Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Atavistisches Zwangsritual

Das englische Deutschlandbild ist verblüffend unzeitgemäß; um so zeitgemäßer ist deshalb die Auseinandersetzung mit ihm. Wenn es richtig ist, daß heute eine Welt ohne Bilder undenkbar ist und daß Bilder die Wirklichkeit entscheidend prägen, könnte in unserer bilderhörigen Welt aus deutscher Sicht bisweilen Verzweiflung ausbrechen. Verzweiflung oder auch nur Ernüchterung deshalb, weil das auf der Insel publizistisch vorherrschende negative Deutschlandbild in seinen Grundzügen bereits über hundert Jahre alt ist – in unserer schnellebigen Zeit fürwahr ein illustrativer Dinosaurier! In der während des Zweiten Weltkrieges mit dem Deutschen Reich auch propagandistisch geführten Auseinandersetzung konnte man ohne weiteres an das bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg fest etablierte und auch durch die Weimarer Republik nicht gelöschte xenophobe Zerrbild einer militaristischen, eroberungssüchtigen, ja barbarisch-zivilisationsfeindlichen Tyrannei anknüpfen, das sich erst jetzt mit der geschichtlichen Realität deckte. Zuvor hatte es die Funktion einer prophylaktischen Stigmatisierung der neuen potentiellen kontinentalen Hegemonialmacht gehabt. Der im Zweiten Weltkrieg erreichte Endpunkt kriegerischer und somit auch polemischer Konfrontation markiert erstaunlicherweise zugleich den bis heute unverrückbaren publizistischen Fixpunkt offenbar mehrheitsfähiger Vorstellungen über Deutschland; daran änderte auch die Fußballweltmeisterschaft 2006 kaum etwas. Die Langlebigkeit solcher Vorstellungen zeigt sich etwa in dem unveränderten Gebrauch des – ursprünglich auf das Kaiserreich applizierten – pejorativen Begriffs „Hunnen“ für das gegenwärtige Deutschland. Die bildlich manifestierte und in die Gegenwart übertragene Kontinuität der Vorstellungen vom wilhelminischen zum nationalsozialistischen Deutschland tritt auch in dem trauten Nebeneinander von Pickelhaube und Stahlhelm in einschlägigen Veröffentlichungen zutage. Selbstverständlich impliziert der hier verwendete Bildbegriff prinzipiell Mehrfarbigkeit, denn eine völlige Uniformität nationenbezogener Anschauungen gab es gerade auf der einer freiheitlichen Meinungskultur verpflichteten Insel zu keiner Zeit. Die folgenden Beispiele für die – übrigens deutlich mehr englische als britische (schottische, walisische) – Obsession mit dem Deutschland früherer Tage sind als Minimalbelege zu verstehen und bilden nur die Spitze eines Eisbergs. Dabei sei vorausgeschickt, daß die Boulevardpresse, würdig vertreten etwa durch die notorische Sun, zwar den Löwenanteil an der ständigen Bombardierung mit antideutschen Klischees hat, daß aber die Qualitätszeitungen keineswegs davor zurückschrecken, in das gleiche Horn zu stoßen. So ist eine renommierte Sonntagszeitung wie der Observer geradezu abonniert auf „investigativen“ Erinnerungsjournalismus zum nationalsozialistischen Deutschland. Letzteres ist auf breiter medialer Front zu einem unverzichtbaren Teil englischer Gegenwart geworden, dessen Fehlen wahrscheinlich Entzugserscheinungen bei erwartungsfreudigen Konsumenten hervorriefe. So sorgt eine ganze Branche der Trivialliteratur mit dem unverwüstlichen Len Deighton an der Spitze mit industriellem Eifer dafür, daß die Erinnerung an Abgelebtes nicht verblaßt und beispielsweise schmallippige SS-Offiziere mit kalten blauen Augen die englische Seele behaglich frösteln lassen. Wie beim Schauerroman, einer englischen Erfindung, macht die sichere Distanz zu dem Schrecklichen die Würze