Der Wald brennt in einer Nacht ab

Am Abend des 11. September verstarb im Alter von 79 Jahren Joachim Fest. Die meisten Nachrufe sprechen von dem großen Publizisten, Essayisten, gelegentlich auch von dem Historiker. Gerühmt werden – zu Recht – sein außergewöhnlicher Kenntnisreichtum und sein Stil. Aber sonst wirken die Texte ebenso respektvoll wie uninteressiert. An der Person Fests entzündete sich kein Streit mehr. Das ist in der Vergangenheit anders gewesen. Fests Hitler-Biographie, 1973 erschienen, war nicht nur ein Bestseller, sondern auch eines der am heftigsten diskutierten und angefeindeten Bücher der Nachkriegszeit. Sie löste eine regelrechte „Hitler-Welle“ aus, und der nach Fests Vorlage gedrehte Film „Hitler – Eine Karriere“, der ein Massenpublikum in die Kinos lockte, mußte nach scharfen Protesten zurückgezogen und um Sequenzen ergänzt werden, in denen KZs und ihre Opfer zu sehen waren: Man fürchtete die Wirkung der unzensierten Wochenschauaufnahmen und der Ausschnitte aus den Riefenstahl-Filmen. In der aufgeregten Atmosphäre der frühen siebziger Jahre wurde Fest das Etikett des „Rechten“ angeheftet. Aber das besagt wenig. Schon ein Blick auf seinen politischen Weg bis zu diesem Zeitpunkt hätte eines Besseren belehrt. Der 1926 Geborene stammte aus einer Familie, die im Katholizismus verwurzelt war. Sein Vater Hans Fest gehörte zu den wenigen, die tatsächlich für sich in Anspruch nehmen konnten, in der NS-Zeit Widerstand geleistet zu haben. Nach Militärdienst in der Endphase des Krieges absolvierte Fest ein breit angelegtes Studium, entschied sich aber für eine journalistische Tätigkeit. Seit 1963 arbeitete er als Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks und war maßgeblich am Aufbau des Magazins „Panorama“ beteiligt. Aufschlußreich ist das deshalb, weil „Panorama“ einige Bedeutung für den Meinungswechsel der sechziger Jahre zukam; die „kritische“ Attitüde der Berichterstattung und der Kommentare diente vor allem jüngeren linksliberalen Journalisten zur Einflußnahme. Deckung für die Kulturlinke gehörte auch zur Linie, die Fest ab 1973 als Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen verfolgte. Unter seiner Aufsicht stärkte der Kulturteil der FAZ seine Position als einflußreichster der Bundesrepublik, Irritationen der bürgerlichen Leser über die politische Tendenz nahm man billigend in Kauf. Wenig spricht dafür, daß Fest das Eindringen von Suhrkamp-Deutsch und Emanzipationsgerede goutiert hat, aber er hielt es wohl für taktisch geboten, Spielraum zu geben gegenüber dem konservativen Politik- und dem liberalen Wirtschaftsteil. Der Gerechtigkeit halber sei erwähnt, daß er auch abweichende Positionen zu Wort kommen ließ. Unvergessen ist die Veröffentlichung von Ernst Noltes Text „Vergangenheit, die nicht vergeht“, mit dem 1986 der „Historikerstreit“ begann. Parteinahme darf man daraus aber nicht ableiten. Fest plädierte zwar dafür, daß Nolte das Recht zur Äußerung seiner Gedanken habe, aber sonst blieb seine Position vage. Diese Vagheit war durchaus typisch, und sie vor allem wirft einen Schatten auf Fests Lebenswerk. Er selbst hätte sich wohl mit dem Hinweis auf skeptische Grundhaltung und pessimistische Anthropologie verteidigt, aber das überzeugt nicht. Das Undeutliche war eine Schwäche, die aus Fests Herkunft resultierte, jenem Bürgertum, zu dessen letzten, unzeitigen Vertretern er sich rechnete. Die Zugehörigkeit war an seinem Habitus ebenso erkennbar wie an der Art seiner Bildung und seinen kulturellen Vorlieben. Viele Konservative waren für Fest schon eingenommen, wenn sie die Eleganz und Sicherheit seines Auftretens beobachteten. Beispiele seiner Geschultheit und Geschmackssicherheit finden sich in großer Zahl. Aber mehr noch als das bestimmte ihn die bürgerliche Reserve gegenüber dem Plebs. Deshalb waren im Hitler-Buch die entscheidenden Kriterien für die Beurteilung des „Führers“ bürgerliche: Hitlers Mangel an Herkunft, Respektabilität, Leistung, das Fehlen der Manieren, und umgekehrt erschien als ganz unverzeihlich die Bereitschaft des Bürgertums, diesem Mann zu folgen. Die Frage nach der Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes hat Fest wohl am stärksten beschäftigt, stärker noch als die Frage nach der Verführbarkeit des deutschen Geistes. Dadurch war die Tendenz seiner politischen Stellungnahmen bis zuletzt bestimmt. In einem seiner besten Texte aus der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem 1993 erschienenen Band „Die schwierige Freiheit“, analysierte er hellsichtig die Probleme, die aus dem Ende der utopischen Ordnungen für eine „offene Gesellschaft“ erwachsen, eine Gesellschaft, die sich neu definieren muß, ohne ihre Identität noch aus feindlicher Entgegensetzung gewinnen zu können. Der zweifelnde Tonfall, in dem Fest über die Zukunftsaussichten eines solchen „widernatürlichen“ Gemeinwesens sprach, ist doppelt aufschlußreich: in bezug auf die Demut des Historikers vor dem unbekannten Verlauf der Geschichte einerseits, in bezug auf seine Scheu vor Festlegung andererseits. Fest hat seinem ersten Buch, „Das Gesicht des Dritten Reiches“ (1963), ein Zitat von Georges Sorel vorangestellt: „Jahrhunderte braucht ein Wald, um zu wachsen, in einer Nacht brennt er ab.“ Das war das, was er deutlich und überdeutlich sah: die Vernichtungsarbeit der Kriege und der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts am Bestand der europäischen Kultur. Was er nicht sah, das war die Selbstzersetzung des Abendlandes und die Notwendigkeit, sich ihr entgegenzustellen. Auf entsprechende Hinweise reagierte Joachim Fest mit Unmut und der Klage über das Vergebliche und Gefährliche solcher Anstrengungen. Auch darin lag etwas Bürgerliches; man könnte dem ersten Zitat von Sorel ein zweites zur Seite stellen: „Wovon wird man nach uns leben? Das ist das große Problem, … das das Bürgertum nicht lösen wird.“ Dr. Karlheinz Weißmann , 47, ist Historiker, Gymnasiallehrer und Buchautor.

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