Was bleibt, wenn die besten Köpfe gehen

Es ist einer dieser ganz gewöhnlichen Samstage. Alexander P., 32, ist noch einmal ins Chemielabor gegangen. Den weißen Kittel übergestreift sitzt er vor einem Kernspintomographen und sieht sich die Ergebnisse einer dreiwöchigen Synthese an. Alexander P. ist Postdoktorand an der renommierten Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts. Und während seine akademische Laufbahn die Erfolgsgeschichte eines hochbegabten deutschen Spitzenforschers darstellt, veranschaulicht sie zugleich eines der vielen Symptome des kranken Patienten Deutschlands – den oft zitierten „Braindrain“. Unter diesem Begriff versteht man die Emigration der Intelligenz eines Volkes, eben jener besonders ausgebildeten und talentierten Menschen eines Landes, die im produktiven Kern einer Volkswirtschaft die Werte schaffen, auf denen der Wohlstand einer Nation beruht. Am Beginn einer langen Wertschöpfungskette steht das geistige Potential eines Landes, sind Ideen und Wissen zu Hause. Hier werden bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckungen gemacht und Hochtechnologien entwickelt, wird der Grundstein für die zukünftige Leistungsfähigkeit einer Nation gelegt. Am Ende dieser Wertschöpfungskette wartet der umverteilende Sozialstaat. Wenn aber am Anfang die Besten der Besten fehlen, dann ist es nicht verwunderlich, wenn die Quellen des Wohlstands eines Tages versiegen. In der deutschen Geschichte machte sich das Phänomen Braindrain erstmalig nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nochmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemerkbar. So basiert etwa der Erfolg der US-Raumfahrtbehörde NASA im wissenschaftlich-technologischen Wettlauf mit der Sowjetunion auf einer Gruppe von Forschern um den Deutschen Wernher von Braun, der als Vater der US-Raumfahrt angesehen werden darf. Auch die DDR hatte zwischen ihrer Gründungsphase und dem Mauerbau 1961 im wissenschaftlichen Bereich stark „bluten“ müssen – sie hat bis zu ihrem Zerfall 1989 keinen einzigen Nobelpreisträger hervorgebracht. Bald 20.000 deutsche Wissenschaftler in den USA Alexanders Geschichte beginnt an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Da er das Grundstudium in sämtlichen Fächern mit der Bestnote abschließt, wird die Studienstiftung des Deutschen Volkes auf ihn aufmerksam. Drei Jahre lang ist er ihr Stipendiat. Während eines Austauschjahrs an der University of Texas in Austin entdeckt der ihn betreuende Professor Alexanders Talent und wirbt den deutschen Nachwuchswissenschaftler erfolgreich ab. Seit 2003 trägt er den Titel eines Doctor of Philosophy (Ph.D.). Den Einstieg ins Berufsleben schiebt er zwei weitere Jahre auf, denn seine Bewerbung um eine Stelle als Postdoktorand bei einem renommierten Professor am Department for Chemistry and Chemical Biology der Harvard-Universität ist erfolgreich. „Die USA sind das wichtigste Zielland deutscher Nachwuchswissenschaftler/innen, die nach der Promotion als Postdoktoranden im Ausland forschen“, hat Katja Simon, Leiterin des vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) vor zwei Jahren ins Leben gerufenen Projekts GAIN (German International Academic Network), festgestellt. Ziel von GAIN ist es, deutsche Wissenschaftler zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen. Dies soll durch den Aufbau einer Datenbank über Deutsche in den USA und die Bereitstellung von Informationen über die Hochschul- und Forschungslandschaft in Deutschland erreicht werden. Der Erfolg des noch jungen Projekts ist jedoch fraglich. „Das ist ja ein ganz netter Versuch, aber solange sich an den Verhältnissen in Deutschland nicht entschieden etwas ändert, ist das vergebene Liebesmüh“, so Alexander P. nüchtern. Der Anteil der in den USA tätigen Deutschen, die beabsichtigen, nach der Promotion für längere Zeit in den USA zu bleiben, liegt verschiedenen Schätzungen nach zwischen 25 und 60 