solcher Geschichten aus. Der Stechschritt feiert fröhliche Urständ, wenn John Cleese in der „Don’t Mention the War“-Sequenz (1975) des Fernsehdauerbrenners „Fawlty Towers“ deutschen Gästen gewissermaßen pflichtschuldig seine militärische Aufwartung macht. Das dem heutigen Deutschland gegenüber weiterhin vorhandene Mißtrauen findet seinen klarsten Ausdruck in Bezugnahmen mit spezifisch politischer Zielrichtung. Besonders instruktiv in dieser Hinsicht sind Reaktionen im zeitlichen Umkreis der Wiedervereinigung. So brachte der Daily Star im Februar 1990 eine Bildfolge, in der sich die Karte der beiden deutschen Staaten allmählich in einen marschierenden Soldaten verwandelt – das „Vierte Reich“. Im Spectator vom 14. Juli 1990 erschien ein Cartoon, das Nicholas Ridley, den indiskreten Minister des argwöhnischen Kabinetts Thatcher, dabei zeigt, wie er ein Poster von Helmut Kohl mit einem Schnurrbart übermalt, um den die Integration Europas verdächtig forcierenden deutschen Kanzler als Adolf Hitler erscheinen zu lassen. Im übrigen zieht sich die nationalsozialistische Konnotierung des deutschen Europa-Engagements wie ein roter Faden durch alle Medien bis in die Romanliteratur hinein – auch Robert Harris‘ Bestseller „Fatherland“ (1992) gehört in dieses zeitgeschichtliche Ambiente. In der Times vom 23. Oktober 1997 zeichnete Peter Brookes vier britische Münzen; während die ersten drei Königin Elizabeth im Wandel der Zeiten darstellen, zeigt die vierte Helmut Kohl mit dem ominösen Datum „20??“. Im Mai 2001 verglich ein Abgeordneter der Konservativen Partei die Europa-Vorstellungen von Kohls Nachfolger Schröder mit Hitlers „Mein Kampf“. Doch selbst auf scheinbar unpolitischem Terrain grassieren die liebgewonnenen Feindbilder, um das offenbar unstillbare Verlangen nach NS-Schauder zu befriedigen. So gehörten selbstverständlich Hakenkreuze zur obligaten Begleitmusik bei den Transaktionen zwischen Rover und BMW. Für die skizzierte Tendenz lieferte die ebenso gehässige wie peinliche Berichterstattung über die Wahl Kardinal Joseph Ratzingers zum Papst im April 2005 ein kaum zu übertreffendes Anschauungsbeispiel. Von der Sun bis zum Independent und Guardian hatten die Zeitungen nichts Besseres zu tun, als über die Zeit Ratzingers in der Hitler-Jugend zu „informieren“, um eine „Belastung“ des neuen Oberhaupts der katholischen Kirche zu unterstellen. Demgegenüber mutete die im Daily Mirror gebrauchte Bezeichnung „God’s Rottweiler“ für Benedikt XVI. noch vergleichsweise harmlos an. Daß Charles Moore, der langjährige Chefredakteur des Daily Telegraph, die Wahl des Papstes in diesem Blatt (20. April 2005) wohlwollend kommentierte, fällt gegenüber der Flut der Schmähungen nicht ins Gewicht. Mögen im Falle der Papstwahl auch bis zu einem gewissen Grade germanophobe Reflexe und traditioneller Antipapismus eine Rolle gespielt haben, so zeigte sich daran doch wie in einem Brennspiegel, daß die antideutsche Dauerberieselung nicht zuletzt die Funktion frivoler politischer Selbstbefriedigung erfüllt. Denn kein ernsthaftes kollektives Bedürfnis nach Bekräftigung eigener Wertvorstellungen kann solchen Stereotypisierungen noch zugute gehalten werden. Die Konstanz des britischen Syndroms veranschaulicht schlagend ein Cartoon in der satirischen Zeitschrift Private Eye vom 16. April 1965. Es zeigt eine friedlich strickende Hausfrau, die ihren Mann – der, als Hitler aufgemacht und den „deutschen Gruß“ entbietend, das Zimmer betritt – fragt, warum er sich nie als Albert Schweitzer verkleide. Dieses Cartoon hat an Aktualität nichts