Joachim Kuhs

 

Zwang funktioniert niemals

Als Erfolgsrezept Finnlands, des Siegers der ersten Pisa-Studie von 2003, wird gelegentlich angeführt, daß die skandinavischen Länder ausländische Filme und Fernsehsendungen nicht synchronisieren, sondern in der Originalsprache mit Untertiteln zeigen. Das ist täglicher Sprachunterricht, freiwillig und unterhaltsam. Doch wie steht es um das gute Abschneiden der finnischen Schüler nicht nur bei den Fremdsprachen, sondern auch in den anderen Fächern? Hier erweist sich als Vorteil, daß die einzelnen Schulen ihre Lehrpläne selber gestalten. Eine zentrale Steuerung durch ein Ministerium gibt es nicht. Die Zentrale in Helsinki legt die Bildungsziele nur ganz grob fest und läßt den Schul-leitungen und Lehrern genügend Ermessensspielraum für die Lehrinhalte ihrer Fächer. Sollte das finnische Schulsystem also Reformvorbild für das übrige Europa und auch Deutschland sein? Ich meine: Nein. Das staatliche Schulsystem ist falsch. Deshalb ist es nicht reformierbar, sondern sollte abgeschafft werden. Das finnische System ist lediglich der Hauch einer Andeutung dessen, was möglich wäre, wenn man das Bildungswesen ganz in die Freiheit entlassen würde. Alles, was der Staat anbietet, ist teuer und qualitativ minderwertig – und wird im Zeitablauf immer teurer und schlechter. Das kann gar nicht anders sein, denn der Staat – genauer: die Regierung, die Behörden und Funktionäre – sind keine Unternehmer. Sie gehen nicht mit eigenem Geld ins Risiko, sind nicht dem innovativen Wettbewerb ausgesetzt und werden nicht vom Markt grausam bestraft, wenn ihre Angebote nicht die Konsumentenwünsche treffen. Es ist kein Zufall, daß die DDR-Ingenieure (trotz guter Ausbildung) in 40 Jahren nur den Trabi hervorgebracht haben, ihre Kollegen im Westen aber die besten Automodelle der Welt in unübersehbarer Vielfalt. Es ist auch nicht verwunderlich, daß die knappe Million Exil-Kubaner in den USA mehr Sozialprodukt erzeugt als ihre zwölf Millionen Landsleute auf der Insel. Der Grund ist ganz einfach: Weil die einen (in den USA) bei Unternehmern arbeiten – und die anderen (auf Kuba) unter Funktionären. Dasselbe galt für die arbeitenden Menschen in Deutschland West und Ost. Man schaue sich doch an, welches Feuerwerk an Innovationen und technischen Wundern in kurzer Zeit entstand, als man privaten Anbietern den Zugang zum Telekommunikationsmarkt erlaubte. Vorher haben wir vierzig Jahre lang den Finger in Wählscheiben klobiger Telefonapparate gesteckt und als Fortschritt gefeiert, als der Steinzeithobel statt in Schwarz auch in Grau erhältlich war. Wenn die Computertechnik in Staatshand wäre, hätten die PCs – falls es sie überhaupt gäbe – den Umfang einer Schrankwand, würden mehr kosten als ein Ferrari und könnten weniger leisten als ein privat produzierter Taschenrechner. Warum sollte es beim staatlichen Bildungswesen anders sein! Es wird von Reform zu Reform miserabler und spuckt mehr und mehr Schüler und Studenten aus, deren Wissen und Können auf den Arbeitsmärkten nicht gebraucht wird und deren Lebenstüchtigkeit immer brüchiger wird. Schuld sind nicht die Schulleitungen und Lehrer, sondern das System. Die Lehrer sind nur die Sündenböcke des falschen Systems, die sich, desillusioniert und frustriert, immer früher und zahlreicher in die Frühpension flüchten – oder auf die Couch des Psychiaters. Lehrer zu sein ist zum Schreckensberuf geworden. Schuld sind aber auch nicht die Schüler und die Eltern. Auch sie sind Opfer des falschen Systems. Das erstaunlichste an der Misere ist, daß die Bürger sich das gefallen lassen, ja es sogar für richtig und notwendig halten. Da bewegen sie sich täglich in Geschäften und Supermärkten, in denen Hunderte von Fleisch-, Wurst- und Käsearten, von Brot-, Tee- und Kaffeesorten angeboten werden; sie haben die freie Wahl aus unzähligen Getränken und Süßigkeiten, aus einer unabsehbaren Fülle verschiedenster Textilien, Schuhe, Bücher, Zeitungen usw. usf. Und all das funktioniert freiwillig, ohne jeden Zwang. Aber wenn dieselben Leute vor der wichtigen Frage stehen, wo und wie die Bildung ihrer Kinder erfolgen soll, ergeben sie sich willig dem staatlichen Schulzwang und Einheitsangebot. Mit erzwungenen Steuern müssen sie für das Schulwesen und die Universitäten zahlen, ob sie Kinder haben oder nicht, ob sie mit den Lehrinhalten einverstanden sind oder nicht, und ob die ihren Kindern vorgesetzten Lehrer etwas taugen oder nicht. Und die Kosten für diesen Zwangsapparat steigen und steigen, obwohl die Schülerzahl sinkt und die Bildungsergebnisse immer miserabler werden. Der amerikanische Autor und Investmentberater Harry Browne hat ermittelt, daß die Marktkosten für die Bildung aller Schüler in den USA niemals – egal, wie man rechnet – die Summe von 150 Milliarden Dollar übersteigen würden. Das staatliche Schulwesen verschlingt aber mehr als 400 Milliarden Dollar. Mindestens 250 Milliarden Dollar ließen sich also durch Privatisierung des Schulwesens einsparen – und zugleich würden Vielfalt und Qualität des schulischen Angebots explodieren. Dasselbe gilt natürlich – nur mit anderen Zahlen – für Deutschland und das übrige Europa. Unter dem Druck des Wettbewerbs müßten sich die Schulen anstrengen, Bildung und Ausbildung in kürzerer Zeit, effizienter und brauchbarer zu vermitteln, verbunden mit größerer Benutzerfreude der Schüler. Eltern und Schüler hätten ständig die freie Wahlmöglichkeit zwischen den verschiedensten Angeboten. Und auch wenn sie mit einer gewählten Schule zufrieden wären, so gäbe es doch stets noch bessere Angebote – entweder zu geringeren Kosten oder mit höheren Erfolgsquoten bei der Studienzulassung, oder Schulen mit Lehrplänen für die speziellen Neigungen und Anlagen ihrer Kinder: Schulen, die entweder mehr Gewicht auf Sport oder Musik legen, mehr Gewicht auf Sprachen oder Naturwissenschaften, mehr auf klassische Bildung, mehr auf kaufmännische oder auf technische Fächer usw. Außerdem gilt das, was der Trierer Wissenschaftstheoretiker Gerard Radnitzky mit Blick auf die Studenten gesagt hat, auch für Schüler: „Nur bei einer echten (eigenen!) Investition legt man Wert darauf, daß sie ‚etwas bringt‘. Das heißt: Nur wenn die Studenten ihr Studium selber etwas kostet, berücksichtigen sie bei der Wahl des Studiums die wahrscheinlichen Arbeitsmarktchancen.“ Der häufigste Einwand der seit hundert Jahren auf Staatshörigkeit getrimmten Deutschen (auch das eine Folge des staatlichen Schulmonopols!): „Was machen dann die Armen, die sich Schulgeld nicht leisten können?“ Die Antwort: Wenn das Bildungswesen und das Gesundheitswesen und die Altersvorsorge privatisiert wären und die Bürger die entsprechenden Steuergelder behalten dürften, gäbe es kaum noch arme Leute in unserem Land. Auch weil alles billiger und besser zu haben wäre und weil die Zahl der neuen Arbeitsplätze in all diesen Sektoren genauso explodieren würde, wie es im Bereich der befreiten Telekommunikation zu beobachten war. Und was bezüglich der wenigen verbleibenden Armen geschehen würde, kann jeder berichten, der ein kirchlich orientiertes Internat besucht hat, daß nämlich mehr als 90 Prozent der Eltern freiwillig ein höheres Schulgeld bezahlen, damit das Internat auch Schüler aufnehmen kann, deren Eltern sich das nicht oder nur teilweise leisten können. Auch die Sponsoren- und Stipendien-Aktivitäten würden neu erblühen. Man schaue sich nur die privaten Universitäten in den USA an, denen die Eliten der Nation entstammen und die mit