Prozent. Die Zahl der deutschen Wissenschaftler in den USA, die als Deutschgebürtige, „Resident Aliens“ oder Besitzer zeitlich begrenzter Visa im hochschul- oder hochschulnahen Bereich beschäftigt sind, wurde vom U.S. Bureau of the Census, dem amerikanischen Pendant des deutschen Mikrozensus, im vergangenen Jahr mit 15.000 bis 20.000 angegeben. Da es keine offiziellen Ab- oder Anmeldestatistiken und Zu- und Abwanderungslisten gibt, ist eine genaue Erfassung nur schwer möglich. Verschiedene Datenquellen geben einen ungefähren Überblick. Nach Quellen der National Science Foundation (NSF) sind insgesamt etwa 7.200 Deutsche im Bereich Science & Engineering (Technik-, Natur-, Wirtschafts-, und Sozialwissenschaften) tätig. Daten der jährlich vom International Institute for Education (IIE) durchgeführten Befragung „Open Doors“ haben ergeben, daß im Jahr 2003 rund 4.650 deutsche Forscher in den USA waren. Innerhalb der Liga der europäischen Länder nahm Deutschland damit die absolute Spitzenstellung ein und lag nach China (15.206), Korea (7.286), Indien (6.565) und Japan (5.706) auf dem fünften Platz. Geringere Ausgaben für Forschung und Entwicklung Hinzu kommen diejenigen Wissenschaftler, die in Forschungseinrichtungen arbeiten, die nicht direkt an Hochschulen angegliedert sind. Darunter fallen zum Beispiel die National Institutes of Health (ca. 200 Deutsche), die National Laboratories oder das private Scripps Research Institute. Detaillierte Angaben über die aus Deutschland stammenden Doktoratsempfänger macht das National Research Council in seiner „Survey of Earned Doctorates“. Danach erwerben jährlich um die 220 Deutsche in den USA einen Doktortitel im Bereich Science & Engineering. Alexander P. ist einer von ihnen. Das Problem, das sich hier nun für Deutschland stellt, ist das der doppelten Bestenauswahl. Doppelt zum einen, weil sich nur die motiviertesten und talentiertesten Studenten und Doktoranden für die elitären Programme qualifizieren, und zum anderen, weil von diesen wiederum nur die Besten der Besten angenommen werden. So tummelt sich der überwiegende Teil der deutschen Forscher in den USA an wissenschaftlichen Hochburgen wie Harvard, Stanford, dem Massachusetts Institute of Technology, der University of California, Berkeley, oder dem California Institute of Technology. In der 2001 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichten „Talent-Studie“ wurde dann auch folgerichtig argumentiert, daß nicht der quantitative, sondern der qualitative Aspekt der Forschermobilität das Problem ist. Was motiviert diese Deutschen, die Heimat zu verlassen und in der Ferne ihr Glück zu versuchen? Die Motive sind komplex. Auf der einen Seite stehen die immer stärker wahrgenommenen Defizite in Deutschland, auf der anderen die Attraktivität der Möglichkeiten im Ausland. Ein genauer Blick nach Deutschland legt die Verhältnisse schonungslos offen. Es sind die fehlenden beruflichen Perspektiven, die die Flucht nach Übersee forcieren. Hinzu kommen die schlechten Aussichten vor allem im Mittelstand der Forschung und die im internationalen Vergleich sehr geringen Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts werden derzeit dafür in Deutschland ausgegeben, weniger als in den USA, Japan, Südkorea, Finnland oder Schweden. An den Universitäten treiben starre Hierarchien, zu lange Habilitationsverfahren, ausgeblutete Institute und die vielerorts überbordende Bürokratie die Frustration des wissenschaftlichen Nachwuchses auf die Spitze. Zu allem gesellt sich ein der Forschung sehr kritisch gegenüberstehendes gesellschaftliches Umfeld. Hier sei exemplarisch nur an die Debatte zur Stammzellenforschung erinnert. Lenkt man den Blick hingegen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dann sind es eben genau diese, die die Jungforscher faszinieren. Aufgrund der Spitzenforschung, die dort betrieben wird und ständig mit dem Puls der Zeit schlägt, bieten sich den Forschern hervorragende Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es sind der Ruf eines bestimmten Professors und seiner Arbeitsgruppe, das Renommee einer Universität, die Aussicht auf den Erwerb neuer Techniken und Kenntnisse, die in Deutschland nicht angeboten werden, die die deutschen Wissenschaftler anlocken. Abgerundet wird das Ganze durch einen gängigen Tenor in der Wissenschaftsszene, der da lautet: „Man muß einfach einmal in den USA gewesen sein, wenn man es zu etwas bringen will.