eingebüßt und wirft ein Schlaglicht auf mentale Verkrustungen. Am zügellosesten leben sich Klischees mit antideutscher Stoßrichtung in der Welt des Sports aus. Namentlich bei Fußball-Länderspielen zwischen England und Deutschland haben sie Hochkonjunktur, wenn plötzlich wie aus dem Stand, aber auf breiter Front das gesamte militärische Vokabular aufgeboten wird, um den Intimfeind in die Schranken zu weisen („Blitz the Fritz“). Bei solchen Gelegenheiten tobt sich englischer Chauvinismus ungeniert mit geradezu stammesgeschichtlicher Urwüchsigkeit aus, so etwa im Bannkreis des englischen 5:1-Erfolges von München im Jahre 2001. Dieser Triumph versetzte Boulevardblätter wie Qualitätszeitungen in einen hysterischen Siegesrausch schrillen Gleichklangs. Einschlägige „Devotionalien“ zum Gedenken an das formidable Ereignis hielten kriegerische Assoziationen wach. Wenn der Lederball rollt, rollen im englischen Bewußtsein schnell Panzer mit. Friedlichere Töne wurden zwar bei der Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft 2006 angeschlagen und weckten Hoffnung auf einen fairen Umgang miteinander. Die Briten rangen um ein neues Deutschlandbild. Aber es schloß durch die Bank an die lange vorherrschenden Klischees an. Alte Gewohnheiten schlichen sich ein. Wie haben sich die deutschen Adressaten der englischen Zumutungen den Angriffen gegenüber bislang verhalten? Man könnte ihre mehrheitliche Reaktion in Formulierungen wie „verlegene Betroffenheit“ oder „verzagte Irritation“ zusammenfassen – unangemessen ist sie auf jeden Fall. Das gilt etwa von gutwilligen, aber naiven Diplomaten, die, bei Pressekonferenzen die beleidigte Leberwurst spielend, den Engländern im Gutmenschenton ins Gewissen zu reden suchen. Und wenn bestürzte Botschafter der Bundesrepublik mehr Deutschlandbesuche so notorisch deutschfeindlicher wie unwissender britischer Jugendlicher anmahnen, so sind solch wohlmeinende Vorschläge zwar sinnvoll, aber als Repliken auf offenkundige Feindseligkeiten unzulänglich. Besonders schwächlich ist das Gebaren sich souverän gebender deutscher Intellektueller, die mit gespreiztem Gleichmut und lächelnder Leidensmiene die ach so unabänderliche germanophobe Dauerberieselung der weltkriegsbesessenen Briten resignierend hinnehmen. Wie müßte demgegenüber ein angemessenes Verhalten beschaffen sein? Dabei sollte man nicht übersehen, daß die referierten Rempeleien bis zu einem gewissen Grade auch zusammenhängen mit der an sich durchaus erfreulichen, bei uns freilich inkriminierten Neigung der Engländer zu politischer Unkorrektheit. Letztere dürfte auch ihren Anteil an dem bis heute andauernden provokativen Flirt der britischen Popszene mit Symbolen des Dritten Reiches haben. Zudem wohnt der auf Deutschland zugespitzten, die Bildpublizistik nutzenden Rhetorik auch ein spielerisches Moment inne, welches auf schmunzelndes Einverständnis mit „bewährten“ Klischees setzt. Ein einschlägiges Beispiel hierfür liefert das – in einem berüchtigten Werbespot für Carling Black Label von 1993 zitierte – allgegenwärtige deutsche Handtuch (vielleicht eine aktuelle Version des wilhelminischen Drangs nach einem Platz an der Sonne!), das teutonische Frühaufsteher an den Urlaubsgestaden des Mittelmeeres penibel über die begehrten Liegestühle breiten, um sich die besten Plätze zu sichern. Und auch der von englischer Seite häufig erhobene Vorwurf deutscher Humorlosigkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Statt seinen Image-Kummer in sauertöpfischen Jeremiaden abzuladen, sollte man englischen Herausforderungen