Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Steuermilliarden für Hollywood

Wird in Deutschland Geld gesammelt, um es in Hollywood zu investieren? Droht der deutschen Filmbranche geradezu ein milliardenschweres Fiasko? Bange Fragen mußten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Finanzminister Hans Eichel in den vergangenen Wochen aus Produzentenkreisen anhören. Es geht um sogenannte Filmfonds. Sie galten lange als reines Steuersparmodell für betuchte Anleger. Dieses Konstrukt gefällt nicht jedem, und die deutschen Produktionsfirmen würden dies gerne ändern. Anläßlich der diesjährigen Berlinale fand eine Konferenz zum Thema „Globale Filmfinanzierung“ statt. Dabei platzte einigen Anwesenden der Kragen. Von Existenzängsten und Insolvenzdrohungen ist die Rede. Tatsächlich fließt innerhalb der Filmbranche sehr viel Geld. Auf zwölf Milliarden US-Dollar bezifferte Kulturstaatsministerin Christina Weiss während der Konferenz die Summe, die allein von deutschen Anlegern über Filmfonds in den vergangenen fünf Jahren investiert wurde. In Hollywood-Projekte, versteht sich. Dort boomt die Branche, häufen sich die Rekordmeldungen, werden Oscars eingeheimst. Gleichzeitig klagen deutsche Filmproduzenten über Geldmangel. Die Vergleichszahlen sind alarmierend. In Großbritannien wurden 2003 für einen Film durchschnittlich gut 15 Millionen Euro ausgegeben, in Frankreich waren es immerhin noch 4,6 Millionen Euro. Das deutsche Durchschnittsbudget mutete dagegen mit knapp drei Millionen Euro vergleichsweise gering an. Die Meinung der Filmproduzenten ist einhellig: Neben der eher kulturell ausgerichteten staatlichen Filmförderung fehle es an finanzkräftigen privaten Investoren. Dabei lagen deutsche Anleger nach Angaben des US-Branchendienstes Variety bei der internationalen Filmfinanzierung im Jahr 2002 Deutschland mit 2,3 Milliarden Dollar auf dem ersten Platz – nur investierten sie überwiegend in US-Produktionen. Nach Schätzungen von Szenekennern belaufen sich die Summen aus Deutschland insgesamt auf ein Fünftel der Jahresproduktion in Hollywood. Eine Bilanz aus dem Jahr 2003 spricht Bände. Allein 46 der insgesamt 157 für einen Academy Award nominierten Werke wurden mit Geld aus deutschen Filmfonds gedreht. Die geschlossenen Fonds sammeln hierzulande Kapital ein und finanzieren damit die Produktion. Im Gegenzug sind sie am Einspielergebnis des Films und der gesamten Verwertungskette über Video, DVD und Fernsehen beteiligt. 13 Oscars gingen so dieses Jahr an Deutschland – beziehungsweise an Hans Eichel. Denn das meiste in Hollywood investierte Geld stammt mehr oder minder direkt aus dem Staatssäckel. Deutsche Finanzbehörden schauen in die Röhre Die Anlageform ist hoch riskant und nicht unumstritten. Dennoch läuft das Geschäft mit den Filmfonds außerordentlich gut. Erfahrungen zeigen, daß das Vabanquespiel mindestens zeitweilig Verluste macht. Deutsche Anleger investieren also zielgerichtet – um zu verlieren. Das hört sich zunächst unvorstellbar an, ist aber dennoch schlüssig. Denn unter dem Strich kommt ein gut durchdachtes Steuersparmodell zum Vorschein. Die Grundvoraussetzung ist, daß ein Anleger in einem Jahr außerordentlich viel verdient hat und demnach in einer hohen Steuerklasse eingestuft wird. Über eine Kommanditbeteiligung oder eine Inhaber-Schuldverschreibung zahlt dieser dann schließlich einen hohen Betrag in einen Beteiligungsfonds ein. Filme gelten nach deutschem Steuerrecht als immaterielle Wirtschaftsgüter – und werden dementsprechend vom Finanzamt bevorzugt. Seit 1998, als das Konstrukt Filmfonds auf breiter Front das Licht der Welt erblickte, steckten deutsche Privatanleger etwa acht bis zehn Milliarden Euro in die Anlagegesellschaften. Nicht überraschend, denn die Initiatoren versprachen, was es sonst fast nirgends mehr gab: eine hundertprozentige Verlustzuweisung, steuerlich voll geltend zu machen, sofort beim Kauf. Unter dem Strich kann die eingezahlte Summe sofort von der gesamten Steuerschuld abgesetzt werden. Und eine Zwischenbilanz läßt aufhorchen. Bei geschickter Anlage konnte am Ende die sogenannte Verlustzuweisung bis zu 190 Prozent des Anlagegeldes betragen. Das waren sogar mehr, als die Fondsinhaber ursprünglich in Aussicht gestellt haben. Die Finanzbehörden resümieren resigniert, daß die Anleger auf Umwegen einen steuerlichen Vorteil erfahren, der sich in barer Münze auszahlt. Die deutschen Finanzbehörden schauen in die Röhre. Und dies manchmal sogar unter tatkräftiger Unterstützung von öffentlich-rechtlichen Landesbanken: So beteiligen sich etwa die Hessische Landesbank und die Nord/LB über Tochterfirmen an den Filmfonds. Die Problematik ist unterdessen nicht neu. Schon in den vergangenen Jahren gab es verschiedene Versuche, dieses Steuerschlupfloch zu schließen. Im August 2003 gab es den sogenannten Medienerlaß der Finanzverwaltung. Dieser regelt, daß Fonds dem Anleger eine Einflußmöglichkeit auf den Film geben müssen, um die bloße Funktion als Steuersparkonstruktionen zu verlieren. In der Praxis gestaltet sich dieser Papier-Entwurf allerdings schwierig – so zumindest die Expertenmeinung. Einer der deutschen Produzentenverbände mit Namen „film20“ fordert daher andere Lösungsmodelle. „Der Ansatz, steuerlich motivierte Investitionen zu bekämpfen, ist grundlegend falsch. Statt dessen sollte der Staat die Gelder in heimische Produktionen umlenken. Deutschland ist das einzige Land, in dem derartige Steuervorteile ohne einen heimischen Mindestinvestitionsanteil vergeben werden. In Großbritannien hat eine solche Regelung dazu beigetragen, zwischen 1997 und 2003 die Investitionssumme in die Filmindustrie von 262 auf 702 Millionen Pfund und die Beschäftigtenzahlen um etwa 75 Prozent zu steigern“, heißt es in einer Erklärung. Gemeinsam mit Juristen der Filmbranche hat film20 ein Modell entwickelt, das dem Anleger rechtlich abgesicherte Fonds und damit verbundene Steuerersparnisse ermöglicht und gleichzeitig mehr Gelder für deutsche Filmproduktionen beschaffen soll. Damit verbunden wären nach Auffassung von film20 eine bessere Auslastung und Beschäftigungssituation in der Filmszene, was letztlich auch wieder zu höheren Steuereinnahmen des Staates führen würde. Als Mindestquote der Investitionssumme für deutsche Unternehmen schweben den Filmproduzenten 35 Prozent vor. Seit zirka eineinhalb Jahren droht den Fonds dennoch Ungemach. Denn der Fiskus hat offenbar die Hand auf dem lange gesuchten Schalter, um dem Steuersparmodell Filmfonds das Licht auszuknipsen. Die Vorlage: zwei Urteile des Bundesfinanzhofs, die bereits im Jahr 2001 gesprochen wurden und zunächst nicht einmal indirekt etwas mit der Filmbranche zu tun hatten. Die Richter begründeten, daß bei manchen geschlossenen Immobilienfonds Provisionen und andere Werbungskosten nicht zur unternehmerischen Tätigkeit gehören, sondern Anschaffungskosten seien. Damit können sie nicht mehr sofort, sondern nur noch über fünfzig Jahre verteilt abgeschrieben werben. Beamte der Bundesfinanzverwaltung übertrugen dies sogleich auf die Filmfonds. Begründung: Da die Investoren meist nicht einmal wüßten, woran ihr Geld überhaupt mitarbeite, sei auch die Teilhabe an einem Filmfonds keine unternehmerische Tätigkeit, sondern ein simpler Kauf. Damit könnte das angelegte Geld ebenfalls nur über fünfzig Jahre abgeschrieben werden. Das Wort vom „dummen deutschen Geld“ geht um Die Filmbranche reagiert nicht nur im Fall vom film20 entnervt. Ihr Argument, daß eine Lösung gefunden werden müsse, damit deutsches Geld in deutsche Produktionen fließen könne, stieß bisher in Regierungskreisen auf wenig Gegenliebe. Für die Medienfondsbranche geht das an die Substanz. Denn die Steuerersparnis war ein zentrales Argument, um in die Konstrukte zu investieren. Fällt sie weg, sind viele Produktionen in Gefahr. „Wenn Finanzminister Hans Eichel damit durchkommt, kann man die Sache zuklappen“, sagt Eberhard Kayser, Geschäftsführer des Anbieters Cinerenta in München. Nach eigenen Angaben ist Kayser der größte ausländische Filmproduzent in Hollywood. Fünf Fonds mit einem Volumen von zusammen 500 Millionen Euro hat die Firma im Angebot, der letzte schließt in diesem Jahr. Kayser fühlt sich ungerecht behandelt. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt er, „wir haben Software, die Erträge und Kosten kontrolliert, wir sichern uns durch Bankbürgschaften ab und zahlen für alle Fonds eine ordentliche Rendite. Und jetzt soll uns das kaputtgemacht werden.“ Kayser weiß, warum er das alles betont. Denn von den Steuereffekten abgesehen, ist unklar, ob viele Filmfonds sich überhaupt rentieren. Da die Branche jung ist, existieren kaum aussagekräftige Bilanzen. Und den knapp 35 Betreibern wird von allen Seiten Mauschelei vorgeworfen. „Man kann nur den wenigsten Filmfonds-Anbietern trauen“, sagt beispielsweise Stefan Loipfinger, unabhängiger Experte für Beteiligungsmodelle und Autor mehrerer Bücher zum Thema Fondsinvestments. „Und bei den allerwenigsten kommt Gewinn raus. Das lohnt sich wirklich nur für Leute, die Verlust machen wollen, weil sie so immens viel verdienen. Das kann nicht Sinn der Sache sein.“ Oftmals sind die produzierten Filme in den Vereinigten Staaten ein Kassenschlager. Doch für die Anleger, die auf seriöse Art und Weise Geld verdienen wollen, bleibt am Ende nichts übrig. Daß in den USA selbst ein Oscar-prämierter Film nicht sofort ein Renditerenner ist, beweist der Film „Monster“ des Münchner Medienfondsanbieters VIP. 34,5 Millionen Dollar brachte er an den US-Kinokassen. Nachdem sich Kinobetreiber, Filmvertrieb, Werbung und Logistiker bedient hatten, blieb unterm Strich ein Minus von 1,26 Millionen Dollar – noch ehe der erste Cent der Produktionskosten von acht Millionen Dollar bezahlt war, so die Financial Times Deutschland. Für Filmprofis ist das keine Überraschung. Die US-Kinos dienen inzwischen nur noch als Werbemittel für den internationalen DVD-, Video- und TV-Verkauf. Hier erst sollen die Filme die Millionen einspielen. Darauf hofft nun auch der Filmfonds VIP. Dessen Chef Andreas Schmid rechnet damit, daß „Monster“ Gewinne macht, „aber zweistellige Millionenbeträge werden es kaum sein“. Was die Anleger davon haben? Abwarten. Erst wenn ein Fonds abgewickelt wird, läßt sich das sagen. Das freut die Anleger, die Steuern sparen wollen, im Sinne der deutschen Branche ist dies nicht. Lange machte wegen solcher Stilblüten das Wort vom „stupid German money“ in den USA die Runde, vom „dummen deutschen Geld“, das eimerweise über den Atlantik schwappte und sich den US-Studios noch zu den haarsträubendsten Bedingungen gleichsam aufdrängte. „Davon sind die Amerikaner immer noch viel zu verwöhnt“, meint Stefan Loipfinger. „Wer als Deutscher vernünftige Verträge fordert, wird komisch angeguckt und weggeschickt.“ Längst ist die Angelegenheit zum Politikum geworden. So wettert Uwe Boll, Filmregisseur, -produzent und Fondsinitiator in einer Person, gern gegen seine, wie er es nennt, unpatriotischen Kollegen: Dadurch, daß das ganze Geld nach Hollywood gehe, werde die durch die Abschreibungsmöglichkeiten beabsichtigte Unterstützung des deutschen Films ad absurdum geführt. Er fürchtet auch, daß die Steuerbeamten nun das Kind mit dem Bade ausschütten: „Das wäre eine Katastrophe für die deutsche Filmwirtschaft“, sagt Boll, „es gibt politische Grundsatzentscheidungen, den Medienstandort Deutschland zu fördern. Und daran soll man sich bitte auch halten.“ Boll plädiert daher für ein Modell wie in Kanada: Steuerfreiheit nur noch für Fonds, die das Geld auch überwiegend in München, Köln oder Potsdam-Babelsberg wieder ausgeben. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die kleine deutsche Filmwirtschaft überhaupt Verwendung für solche Summen hätte. Die Debatten haben längst ihre Spuren hinterlassen. 