Das Fanal von Erfurt

In der vergangenen Woche, exakt am Reformationstag, hat der 73jährige pensionierte Pfarrer Roland Weißelberg sich vor dem Erfurter Augustinerkloster, das eng mit dem Namen Martin Luthers verbunden ist, mit Benzin übergossen und angezündet. Am nächsten Tag erlag er seinen schweren Verletzungen. Wie bekannt wurde, handelte er aus Sorge vor der Ausbreitung des Islam und aus der Befürchtung, seine Kirche sei zu blind und zu schwach, um diese Herausforderung anzunehmen. Über Weißelbergs Freitod wird nur zurückhaltend berichtet, doch völlig mit Schweigen übergehen läßt er sich auch nicht. Es wird also gemenschelt und psychologisiert. Weißelbergs Flammentod hat mehr von der Situation dieses Landes erhellt, als es ertragen kann, weshalb es sich mit zitterndem Herzen abwendet. Das letzte Geheimnis eines Freitodes ist unergründlich, aber sich über einen Mann, der als gebildet, lebensfroh und streitbar geschildert wird, in privatisierenden Mutmaßungen zu erschöpfen, anstatt die Spur aufzunehmen, die er selber gelegt hat, stellt eine unzulässige Entpolitisierung seines Entschlusses dar, hinter dem ganz klar politische Motive aufscheinen. Denn das Selbstopfer, als das Weißelbergs öffentlicher Suizid angelegt war, richtet sich auch als Vorwurf an Politik, Medien und Kirche. „Jesus“ und „Oskar“ soll er gerufen haben, als er schon in Flammen stand – ein Fingerzeig auf das tiefste Trauma der evangelischen Amtskirche. Hatte sie doch zusammen mit dem DDR-Staat zunächst versucht, die Zeitzer Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im August 1976 als die Tat eines Verrückten darzustellen. Das war folgerichtig, denn wer den Zwangsstaat repräsentiert oder bagatellisiert, muß denjenigen, der den Zwang benennt, für krank erklären, um selber als moralisches Wesen zu überleben. „Die Tat eines Irren?“ fragte auch jetzt das ehemalige SED-Blatt Thüringer Landeszeitung, was aber wohl ein Regiefehler war, denn Pfarrer Brüsewitz gilt heute als Kronzeuge des Widerstands. Doch ist diese Infamie bezeichnend für den Stumpfsinn, gegen den Pfarrer Weißelberg vergebens anlief. Die zuständigen Bischöfe Christoph Kähler und Axel Noack erklärten: „Ein Rückschluß von der Tat eines einzelnen auf größere Zusammenhänge ist nicht zu verantworten.“ Das ist hübsch doppeldeutig. Ist denn nicht einst Luther gegen den größten überhaupt denkbaren Zusammenhang, die römische Weltkirche, als einzelner aufgestanden? „Nicht zu verantworten“ ist dieser Rückschluß doch höchstens nach den Maßstäben einer falschen Politik, der die evangelische Kirche leider die pseudo-spirituelle Basis bereitet hat. Und was soll der bischöfliche Einwand, die muslimische Frage sei in Thüringen doch bloß eine theoretische? Verlangt nicht gerade die Kirche von ihren Schäfchen, in größeren Zusammenhängen zu denken? Wie verhält es sich dann mit dem kirchlichen Dauereinsatz für die „Dritte Welt“, die für die meisten nun wirklich graue Theorie ist? Der Versuch, Brüsewitz totzuschweigen oder zu verleumden, scheiterte an der deutschen Zweistaatlichkeit. Der Resonanzraum, den sie für Dissidenten eröffnete, hat sich mit der Wiedervereinigung aber geschlossen. Es ist eine interessante Frage, inwiefern Weißelbergs Entschluß auch aus Enttäuschung über die Wiedervereinigung entstanden ist, über den Erstickungstod der kaum errungenen Freiheit der Rede und des politischen Streits durch die wattierte Gewalt der normierten Sprache und unblutiger Ausschlußmechanismen. Seine Versuche, den Vormarsch des Islam zu thematisieren, stießen in der Amtskirche auf unüberwindbaren Widerstand. Lieber disputiert man über „interreligiöse Dialoge“ unter Mottos wie: „Aus Fremden werden Freunde“. Existentielle politische und religiöse Fragen werden auf dem Niveau einer auf naives Verständnis und Nachgiebigkeit getrimmten Familienmoral abgehandelt. Das wirkliche Problem ist nicht der Islam in Deutschland, sein Bestreben nach Ausbreitung ist nur der natürliche Impuls einer Religion. Problematisch ist das Fehlen des kraftvollen Gegendrucks, der aus dem Eigenen kommt und den Weißelberg vermißte. Bassam Tibi, der Theoretiker des „Euro-Islam“, hat kürzlich in einem Interview dafür bittere Worte gefunden. Die Europäer stünden nicht mehr zu den Werten ihrer Zivilisation, sie verwechselten Toleranz mit Relativismus. Die Islamfunktionäre empfänden das als Schwäche. Auch Deutschland könne „den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selbst kaum eine haben. Das ist wohl eine Folge von Auschwitz.“ Oder vielmehr davon, daß es zur kulturellen, moralischen, politischen und quasi-religiösen Basis des Gemeinwesens gemacht wurde. Brüsewitz wie Weißelberg stammten aus Ostdeutschland, der eine aus Willkischken im Memelland, der andere aus Königsberg. Auch das mag ein Schlüssel zu ihrem Handeln sein. Wem die natürliche Verwurzelung in einer Heimatregion nicht gegeben ist, der empfindet politischen Druck oder die Gefährdung des eigenen Landes, dessen Unfähigkeit zur Selbstbehauptung, zur Zurückweisung physischer und moralischer Angriffe doppelt schmerzhaft. Und in dieser Welt, schreibt Arnold Gehlen, „ist man selbst von den Kirchen verlassen, die die Wahrheit nicht mehr auf der Rückseite des Lebens suchen, sondern vorne mitspielen wollen“. Nun ist die real-existierende evangelische Amtskirche selber Teil eines größeren Zusammenhangs, den man als „deutsche Nachkriegstragödie“ bezeichen kann, ihre Blindheit und Wehrlosigkeit fügen sich in ihn ein, auch wenn sie sich besonders aktiv gebärdet. In dem Kapitel „Über Sprachlosigkeit und Lüge“ hat Gehlen diesen Zusammenhang umrissen. Das Böse, schreibt er, könne „auch darin bestehen, daß jemand unter Bedingungen gesetzt wird, in denen Überleben und Sichtreubleiben sich ausschließen (…) Die Ehrverweigerung, die Entwürdigung und Demütigung, der auferlegte Zwang, unter niedrigen Umständen leben zu müssen, das sind böse und empörende Zumutungen, und gegenüber der herrschenden Meinung ist die Vermutung be­rechtigt, das Böse könnte in seiner äußersten Aufgipfelung einer kalkulierten Aggression gegen den Wehrlosen gerade darin bestehen, ihn unter entwürdigenden Bedingungen am Leben zu lassen.“ Wenn man das Böse in diesem Sinne definiert, muß man zu dem Schluß kommen, daß es von der evangelischen Kirche Besitz ergriffen und sie zu seinem Werkzeug gemacht hat. Weißelberg muß das geahnt und von dieser Ahnung zu seinem Flammentod bestimmt worden sein.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles