Joachim Kuhs

 

Der „Fall Sürücü“

Helle Empörung – besonders artikuliert von den Blättern mit den dicken Überschriften – ruft das Urteil des Berliner Landgerichts im Falle des „Ehrenmordes“ an der Türkin Hatun Sürücü hervor. Der jüngste Bruder, dem der Mord nachgewiesen werden konnte, wurde nach dem Jugendstrafrecht knapp unter der Höchststrafe verurteilt. Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) legt der Familie Sürücü die Ausreise nahe, weil sie sich über den Freispruch der beiden Brüder des Mörders gefreut habe, denen eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden konnte. Friedbert Pflüger (CDU) pflichtet Körting markig bei. Es ist verblüffend zu sehen, wie diejenigen, die mutwillig das Entstehen von islamischen Parallelgesellschaften in Deutschland durch Begünstigung und Billigung der Masseneinwanderung herbeigeführt haben und dabei immer so getan haben, als bedeute „multikulturelle Gesellschaft“ den befreiend-bereichernden Ausstieg aus der angeblich muffigen Enge des Nationalstaates, wie diese Politiker mal eben ganze Familien in Kollektivhaftung nehmen wollen – eine Idee, die unserer Rechtsstaatsvorstellung zu Recht fremd ist. Natürlich sind wir als Mitteleuropäer entsetzt über die Praxis von „Ehrenmorden“, wie sie aus dem islamischen Kulturraum zu uns importiert werden. „Ehrenmorde“ und „Zwangsheiraten“ müssen unterbunden werden. Aufhorchen lassen sollte jedoch die Verachtung, die darüber hinaus der traditionellen Familie, wie sie im islamischen Kulturraum noch eher existiert als im westlich-europäischen, aus dem Munde von linksliberalen Multikulturalisten entgegenschlägt. Hier prallt eine dem hemmungslosen Individualismus huldigende Weltanschauung auf eine in Tradition und Religion fest verwurzelte Kultur, in deren Zentrum die Familie als gesellschaftliches „Minimum“ noch nicht in ihrer Substanz angegriffen wurde. Daß eine Schwester der Ermordeten jetzt das Sorgerecht für deren Kind erstreiten will, das derzeit bei Pflegeeltern untergebracht ist, ist keineswegs so unglaublich, wie dies der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck und andere finden, sondern letztlich selbstverständlich! Der Fall Sürücü ist besorgniserregend. Erschreckender ist aber darüber hinaus, wie weit fortgeschritten der Verfall der Institution Familie unter den Deutschen selbst ist. Die Familie Sürücü dient daneben als zur Fratze entstellte Karikatur der vielfach intakten türkischen Großfamilien. Hier werden Ressentiments nicht nur gegen traditionelle türkische Familien, sondern das Modell der Familie überhaupt geschürt. Noch nie wurden in Deutschland Ehen so schnell geschieden, noch nie blieben so viele Ehen kinderlos, noch nie wuchsen so viele Kinder mit alleinerziehenden Elternteilen oder in sogenannten „Patchwork“-Familien auf. Das geht oft gut, aber immer öfter eben auch nicht. Die Familie zerbröselt auch, weil man sich mittlerweile angewöhnt hat, daß der Staat überall einspringt. Ob in der Rütli-Schule oder in Problemfamilien: Überall schwärmen Sozialarbeiter aus, sitzen Familienrichter zu Rat, greifen die Sozialämter ein. Die Familie ist an der Umarmung des Sozialstaates und des Individualismus erstickt. Im Fallen reißt sie eine haltlose Gesellschaft mit sich. Foto: Mordopfer Sürücü

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