit haben. Doch das änderte sich schlagartig.

Anfang der Neunziger machte sich Mugabe an die Umsetzung seiner von Experten zunächst gelobten Bodenreform. In dem Konzept des freiwilligen Verkaufs sah man einen fairen Weg, die schwarzen Bewohner für das erlittene Unrecht des Landraubes zu entschädigen. Doch die Realität sah anders aus: Statt an die schwarzen Landarbeiter der Farmen, die Verantwortungsgefühl und Knowhow mitgebracht hätten, vergab Mugabe viele Agrargebiete an Freunde und ehemalige Genossen. Diese konnten und wollten mit Land wenig anfangen; einige Anbauflächen wurden sogar mutwillig zerstört. Das war der Anfang vom Ende.

Bei der Übergabe an die neuen Besitzer kam es zu Gewaltexzessen; weiße Tabakbauern wurden erschlagen oder erschossen. Während die alarmierten Regierungen des Westens protestierten und Sanktionen verhängten, brachten die weißen Farmer in heller Panik ihre Produktionsmaschinen in sichere Nachbarländer. Viele wanderten zuerst nach Südafrika, später vorwiegend nach Australien aus. Die Folgen von Mißwirtschaft, Boykott und Auslagerungen: der totale Zusammenbruch der Agrarwirtschaft – es fehlen Millionen Tonnen Getreide, die Produktion des Hauptexportartikels Tabak ging um 75 Prozent zurück, eine Hungersnot löst seitdem die andere ab.

Die Notlage trieb nicht nur die Weißen aus dem Land: Allein in Südafrika leben nach Schätzungen bereits drei Millionen Simbabwesen. Auch Sambia, Nigeria und Mosambik machen Facharbeitern und Bauern aus Simbabwe attraktive Angebote. Wer jedoch keine Qualifikation vorzuweisen hat, wird nicht gerade mit offenen Armen empfangen: Speziell in Südafrika braut sich in der Bevölkerung eine feindselige Stimmung gegen die Einwanderer zusammen. Die Migranten werden für die hohe Kriminalität im Kapstaat verantwortlich gemacht (obwohl sie nur drei Prozent der Straftäter stellen).

Pretoria hat bereits mit massiven Abschiebungen reagiert: Aufgegriffene Flüchtlinge werden per Zug und LKW zurücktransportiert. Doch in der Heimat droht ihnen der Hungertod: Laut Uno sind bereits eine Million Menschen konkret vom Verhungern bedroht. Bei der erneuten Flucht lauert ebenfalls der Tod: Die Grenzflüsse sind voller Krokodile!

Angesichts der schlimmsten Krise in der Geschichte Simbabwes beginnen selbst Mugabes treueste Anhänger immer lauter zu protestieren. Der Diktator hat reagiert – und einfach ein paar Minister für den Niedergang verantwortlich gemacht und abgelöst. Mugabes Rezept gegen die Inflation: Er hat sie kurzerhand verboten.

Doch der Druck auf Mugabe könnte sich bald verstärken: Die Opposition Südafrikas fordert von ihrer Regierung, die bisher auf stille Diplomatie gesetzt hatte, endlich ein Ende der Glacéhandschuh-Politik. Pretoria könnte mit einer härteren Gangart mehr Erfolg haben als die EU mit immer neuen Sanktionen. Die treffen ohnehin nur die, die sich kaum noch ernähren können. Im Dezember stieg der Brotpreis nochmals um 180 Prozent. Im Januar wurden neue Banknoten zu 5.000 und 50.000 Simbabwe-Dollar ausgegeben. Für manche ist die Krise allerdings Konjunktur: Der internationale Lebensmittelkonzern Nestlé hat seine Produktion kurzfristig auf billige Milchersatzprodukte umgestellt, die sich die Bevölkerung gerade noch leisten kann, um mangels Viehwirtschaft überhaupt ein paar Proteine aufzunehmen. Nestlé konnte seine Produktion gewinnbringend ausbauen.

Derweil demontiert Mugabe soeben die letzten Reste der freien Presse in Simbabwe. Die südafrikanische Wochenzeitung Mail & Guardian, deren Verleger aus Simbabwe stammt, erschien darum am 19. Januar demonstrativ mit einem Zitat über Mugabe: "Aus dem Freiheitshelden, den wir als Vorbild bewundert haben, ist ein Machtbesessener geworden. Er ist nicht besser als Idi Amin." (Wole Soyinka, nigerianischer Literaturnobelpreisträger)

Am 21. Februar hatte Mugabe Geburtstag. Der 83jährige bekräftigte dabei seine Absicht, die nächste Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr aufzuschieben, um bis mindestens 2010 weiterzuregieren. Mugabe sagte: "Mein Amt steht nicht zur Verfügung. Ich bin nicht machtversessen, aber es gibt zu viele Politiker in der Regierung, die nur auf Selbstbereicherung aus sind!" Mugabe selbst hat unterdessen im Nachbarland Namibia schon Grundbesitz und Anteile einer großen Hotelkette erworben.

Der Geburtstag wurde im Stadion von Gweru in Zentralsimbabwe mit großem Pomp gefeiert – trotz der Proteste des IWF, der verlautbaren ließ, das Regime solle lieber seine 129 Millionen Dollar Schulden begleichen. Demonstrationen gegen Mugabes trickreiche Amtsverlängerung wurden vor einigen Wochen mit Gewalt aufgelöst und ein Demonstrationsverbot bis Ende Mai verhängt, das rigoros durchgesetzt wird.

Fotos: Stiller Aufbruch (Archivfoto von 2001): Sieben Jahre nach der Vertreibung von etwa 4.500 Farmern müssen auch die letzten 400 gehen, Staatschef Robert Mugabe: Der 83jährige will bis 2010 regieren

Simbabwe

Fläche: 390.580 qkm (Deutschland 357.092 qkm)

Einwohner: 11,75 Millionen

Hauptstadt: Harare (1,45 Millionen)

Amtssprache: Englisch, Shona, Ndebele

Religionen: 50 bis 60 Prozent christlich

Volksgruppen: Mehr als 70 Prozent Shona, unter 20 Prozent Ndbele, Tonga, u.a.

Bevölkerungsdichte: ca. 33 Personen/qkm

Lebenserwartung: Männer 37 Jahre, Frauen 34 Jahre (2005)

Analphabetenrate: 30 Prozent

Arbeitslosenquote: ca. 80 Prozent

Inflationsrate: 1204 Prozent (August 2006)

Handel mit Deutschland: Ausfuhren nach Simbabwe: 29,5 Mio. Euro / Einfuhren aus Simbabwe: 70,6 Mio. Euro (2005)

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