Ein Faß ohne Boden

Ludgardo schaut sich vorsichtig um. Dann zählt er blitzschnell die Scheine und läßt sie in seiner linken Hosentasche verschwinden. Aus der rechten zieht er einige rötliche konvertible Pesos und drückt sie seinem Kunden in die Hand. Ludgardo verdient sich als Geldwechsler seinen Lebensunterhalt. Sein Revier ist das Zentrum von Santiago de Cuba. Und das macht dem 35jährigen keiner streitig. Auch die Polizei nicht. Normalerweise. Zurzeit ist in Kuba aber nichts mehr normal. Nicht in Santiago, der östlichen Metropole, nicht in der Hauptstadt Havanna, nicht in den unzähligen kleinen Landstädten, Dörfern und Ansiedlungen. Seitdem der 80jährige Fidel Castro die Amtsgeschäfte an seinen Bruder, Armeechef Raúl Castro, übergeben hat, herrscht auf der größten Antilleninsel permanenter Alarmzustand. Überall patrouillieren Polizei und Armee. Die Polizisten genießen ihre Macht Auf Kundgebungen in den Betrieben und Institutionen werden die Belegschaften auf den Sozialismus eingeschworen. In vielen ostkubanischen Städten wurden die Reservisten mobilisiert. Immerhin sind es von Santiago lediglich knappe 200 Kilometer bis zum US-Marinestützpunkt in der Bucht von Guantánamo. Maidelenes hat die grünen Armee-Lastwagen gesehen. Aber sie hat ihnen keine Beachtung geschenkt. Die 19jährige lebt in Guantánamo. Für das Wochenende ist sie nach Santiago gekommen, um zu tanzen und sich zu vergnügen, um vielleicht einen netten Ausländer kennen zu lernen. Die Verkäuferin hat sich schick gemacht. Das Oberteil ist tief ausgeschnitten, der Rock ultrakurz. Junge kubanische Männer zollen ihr mit Pfiffen ihre Anerkennung. Maidelenes überhört anscheinend die Zurufe und wird doch rot. Mit anderen jungen Leuten steht sie geduldig vor einer Karaoke-Bar am Plaza de Dolores an. Der sogenannte Boulevard ist nachts Treffpunkt. Die Polizei hält sich hier zurück. Trotzdem müssen die jungen Leute vorsichtig sein. Die Ordnungshüter kontrollieren willkürlich. Verdächtig ist, wer nicht in Santiago wohnt, wessen Kleidung als zu offenherzig eingeschätzt wird, wer gerade neben einem Ausländer gesessen hat. Die Polizisten genießen ihre Macht. Minutenlang studieren sie den Ausweis ihres Opfers. Meist erfolgt eine Anfrage in der Zentrale. Liegt gegen den Kontrollierten noch nichts vor, gibt es im günstigsten Fall eine Ermahnung, meistens aber eine Multa, ein Bußgeld. Die 18jährige Liliana zeigt empört den kleinen Zettel. Sie ist wütend, daß sie für eine Prostituierte gehalten wird, und verzweifelt, weil sie sich am nächsten Tag auf einer Behörde melden und 25 nationalen Pesos einzahlen muß. Die Strafe entspricht knapp einem konvertiblen Peso (etwa 0,89 Euro). Das ist schmerzhaft, wenn man nur 200 nationale Pesos im Monat verdient. Zwar hat die Regierung im vergangenen Jahr die Mindestlöhne von bis dahin 100 bis 225 Pesos um 125 Prozent erhöht, aber gleichzeitig ist die Zahl der Arbeitslosen gestiegen. Viele Betriebe geben ihren Beschäftigten nur noch befristete Verträge. Betroffen sind vor allem die schlecht ausgebildeten. Ihnen bietet man die Möglichkeit, abends eine Art Volkshochschule zu besuchen. Wer regelmäßig seine Lehrgänge besucht, erhält dafür 150 nationale Pesos im Monat. Luis Manuel, ein 25jähriger Mulatte, erzählt stolz, daß er seit einem Jahr auf der Abendschule studiert. Englisch! Die Probe aus Exempel ergibt allerdings, daß es sich nur auf spanisch verständigen kann. Rolando dagegen beherrscht rudimentär fünf Sprachen. Der 24jährige Schwarze ist von Beruf Lebenskünstler. „Hello, my friend“, ist sein Lieblingssatz, wenn er einen Touristen, noch lieber aber eine Touristin ansteuert. Im Angebot hat Rolando alles: Stadtführungen, Zigarren, Mädchen, Unterkünfte, Rum und sich selbst. Und bei allem kassiert er natürlich mit. Nicht selten täglich soviel, wie ein Arzt im Monat verdient. Dafür lebt der gelernte Mechaniker gefährlich. Einer seiner Freunde ist unlängst wegen Zuhälterei zu neun Jahren Haft verurteilt worden. „Parasiten sind das“, sagt José verächtlich. Der 39jährige Kraftwerks-Ingenieur arbeitet seit kurzem wieder in seinem Beruf. Zuvor war auch er der Versuchung erlegen, mit Schwarzarbeit schnelle Devisen zu machen. Erst hatte er sich von Bekannten einen Lada gemietet und sich als Schwarztaxifahrer versucht, was gründlich schiefging. José hatte mehr zu tun, das altersschwache Auto zu reparieren. Als er tatsächlich einmal Touristen aufgegabelt hatte, um sie in den Badeort Siboney zu fahren, geriet er prompt in eine Kontrolle. Aber er habe Glück gehabt, sagt José: „Der Staat hat mir eine neue Chance gegeben.