eher mit sportlichem Schneid begegnen. Deutscherseits sei deshalb eine unverkrampfte Haltung empfohlen, die Selbstachtung mit Gelassenheit paart. Man sollte Unerfreuliches nicht hasenfüßig schönreden, sondern unaufgeregt beim Namen nennen und freimütig aussprechen, daß man das in dem affektgeladenen Dauerbeschuß enthaltene Aggressionspotential erkennt, ohne es über- oder unterzubewerten. Kleinmütige Demutsgesten oder übertriebene nationale Empfindlichkeiten sind nicht dazu angetan, den Engländern Respekt abzunötigen. Eine offene Kommunikation braucht man von deutscher Seite um so weniger zu scheuen, als die anhaltenden anachronistischen Verunglimpfungen nur die Ewiggestrigen schlecht aussehen lassen. Denn man kommt kaum um die Einsicht herum, daß es sich bei den angesprochenen Erscheinungen um einen pathologischen Befund handelt. Die Erklärung dafür fällt nicht allzu schwer. Für die Verbreitung und die gesellschaftliche Akzeptanz des Phänomens darf man – zusammen mit kritischen englischen Beobachtern – eine offenbar nicht zu zügelnde Neigung zu nostalgischem Rückblick auf eine Epoche verantwortlich machen, in der Großbritannien letztmalig eine weltgeschichtlich bedeutende Rolle spielte. Als das Land nach dem Zweiten Weltkrieg im Vergleich mit der Bundesrepublik wirtschaftlich stagnierte, spendete die Erinnerung an den Sieg über Hitler-Deutschland Trost. Diese zeitgeschichtlich verständlichen Reminiszenzen haben sich zu einem ins Leere laufenden, atavistisch anmutenden Zwangsritual verfestigt. Gegen eine solche selbstbezogene Verschanzung wäre weniger einzuwenden, wenn damit nicht realitätsnähere Ansichten über Deutschland ins Hintertreffen gerieten. Bilder sind nicht die (ganze) Wirklichkeit, aber ein Teil derselben – und in der heutigen Welt ein zunehmender. Sie können zur Umgestaltung oder Verhärtung der Wirklichkeit, auch der politischen, beitragen; sie entfalten dynamische oder statische Potentiale. Deshalb scheint die folgende Schlußfolgerung nicht zu gewagt. Sollte das irritierend verzerrende Deutschlandbild auf der Insel unverändert fortbestehen, so wäre dies Indiz dafür, daß England der Brückenschlag nach Europa auch weiterhin nicht recht gelingen wird, ja, daß es diese Bindung wohl eigentlich auch nicht wünscht. Zwar ist die Gestaltung praktischer Politik nicht imageabhängig, doch die Bilder, die Nationen sich voneinander machen, schweben auch nicht einfach in der Luft; sie besitzen mentalitätsmäßige Aussagekraft. Im Falle Englands deutet die Zählebigkeit überholter Negativklischees über Deutschland darauf hin, daß es der Vergangenheit auf Kosten der Zukunft anhängt – zumindest europapolitisch betrachtet. Bezeichnenderweise liegt für Frankreich kein ähnlicher imagologischer Befund vor. Auf deutscher Seite jedenfalls besteht jegliche Veranlassung, den Engländern gelassen und unaufgeregt, aber mit sachlicher Standhaftigkeit entgegenzutreten: Der Schwarze Peter für mehr als atmosphärische Korrekturen im Sinne einer konstruktiven Partnerschaft liegt jenseits des Ärmelkanals. Prof. Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock ist Emeritus für Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen und Verfasser zahlreicher Bücher zum Verhältnis von Literatur, Publizistik und Politik. Foto: Britischer Fußball-Fan, deutsche Messerschmidt Bf 109: Antideutsche Klischees haben gerade bei Länderspielen Hochkonjunktur; das gesamte militärische Vokabular wird aufgeboten, um den Intim-Feind in die Schranken zu weisen: „Blitz the Fritz!“

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