gewaltigen privaten Sponsorenbudgets bedacht werden. Außerdem würden die Bildungskosten gewaltig sinken und die Bildungserträge im späteren Berufsleben steigen. Genau deshalb kann man beispielsweise in Indien beobachten, daß gerade in den Armenvierteln der Städte immer mehr private Grund- und Hauptschulen entstehen. Die Armen zahlen lieber etwas Geld für eine bessere Bildung ihrer Kinder, als sie in die kostenlosen, aber untauglichen öffentlichen Schulen zu schicken. Dasselbe entwickelt sich derzeit in China. Oft ist zu hören, eine Privatisierung von Schulen und Universitäten wäre „das Ende der klassischen Bildung“. Man würde nur noch lehren, was „markttauglich“ sei. In Wirklichkeit wäre das Gegenteil der Fall. Es stimmt, daß überwiegend – aber nicht nur noch – „brauchbares“ Wissen vermittelt werden würde, aber das wäre kein Fehler, sondern würde die Arbeitslosigkeit drastisch senken und das akademische Proletariat inklusive seines kulturrevolutionären Potentials verringern. Andererseits läßt die im staatlichen Lehrapparat gängige allgemeine Halbheit und Laschheit beides ersterben: die „brauchbaren“ Kenntnisse (die man jetzt der Berufsausbildung und den firmeninternen Schulungen überläßt) – und die klassische Bildung: Wer lernt denn heutzutage noch Latein und Griechisch, Logik und Wissenschaftstheorie? In einem freien, privaten Bildungswesen würden zwar die meisten Schüler und Studenten in der Tat das lernen, was am Markt gebraucht wird, aber jeder, der es möchte, könnte auch eine Schule finden, die ihn in der klassischen Bildung unterrichtet. Beim staatlichen Einheitslehrplan wird das zunehmend unmöglich, weil man wegen der geringen Zahl an Interessierten nicht den ganzen Lehrplan ändern oder das Lehrpersonal aufstocken kann. Ein anderer häufiger Einwand: „Verbesserungen müßten sich doch auch in staatlichen Schulen vornehmen lassen.“ Die Antwort: Nein. Weil der Staat als Unternehmer (Anbieter) immer eine Katastrophe ist, und weil Zwang niemals funktioniert. Zwang ist nicht nur unmoralisch und rechtsverletzend, sondern auch ineffizient. In Verbindung mit der Schulpflicht ist das staatliche Zwangsmonopol auf Schulbildung und Lehrinhalt nichts anderes als ein Kidnapping unserer Kinder zu Zwecken staatlicher Indoktrination. Niemals hätten die 68er ihren – alle tradierten Bindungen zersetzenden – Pesthauch über ganz Deutschland ausbreiten können, wenn ihre strategisch besetzten Kaderschmieden, die Pädagogischen Hochschulen, private Institutionen wären, in denen Lehrer für private Schulen ausgebildet werden. Wohin die Reise beim staatlichen Bildungsmonopol geht, ist an der sich rasch ausbreitenden Geisteskrankheit namens Politische Korrektheit zu erkennen, die schon jetzt in Mei-nungs- und Denkverbote und in eine politische Ge-sinnungsdiktatur mündet. In den USA bahnt sich bereits die Krönung dieses neuen Totalitarismus an: Mit der neuen Präsidenten-Initiative, New Freedom Commission of Mental Health genannt, hält die Psycho-Kontrolle in die Staatsschulen Einzug. Millionen von Schülern sollen psychiatrischen Tests unterworfen werden, damit man die „Abweichler“ und „Politisch Unkorrekten“ zu Verrückten erklären und einer staatlichen Entmündigungsbürokratie ausliefern kann. In seinem Buch „Political Correctness and Public Finance“ hat der britische Erziehungswissenschaftler Dennis O’Keefe die tödlichen Gefahren benannt, welche der Zivilisation aus dem öffentlichen Schulwesen drohen. 1) Wir wissen, daß umfassender Sozialismus desaströse Folgen hat; aber wir haben noch immer nicht erkannt, daß ein sozialisierter Sektor wie das Bildungswesen auch dann, wenn er in eine überwiegend marktwirtschaftliche Ordnung eingebettet ist, Schlimmes erzeugen kann. Das mindeste, was er erzeugen kann, sind sozialistische Ideologien. 