Hohe Schule der Diplomatie

Er vertrete ein aggressives Christentum, beleidige den Propheten und sei ein Gegner des EU-Beitritts der Türkei. Schon vor dem Türkei-Besuch von Papst Benedikt XVI. machte ein Sammelsurium von Nationalisten und Islamisten Front gegen den Pontifex. Er sei „dumm und hinterhältig“, stand auf großflächigen Plakaten der orthodox-islamistischen „Glückseligkeitspartei“. Papst Benedikt bewegt sich erstmals auf glattem diplomatischem Parkett. Da heißt es ruhig Blut bewahren und – bei Bedarf – den Rat der hauseigenen Diplomatie einzuholen. Denn welches Land kann sich rühmen, seit dem 4. Jahrhundert einen diplomatischen Dienst zu besitzen, mit einem Einflußbereich, der heute über den ganzen Erdball reicht? Schon im Jahr 325 sandte Papst Sylvester seinen Delegaten an das Konzil von Nicäa. Waren damals derartige Reisen eher geistlicher Natur, betrafen sie ab dem 5. Jahrhundert vermehrt auch weltliche Anlässe, bis seit dem 15. Jahrhundert eigentliche Apostolische Nuntiaturen etabliert wurden. In diplomatischen Kreisen gelten die Vertreter des Papstes als besonders geschickt und bestens instruiert. Einer der Gründe dafür ist in der besonderen Ausbildung päpstlicher Diplomaten zu finden. Sie findet seit mehr als drei Jahrhunderten an der Diplomatenschule des Vatikans statt. Sich um einen Studienplatz an dieser Eliteschule zu bewerben ist wenig aussichtsreich. In den diplomatischen Dienst der Kirche wird man berufen und zuvor sorgfältig geprüft. Ohne eine bischöfliche Empfehlung ist an ein Studium an der Pontificia Accademia Ecclesiastica kaum zu denken. Nebst den Bischöfen der Ortskirchen sind es auch einflußreiche Prälaten des Vatikans, die ein gutes Wort für ihre Schützlinge einlegen. Aufnahmekriterium ist ein akademischer Grad und ein Abschluß in Kanonischem Recht. Die im Jahr 1701 gegründete Akademie im Zentrum Roms gilt zudem als „Kaderschmiede“ für wichtige Posten im Vatikan und in der Weltkirche. Während des Pontifikats von Papst Johannes Paul II. (Studienjahre 1979-2002) kamen 227 Studenten aus aller Welt in den Besitz des begehrten Diploms. Auch hier läßt sich die fortschreitende Internationalisierung der römischen Kurie feststellen. Früher waren die Absolventen überwiegend Italiener. Ihr Anteil verringerte sich während des polnischen Pontifikats auf 28 Prozent. Dafür stieg der Anteil der Osteuropäer auf 15 Prozent (Polen 8 Prozent). Asien und Afrika stellten nur jeweils elf, die USA und der südamerikanische Kontinent je acht Prozent. Nach langen Jahren praktischer Ausbildung im Staatssekretariat und in den diplomatischen Vertretungen in aller Welt erreichen viele der handverlesenen Absolventen den begehrten Posten des Apostolischen Nuntius, als persönliche Botschafter des Papstes. Doch war die päpstliche Diplomatenschule bisher nicht nur Ausbildungsstätte für die diplomatischen Vertreter des Heiligen Stuhls in aller Welt, sondern auch Ort der Auslese für spätere Karrieren in der Kirchenzentrale. Viele einflußreiche Kurienkardinäle studierten an der Piazza Minerva in Rom. Wo anders könnten zukünftige Prälaten besser auf Herz und Nieren geprüft werden als in dieser exklusiven Akademie, die unmittelbar dem Kardinalstaatssekretär unterstellt ist – so beschlossen durch die Päpste Pius IX. und Pius XII.? Überraschend ist, daß nur ein einziger Pontifex der Neuzeit unter den illustren Schülern zu finden ist: Giovanni Battista Montini, Papst Paul VI. Die Päpste Pius XII. und Johannes XXIII., beide früher ebenfalls im diplomatischen Dienst (Eugenio Pacelli in Berlin und Giuseppe Roncalli in Paris), hatten wohl diese edle Schule „geschwänzt“. Nicht immer hatten vatikanische Diplomaten Glück in ihrer Aufgabe auf dem politischen Parkett. Als Kardinal Achille Silvestrini, von 