“ Dies muß sich auch Wolfgang Ketterle gedacht haben, als er 1990 im Alter von 32 Jahren eigentlich für nur zwei Jahre ans Massachusetts Institute of Technology gehen wollte und angesichts der fantastischen Möglichkeiten dort blieb. Heute ist er ein mit dem Nobelpreis dekorierter Professor für Tieftemperaturphysik am MIT. Eine Rückkehr nach Deutschland steht auch für ihn außer Frage. Ketterle erhielt seinen Nobelpreis im Jahr 2001. 1998 und 2000 gingen die Nobelpreise für Physik an Horst Störmer und Herbert Kroemer, der Nobelpreis für Medizin 1999 an Günter Blobel – alles Deutsche, die ihre Forschungen in den USA betrieben haben. Deutschland subventioniert indirekt die US-Forschung Wie reagieren unsere demokratisch gewählten Volksvertreter auf diese Entwicklung? Mit einer Initiative, die seit Anfang 2004 den progressiven Titel „Brain-Up – Deutschland sucht die Eliteuniversität“ trägt und bis dato aufgrund schon im Vorfeld auftretender Bund-Länder Zwistigkeiten mehr oder auf Eis gelegt wurde. Trotz des Stillstandes in der Föderalismus-Kommission wurde am 23. Juni 2005 eine Bund-Länder-Vereinbarung über die „Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen“ unterzeichnet. Zwischen 2006 und 2011 soll das Programm in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent vom jeweiligen Bundesland finanziert werden. Man hätte mehr von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn erwarten dürfen. Schließlich war ihr, die bereits seit 1998 im Amt weilt, schon 2001 auf einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Center for Research on Innovation and Society (CRIS) an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford organisierten Veranstaltung ein Licht aufgegangen. „Volkswirtschaftlich betrachtet subventioniert Deutschland so – indirekt, aber nicht unbeträchtlich – die amerikanische Forschung“, so Bulmahn auf der Tagung, die sich mit der Situation deutscher Wissenschaftler in den USA beschäftigte. Währenddessen widmet sich Alexander P. bei seinen Forschungen übrigens der Synthese eines potenten Antikrebsmittels. Die Reaktionen sind wie geplant verlaufen. Alexander ist zufrieden und beschließt, den Rest des Wochenendes freizunehmen. Er wird den Nachmittag mit seiner Frau am Meer verbringen, sie anschließend in ein feines Restaurant ausführen und sich am Abend auf dem Fernsehsender „German TV“ die ARD-Sportschau ansehen. Ein Stückchen Heimat in der Ferne eben. Tim König , 29, arbeitet seit zwei Jahren als Kundenberater in einer New Yorker Werbeagentur. Er studierte in Berlin, Paris und Austin (Texas) Betriebswirtschaftslehre. Stichwort: „Braindrain“ Der Begriff „Braindrain“ stammt aus dem Englischen und heißt wörtlich übersetzt „Gehirn-Abfluß“. „Braindrain“ hat sich als Fachbegriff für die Problematik der Auswanderung besonders ausgebildeter oder talentierter Menschen eines Volkes durchgesetzt. In der deutschen Geschichte machte sich das Phänomen „Braindrain“ erstmalig nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nochmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemerkbar. Die USA sind das wichtigste Zielland deutscher Nachwuchswissenschaftler, die zunehmend für immer dort bleiben wollen. Foto: Deutscher Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle seit 1990 in den USA: Restriktionen wie bei der Gentechnik zwingen Forscher ins Ausland

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