1,5 Milliarden Euro sammelten die Fonds 2004 von Anlegern ein – über eine halbe Milliarde Euro weniger als noch 2000 und ein Minus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, so eine Studie von Analyst Stefan Loipfinger. Kein Wunder, daß sich die Staatsministerin anläßlich der erwähnten Berlinale-Konferenz bittere Vorwürfe anhören mußte. Sie versprach, den deutschen Film zu unterstützen – in Form eines „Sale and lease back“-Modells. Ein Medienfonds kauft dabei einem Profiproduzenten nach Drehschluß den fertigen Film ab und least den Streifen anschließend zurück. Dafür dürfen die beteiligten Anleger ihre Investition sofort und komplett absetzen – allerdings nur, wenn mindestens 35 Prozent des Geldes in die heimische Kinobranche fließt. Deutsche Steuern sollen nicht mehr wie bisher die US-Filmindustrie subventionieren. Kanzler Gerhard Schröder machte den deutschen Film im vergangenen Monat gar kurz zur Chefsache: Er lud Filmproduzenten ein und sagte ihnen zu, das neue Modell prüfen zu lassen. „Die Vorarbeiten für eine Änderung des Einkommensteuergesetzes sind geleistet“, sagte Filmfinanzierungsexperte Stefan Lütje von der Kanzlei Linklaters Oppenhoff & Rädler. Eichel will kein neues Modell für Deutschland Der gesetzliche Rahmen für steuerbegünstigte Filmfonds in Deutschland könnte bereits im Herbst entstehen, glauben Branchenkreise. Sie werten alleine die Tatsache, daß Kanzler Schröder zum Dialog lud, als Erfolg. Produzenten und Studios sind daher optimistisch, ihre Interessen bei der Bundesregierung langfristig durchzusetzen zu können. Denn die Exporterfolge des deutschen Films beflügeln die Fondspläne in Berlin. Nach dem Überraschungserfolg mit „Good Bye, Lenin“ entwickelt sich nun das Hitler-Drama „Der Untergang“ zu einem Exportschlager. „Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, brauchen wir höhere Budgets. Die zurückliegenden Erfolge zeigen doch, daß es geht“, sagt Georgia Tornow, Generalsekretärin von film20. „Private Investoren müssen ermutigt und nicht verunsichert werden. Und wir müssen ihnen zeigen, daß es einen Sinn ergibt, in eine deutsche Produktion zu investieren.“ Gegen einen Goldregen für deutsche Produzenten, Regisseure und Studios wendet sich aber noch Finanzminister Hans Eichel. Während Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement das deutsche Fonds-Modell unterstützt, will Eichel angesichts horrender Defizite Steuer-Schlupflöcher stopfen. Er hat die Urteile des Finanzgerichts stets wohlwollend kommentiert, will den Kapitalabfluß nach Hollywood verhindern, aber gleichzeitig kein neues Modell für Deutschland zulassen. In der Filmwirtschaft stößt Eichels Ablehnung auf Unverständnis und Verbitterung. „Der Finanzminister macht es sich zu einfach. Das ist skandalös“, ärgert sich Michael Schmid-Ospach, Chef der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Der einflußreiche Filmförderer fordert: „Das Finanzministerium muß endlich dafür sorgen, daß nicht das ganze Investorengeld nach Hollywood abfließt. Das ist schließlich Sache der Politik.“ Nun hoffen die Verantwortlichen der Filmbranche auf ein finales Machtwort des Kanzlers. Stichwort: Filmfonds Seit 1998 können deutsche Anleger auf die Möglichkeit zurückgreifen, ihre Steuerschuld bei hiesigen Finanzämtern durch die Beteiligung an Filmfonds mit hundertprozentiger Verlustzuweisung zu umgehen. Auf diesem Weg sind etwa zwölf Milliarden US-Dollar an hauptsächlich amerikanische Filmstudios geflossen. Obwohl geschätzt acht von zehn dadurch finanzierte Filmprojekte „floppen“ und in der Regel die restlichen zwanzig Prozent gerade einmal ihre Investitionen einspielen, sind einige berühmte Hollywood–Filme durch deutsche Anlagemillionen erst möglich gemacht worden. Die bekanntesten Filme davon sind die drei Teile von „Der Herr der Ringe“ (2001-2003), einem der aufwendigsten Filme in der Kinogeschichte, „Gangs of New York“ (2002), „Chicago“ (2003) oder „Terminator III“ (2003). Unübersichtliche rechtliche Konstruktionen und intransparente Strukturen in Hollywood werden dazu genutzt, selbst die Erträge dieser Welterfolge derart zu verschleiern, daß sie für das deutsche Finanzamt als Nettoverlust deklariert werden können.

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