“ Dem Ingenieur ist zugute gekommen, daß Fidel Castro 2006 zum Jahr der Energierevolution ausgerufen hat. In einem gewaltigen Kraftakt wurde die Energieversorgung dezentralisiert. Parallel wurden im gesamten Land Glühlampen gegen Energiesparlampen ausgetauscht. Unter der Losung „Kampf den Energiefressern“ suchten Zehntausende blutjunger Sozialarbeiter (trabajadores sociales) alle Haushalte auf, um die Zahl der Kühlschränke, Klimaanlagen, Ventilatoren und Fernsehgeräte zu erfassen. Noch aus vorrevolutionären Zeiten stammende Kühlschränke aus US-Produktion – von 370.000 ist offiziell die Rede – wurden kostengünstig gegen moderne chinesische ausgetauscht. Eine Maßnahme, der viele Hausfrauen gründlich mißtrauen. Die alten Geräte gelten als unverwüstlich, während den asiatischen niemand recht über den Weg traut. „Was, wenn die dreijährige Garantiezeit abgelaufen ist“, fragt Belén. Noch mehr ärgert sie sich aber, daß es kaum noch die Möglichkeit gibt, die Gasflaschen zu füllen. Mit der kleinen Elektrokochplatte, die ihr die Regierung als Ersatz für den Gasherd zur Verfügung gestellt, mag sie sich nicht anfreunden. Trotzdem, Belén geht es gut. Sie ist privilegiert. Mit ihren Schwestern bewohnt sie ein großes Haus mit Innenhof im Zentrum Santiagos. Ein Zimmer wurde so hergerichtet, daß es an Touristen vermietet werden kann. Zwei Töchter sind mit Italienern verheiratet. Auch wenn der Staat einen Großteil der Einnahmen aus der Pension kassiert, das Devisenkonto ist gefüllt. Rafael, dem Hausboy, geht es nicht so gut. Er ist froh, wenn ihm die ausländischen Gäste mal einen oder zwei Dollar zustecken. Dann geht er in eines der immer zahlreicher werdenden Devisengeschäfte in der Innenstadt, kauft sich ein Büchsenbier und setzt sich auf eine Parkbank. Nun gehört er dazu. Der Zugang zu Devisen entscheidet längst über den sozialen Status. Nichts ist den Kubanern wichtiger als der Schein. Millionen Dollar werden jährlich von Exil-Kubanern an ihre Familienangehörigen überwiesen. Der größte Teil des Geldes stammt längst nicht mehr aus Miami, sondern kommt aus Europa. Seit Mitte der neunziger Jahre sind Zehntausende Kubaner nach Spanien, Italien oder Deutschland ausgewandert. Einen europäischen Partner zu finden und ihn zu heiraten, ist der Traum vieler junger Kubaner. Sie hoffen, sich dann das Paradies auf Erden leisten zu können. Daß das Leben in Europa sehr hart sein kann, glauben sie nicht. „Eine kubanische Familie zu besitzen, ist wie ein Faß ohne Boden“, sagt Delia, die seit drei Jahren in Frankfurt lebt und in einem Lebensmittel-Discounter arbeitet. Ein Jahr lang hat sie sich angesehen, wie Eltern und Geschwister ihre schwer verdienten Euro mit beiden Händen aus dem Fenster warfen, um den Nachbarn zu imponieren. „Jetzt gibt es nur noch Geld, wenn ich genau erfahre, wofür es benötigt wird.“ Zähneknirschend hat sich die Familie gefügt, und Delia gilt jetzt als extrem geizig. Aber ins Gesicht sagt ihr das natürlich niemand. Denn ohne die Überweisungen aus Deutschland gäbe es keine Stereoanlage, kein Farbfernsehgerät und erst recht nicht die vielen Köstlichkeiten aus dem Devisen-Lebensmittelladen. Auch wenn der Ein-Liter-Beutel Joghurt beim Händler an der Ecke lediglich drei nationale Pesos kostet, gekauft wird der aus dem gleichen Betrieb stammende Becher für 0,80 konvertible Pesos. Eine weitverbreitete Einstellung, die dem sozialistischen System das Überleben sichert. In den USA hat man das zu spät begriffen. Als die Bush-Regierung 2004 beschloß, Exil-Kubanern nur noch alle drei Jahre Heimatbesuche zu erlauben, und gleichzeitig Geldüberweisungen an Familienangehörige einschränkte, sorgte das zwar für Unmut in der Exilgemeinde in Florida, hatte aber keine Auswirkungen auf den aus Europa fließenden Geldstrom. Als die USA schließlich einer Schweizer Bank Bußgelder in Millionen-Dollar-Höhe aufdrückte, weil