1979 bis 1988 „Außenminister“ des Vatikans, im Mai 1993 den Irak besuchte und bei Präsident Saddam Hussein seinen Grußvortrag hielt, fiel er beim Diktator in Ungnade und wurde des Landes verwiesen. Er hatte es gewagt, das heikle Thema „Frieden mit Israel“ vor laufender Kamera anzusprechen. Der in den Westen geflüchtete Übersetzer von Saddam Hussein, Sa’adoon Al-Zubaydi, Oxford-Absolvent und späterer Botschafter des Irak in Indonesien, bezeichnete im September 2003 Silvestrini als einen herausragenden Diplomaten. In seiner Verbohrtheit habe Saddam Hussein die Worte von Kardinal Silvestrini mißverstanden und ihn in seiner Paranoia verdächtigt, ein Spion Israels zu sein. Nicht alle Diplomaten des Vatikans teilten damals eine solch milde Meinung über die mißlungene Mission des damaligen Präfekten der Kongregation für die Ostkirchen. Statt dessen warfen sie ihm grobe diplomatische Fehler vor. Bescheiden bezahlte Ordensleute als Stützpfeiler Derzeit unterhält der Heilige Stuhl mit 174 Staaten diplomatische Beziehungen – mit der EU und dem Souveränen Orden von Malta. Dies gilt auch für die Beziehungen mit der Russischen Föderation und sogar mit der PLO. Außerdem ist der Vatikan in 35 überstaatlichen Organen vertreten. So ist er unter anderem Mitglied beim UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), der UNCTAD (Handel und Entwicklung) und der ITU (Fernmeldedeunion). Bei der Uno und bei den meisten ihrer Unterorganisationen hat die römische Kirchenzentrale Beobachterstatus. Eingeweihte bescheinigen der katholischen Kirchenzentrale einen besonders effizienten und kostengünstigen Administrationsapparat. Dies gilt auch für den diplomatischen Dienst des Vatikans, dessen personelle Basis neben dem diplomatischen Kader weitgehend aus bescheiden bezahlten Ordensleuten besteht. Durch die erstmalige Besetzung des Postens des Kardinalstaatssekretärs durch einen Nichtdiplomaten hat Papst Benedikt XVI. zu verstehen gegeben, daß die Diplomatie in seinem Pontifikat kaum eine Sonderrolle einnehmen wird. Nach wie vor wird aber das Netz der Nuntien für die Beschaffung wertvoller Informationen über die Situation der Ortskirchen von großer Bedeutung sein. Auch weiterhin werden die Fäden in den päpstlichen Außenstellen zusammenlaufen, wenn es um die Ernennung neuer Bischöfe geht. Es ist Tradition in fast allen Ländern, daß der Vertreter des Papstes der Doyen des Diplomatischen Korps ist, wie dies am 18. April 1961 beim Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen bestätigt wurde. Der Heilige Stuhl hat seinerseits die unschöne Praxis fallengelassen, Länder, die diesen Ehrenplatz dem vatikanischen Vertreter nicht einräumen, mit dem abwertenden Titel eines Pro-Nuntius zu „bestrafen“. Stichwort: Träger des Evangeliums Im Juni 2006 rief Papst Benedikt XVI. die zukünftigen Diplomaten des Heiligen Stuhls dazu auf, sich zu „Trägern des Evangeliums der Liebe“ zu machen, das „das Zusammenleben in jeder Gesellschaft menschlich macht“. „In Zukunft werden Sie Gelegenheit haben, mit Bevölkerungen in Kontakt zu kommen, die unterschiedliche Sprachen und Kulturen pflegen. Sie werden das Priesteramt in Kirchen ausüben, die kulturell mitunter sehr von jener abweichen, aus der Sie stammen. Sie müssen dann dazu in der Lage sein, jede christliche Gemeinde zu verstehen, zu lieben, zu unterstützen und zu ermutigen, um überall treue Diener des Charismas des Heiligen Petrus zu sein – ein Charisma der Einheit und des Zusammenhaltes für die gesamte kirchliche Gemeinschaft.“ Foto: Diplomatie hat auch im Vatikanstaat einen hohen Stellenwert: Neujahrsansprache Papst Benedikts XVI. am 9. Januar 2006 in der Regia-Halle vor den im Vatikan akkreditierten Diplomaten

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