Joachim Kuhs

 

Schwarz-Rot-Gold

Ich bin begeistert! Deutschland versinkt in einem traumhaften Meer von Schwarz-Rot-Gold. Durch die Straßen Berlins schlängeln sich Autos, an denen ein, zwei, drei flatternde Fahnen befestigt sind, aus Fenstern und über Balkonen hängen Fahnen, Fahnengirlanden zieren Bürowände – es ist eine wahre Pracht. Es gibt schicke schwarz-rot-goldene Kleider, in denen junge Mädchen Claudia Schiffer gleich für Deutschland werben. Es wimmelt nur so von Kindern, auf deren Wangen schwarz-rot-goldene Fähnchen geschminkt sind. Im Kindergarten erleben schon die Kleinsten das erste Mal in ihrem Leben dieses schöne Gemeinschaftsgefühl, einer größeren Einheit anzugehören. Und all dies geschieht ohne „zivilgesellschaftliche“ Mahnung des Bundestagspräsidenten, sondern ganz von alleine, schwerelos, heiter, selbstverständlich. Ja, es wurden sogar Schulklassen gesichtet, die leibhaftig die Nationalhymne singend durch die Stadt zogen! Und da sind plötzlich Dönerbuden schwarz-rot-gold beflaggt. Türken aus Neukölln – klar, die türkische Mannschaft hat die Qualifikation verpaßt, sonst wäre sie hier der Favorit – haben ihre BMWs ebenfalls mit der deutschen Nationalfahne geschmückt. In der U-Bahn schnappt ein Redakteur das Gespräch zwischen zwei türkischen Mädchen auf. Die eine ist von ihrem Vater gerügt worden, weil sie mit einem Brasilien-Hemd herumlief. Sie solle gefälligst die Fahne ihres Gastlandes tragen, habe ihr Vater geschimpft. Das ganze jahrelange Palavern über Integration, die mit nationaler Selbstzerknirschung und schlechter Laune betriebene Multikulturalisierung und Europäisierung Deutschlands verdampft in der WM-Juni-Sonne wie die letzten Regenpfützen. Deutschland ist prima, Nationalstolz ist schön, wir sind eine große Familie, wir feiern uns, wir gehören zusammen. Das ist die Botschaft, die im Rahmen dieser WM, bei der Deutschland Gastland ist, wunderbar transportiert wird. Während das offizielle Deutschland den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober stets mit einem Kloß im Hals, dicken Tränensäcken, Europaduselei und vielen „Wenns“ und „Abers“ begeht – hier bei der Fußballweltmeisterschaft, bei der glücklicherweise die Politiker weitgehend nichts zu melden haben, hat das Volk die Regie übernommen und treibt dem Land und seiner miesepetrigen politischen Klasse fröhlich die Nationalneurose aus den Gliedern. Eilfertig versuchen Berufsbedenkenträger in Politik und Medien, die patriotischen Regungen als harmlose Laune abzutun, manche mäkeln schnöselig über die angeblich oberflächliche Begeisterung des Volkes, sich, die eigene Mannschaft, das eigene Land unbeschwert zu feiern, und versuchen trübes Wasser in den Wein zu gießen. Alles totaler Nonsens. Welchen edlen Sinn die Vaterlandsliebe für eine menschliche Gemeinschaft hat, beschrieb kaum jemand anrührender als Schiller in seiner „Glocke“: „Heil’ge Ordnung, segensreiche / Himmelstochter, die das Gleiche / Frei und leicht und freudig bindet, / Die der Städte Bau gegründet, / Die herein von den Gefilden / Rief den ungesell’gen Wilden, / Eintrat in der Menschen Hütten, / Sie gewöhnt zu sanften Sitten, / Und das teuerste der Bande / Wob, den Trieb zum Vaterlande!“

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