2) Der Sozialismus des staatlichen Bildungswesens ist keine Frucht des Kapitalismus, sondern ein Parasit des Kapitalismus. Er kann nur leben, weil der Kapitalismus ihm all seine Verschwendungen und Mißproduktionen finanzieren muß. Das ist Wohlstandszerstörung makabren Umfangs. 3) Unser öffentlich finanziertes Bildungswesen eröffnet den Anhängern perverser Überzeugungen die Gelegenheit zur Verbreitung ihrer Ideen in einem noch nie gekannten Ausmaß. 4) Die Angebotsseite des staatlichen Bildungswesens hat quasi Narrenfreiheit bei ihrem Anspruch, anderer Leute Verstand zu manipulieren. 5) Dem Wohlfahrtsstaat und dem sozialistischen (staatlichen) Bildungswesen ist gemeinsam, daß die Eliten, die beide Systeme betreiben, den Ertrag ihres Tuns privatisieren und die Kosten sozialisieren können. 6) Bildung und Erziehung bedeuten permanente Reproduktion unserer Zivilisation und permanentes Heranziehen erwachsener Persönlichkeiten. Der Staat ist niemals fähig, die hierzu erforderliche inhaltliche und moralische Feinsteuerung für Millionen von Kindern und Jugendlichen vornehmen zu können. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Dazu sind allein die Eltern und die von ihnen (!) beauftragten Erzieher in der Lage. Wer meint, diese Erkenntnisse seien neu, irrt sich. Im antiken Athen hat der Staat im Erziehungs- und Bildungswesen keine Rolle gespielt (mit Ausnahme eines zweijährigen Militärdienstes). Die Eltern zahlten für den Unterricht ihrer Kinder an eine der zahlreichen Privatschulen ihrer Wahl. Auch die ärmsten Familien bemühten sich, für den Unterricht ihrer Kinder aufzukommen. Oft halfen Verwandte und Freunde mit Zuschüssen. Es gab keine staatliche Behörde, die hätte festlegen können, wer was zu lehren oder zu lernen hatte oder wer lehrberechtigt war. Das Ergebnis dieses freien Schulwesens war eine Zivilisation, die jede andere der antiken Welt überragte. Athen war das geistige Zentrum des Abendlandes und der Quell fast allen Fortschritts in Mathematik, Philosophie, Literatur, Theater und Forschung aller Art. Im Gegensatz dazu war der Erzie-hungs- und Bildungssektor des Nachbarn Sparta ein Staatsmonopol. Es galt, die militaristische und kollektivistische Ideologie des Lykurg und der nachfolgenden Führer zu sichern. Die Kinder wurden als Eigentum des Staates betrachtet, und der benutzte sein Erzie-hungsmonopol dazu, gehorsame und kriegerische junge Männer heranzuziehen, die bereit waren, ihr Leben dem Ruhm des Staates und seiner Funktionäre zu opfern. Die intellektuellen, wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen der Spartaner waren gleich Null. Sparta ist ein früher Beleg dafür, daß das staatliche Bildungsmonopol eine der schlimmsten Katastrophen ist, die einem Volk und seiner Kultur widerfahren können. Die Methode „Sparta“ geht auch auf die „sanfte Tour“. Damit sie sicher funktioniert, beginnt man am besten bei den Kleinkindern. Die Forderung des SPD-Generalsekretärs Olaf Scholz nach der „Lufthoheit über den Kinderbetten“ läßt diesbezüglich keinen Zweifel offen. Mit der staatlichen Ganztagsschule wird die Kollektivierung der Jugend – und somit (zeitverzögert) der gesamten Bevölkerung – perfektioniert. Ziel ist ein Volk von vollständig staatsabhängigen Lemmingen – oder anders formuliert: die Zerstörung der „bürgerlichen Familie“. Es gibt aber nur entweder die bürgerliche Familie – oder gar keine. Womit die Episode namens Zivilisation (mal wieder) beendet wäre. Roland Baader ist Nationalökonom, Sozialphilosoph und Autor zahlreicher Bücher und Schriften. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über den „Markt als Drachentöter“ (JF 51/04).

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