Havanna bei dieser seine Dollarkonten hatte, reagierte Castro wie ein gewiefter Schachspieler. Kuba verabschiedete sich vom Dollar als Parallelwährung. Seitdem orientiert sich der Kurs des konvertiblen Peso am britischen Pfund und am Euro. Auch die seit 1962 bestehende und immer wieder verschärfte US-Wirtschaftsblockade verliert in der Praxis immer mehr an Bedeutung. Glaubt man offiziellen kubanischen Zahlen, beträgt der so der sozialistischen Insel entstandene wirtschaftliche Schaden mehr als 82 Milliarden Dollar. Andererseits ist die Blockade ein schier unerschöpflicher Quell für Castros Schimpfkanonaden gegen den Nachbarn im Norden und die Begründung für alle wirtschaftlichen Engpässe. „Ohne die Blockade würde es uns fast so gut gehen, wie Deutschland“, sagt André. Der 40jährige Lehrer ist für kubanische Verhältnisse ein weitgereister Mann. Ende der achtziger Jahre hat er an der Universität Leipzig studiert. Und gerade erst ist er von einem einjährigen Aufenthalt in Südafrika zurückgekehrt. Dort durfte er nicht nur junge Lehrer schulen, sondern auch Nelson Mandela die Hand drükken. Das hat ihn tief beeindruckt. „Solidarität ist wichtig“, sagt André. Zehntausende Pädagogen, Ärzte und Krankenschwestern hat die kubanische Regierung nach Südafrika und Venezuela geschickt. Daß es dabei auch um Erdöl geht, das Castros Busenfreund, der venezolanische Präsident Hugo Chávez, zum Vorzugspreis liefert und welches der Comandante en Jefe zum Großteil gleich weiter verkauft, tut André als Bush-Propaganda ab. Für ihn spielt auch keine Rolle, daß in den kubanischen Krankenhäusern inzwischen ein Engpaß an Ärzten herrscht und deswegen Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen. Dafür erzählt André stolz von einer Anfrage des südafrikanischen Bildungsministeriums. „Die wollen, daß ich zurückkomme.“ Aus Havanna habe er grünes Licht erhalten, aber leider könne er zurzeit nicht weg. Castro wetterte über die Selbstbedienungsmentalität André hat für seinen Auslandsaussatz von der Regierung einen Kredit erhalten, um sich ein kleines Haus bauen zu lassen. Und dem sozialistischen Baukollektiv traut er keine Sekunde über den Weg. Mit Recht, wie ein Blick in die Granma zeigt, die Tageszeitung der kommunistischen Partei. In ihr wetterte selbst Castro schon über die Selbstbedienungsmentalität der Arbeiter. Mitunter läßt er hart durchgreifen. Unlängst wurde ein hoher Parteifunktionär in Santiago wegen Korruption festgenommen. Eine Nachricht, die auch Ludgardo hat aufhorchen lassen. Sonst liest der Geldwechsler lieber die kurzen Nachrichten über die neuesten Kraftwerkshavarien, Dürreperioden und Geldabwertungen in Europa, Asien und Nordamerika. Das sei zum Glück alles weit weg, sagt er. Wie zum Trotz ertönt eine Sirene, und es erscheint ein Lastwagen, aus dem dichter weißer Nebel quillt. Die Kammerjäger in Santiago haben Großeinsatz. Die Stadt kämpft mit dem Dengue-Fieber. Es soll bereits die ersten Toten gegeben haben. Aber das sei ja wirklich kein Thema für die Zeitung, sagt der Geldwechsler. Derartiges würde die Touristen abschrecken, und gegen diese Virusinfektion gebe es eh keinen Schutz. Dann betrachtet re noch einmal die Zeitungsfotos, die einen im Krankenbett liegenden Fidel Castro, dessen Bruder Raúl und Hugo Chávez zeigen. Ludgardo legt den Kopf ein wenig schief: „Sind die Bilder echt?“ Fotos: Die Straßen von Santiago de Cuba: Auf Plakatwänden, auf Kundgebungen in den Betrieben und in all den anderen Institutionen werden die Belegschaften dieser Tage intensiv auf den Sozialismus eingeschworen Kuba, Land der US-Oldtimer: Gehegt und gepflegt, seitdem keine Automobile mehr geliefert werden Mit seinen 110.860 Quadratkilometern hat der sozialistische Inselstaat Kuba etwa ein Drittel der Größe Deutschlands. Auf der Insel leben 11,3 Millionen Einwohner. 51 Prozent der Bevölkerung sind Mulatten, 37 Prozent Weiße und 11 Prozent Schwarze. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt 5.400 US-Dollar (34.580 in Deutschland). Das Wirtschaftswachstum im Jahr 2005 betrug acht Prozent. An der Spitze: der Tourismus. 2005 brachten 2,3 Millionen Touristen Einnahmen von 2,6 Milliarden Dollar.

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