Joachim Kuhs

 

Verfallsdatum abgelaufen

So muß es auf deutschen Opernbühnen vor Erfindung des Regietheaters ausgesehen haben: Die Herren ergehen sich, wenn sie sich nicht in ritterlichen Posen auf Stuhlkanten oder zum Sterben auf den Bühnenboden plazieren, in männlich-freundschaftlichen Umarmungen, zum Abschied, zum Wiedersehen, zum Bund oder zu nicht näher begründetem Anlaß. Die Dame geht ob des Gewichts seelischer Last zu Bühnenboden, wobei sie nicht vergißt, ihr offen fallendes Blondhaar zur Geltung zu bringen. Die Chorherren ergehen sich in Tableaus, sicherheitshalber in Rampennähe, und das Orchester ergeht sich in dickem, ranzigem Brei, manchmal mit den Sängern zusammen, meistens – in der fünften Vorstellung unter dem Dirigat von Attilo Tomasello – nicht. Doch so sieht es lange nach Erfindung des Regietheaters auf deutschen Provinzbühnen aus – und ab und an auch in Berlin. Ricke liebt Fritz, hat aber mit Karl geschlafen. Das war in der Umgebung von Nürnberg. Karl platzt in Rickes Hochzeit mit Fritz herein, Ricke kann sich nicht entscheiden und entscheidet sich für keinen von beiden, beichtet Fritz abschiedsbrieflich ihren Fehltritt, wobei sie nicht vergißt, ihn ihrer Liebe zu versichern. Das war im Schwarzwald. Fritz platzt in eine Herrenrunde herein und fordert Karl zum Duell, aber die runden Herren lenken die Todessehnsucht der beiden auf überpersönliche Zwecke. Das war in Königsberg. Ricke findet ihren sterbenden Ehemann unweit ihres toten Beschälers. Das war bei Leipzig. Fritz heißt Federico Loewe und Karl heißt Carlo Worms, nur Ricke heißt Ricke und ist eine Allegorie auf Germania, die erst wirklich frei werden kann, wenn sie den Widerspruch zwischen Wort und Tat, Leyer und Schwerdt, abgetötet, pardon: überwunden hat. Wir befinden uns im Jahr 1806 in einer illegalen Druckerei, wo deutsche Professoren und Studenten gegen den Weltgeist zu Pferde, der ihrem zerstückelten Land den Code Civil aufzwingen will, und seine deutschen Kollaborateure anschreiben. Wir befinden uns nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt mit Hochzeitspfarrer Stapps unter kopfstehender deutscher Eiche und einige Jahre später mit den Herren vom Luisenbund in unterirdischem Kellergewölbe, wo sie sich Königin Luise als neue Thusnelda imaginieren. Wir befinden uns 1813 „auf der düsteren Leipziger Ebene“, wo sich der „Himmel und die Legende (…) zu einer einzigartigen poetischen Verschmelzung von Blut und Ruhm mit der Erde und der Geschichte“ vereinigen: „Iwain, Lanzelot vom See, Wigalois und all die anderen alten Helden reiten auf ihren schneeweißen Rössern von der sagenumwobenen Walhalla herab, um Hermanns neuen Ruhm zu bestaunen …“ So und immer so weiter steht es im Libretto. Angerichtet hat die Völkerschlachteplatte Luigi Illica, mit dessen „schrecklichen Versen“ noch Puccini seine liebe Not haben würde, in musikalisches Öl eingelegt hat sie Alberto Franchetti, musikalischer Zeitgenosse der Impressionisten und Veristen und Vorsitzender der Wagner-Gesellschaft Bologna. Sein Dramma lirico „Germania“ – 1902 in Mailand unter Toscanini uraufgeführt, den Federico sang Caruso – irrt im Niemandsland zwischen Großer Oper Meyerbeers, italienischer Oper und nachwagnerschem Musikdrama herum, ohne sich je auf eine Seite schlagen oder alle Seiten zum Friedensschluß bewegen zu können. Der Oper fehlt es weder an Tat- noch an Wortmenschen, weder an allerlei historisch belegten Figuren, die denn auch brav zu Tische kommen, wenn sie aufgerufen werden, noch an übersinnlichen Erscheinungen und mysteriösen Stimmen. Es fehlt nicht an opernhaften Vorwürfen wie sexuelle Nötigung, Erpressung, Verrat und Lynchjustiz, Gewitter und Schlachten. Es fehlt an dramaturgischer Schlüssigkeit, an Durcharbeitung des musikalischen Materials, welche allein zwischen inneren und äußeren Konflikten Zusammenhang herzustellen vermöchte. Das macht die Epigonalität von Franchettis „Germania“ aus. Franchettis aus Germanophilie und Germanophobie und auch aus jüdischem Selbsthaß gespeiste Melange aus Männertugend und Liebestod, aus Liedzitat und Stilkopie hat wertende Interpretation, also Regietheater, bitter nötig. Doch wir befinden uns in der Deutschen Oper Berlin, und da inszeniert die rührige, seit 2004 amtierende Intendantin Kirsten Harms höchstselbst. Allein, in Berlin zieht die Masche nicht, blind zu servieren, was vor gut hundert Jahren angerichtet wurde, ohne auf Verfallsdaten zu achten. Franchettis Ware war vor gut hundert Jahren schon nicht mehr ganz frisch. Harms‘ Unvermögen als Regisseurin wie auch ihr Unvermögen, ihres Unvermögens innezuwerden, gibt Sujet, Libretto und Musik, vor allem aber die Mitwirkenden dem Hohn und Spott des Publikums preis. Das Publikum soll nicht lachen, doch es muß, wenn sich mittelmäßige Solisten – Carlo Ventre (Federico), Bruno Caproni (Carlo), Lise Lindstrom (Ricke) – in biederer Kostümierung (Gabriele Jaenicke) und in einem Bühnenraum (Bernd Damovsky), der erzählende Arrangements nachhaltig verhindert, selbstgefällig spreizen. Das Vorhaben, einen musikalischen Zusammenschnitt zweier Vorstellungen auf den Markt zu werfen, ist tolerabel, die Inszenierung auf DVD zu veröffentlichen, ist dreist. Die nächsten Aufführungen an der Deutschen Oper, Berlin, Bismarckstr. 35, finden statt am 17. November, 22. Dezember, 5. und 21. Januar 2007. Internet: www.deutscheoperberlin.de

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