Ein alter Brauch nimmt Aufschwung

Und wird der Dom ein Pferdestall, / Was wollen wir dann beginnen / Mit den Heil’gen Drei Kön’gen, die da ruhn / Im Tabernakel da drinnen?“ So fragte Heinrich Heine, dessen 150. Todestag 2006 begangen wird, 1844 in „Deutschland – ein Wintermärchen“ mit sarkastischem Spott. Der Romantiker Heine hatte für die geplante Vollendung des Kölner Doms Geld gespendet, aber dann waren dem Aufklärer Heine Bedenken gekommen. Ob die „listigen Römlinge“ nicht einen perfiden Plan verfolgten? Und so mutmaßte er: „In diesem Riesenkerker wird / Die deutsche Vernunft verschmachten!“ Also sollte der Dombau mißlingen: „Denn eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung.“ Noch mehr als mit diesem Wunsch aber mußte Heine die überwiegende Mehrheit der damaligen Kölner mit seinem Vorschlag vor den Kopf stoßen, die Stadtpatrone, deren Reliquien seit dem hohen Mittelalter im Kölner Dom in einem kostbaren Schrein ruhten, sollten „woanders logieren“. Mit ironisierender Respektlosigkeit legte er den Verehrern der Heiligen Drei Könige ans Herz: „Folgt meinem Rat und steckt sie hinein / In jene drei Körbe von Eisen, / Die hoch zu Münster hängen am Turm, / Der Sankt Lamberti geheißen.“ In diesen Körben waren 1536 die in Münster hingerichteten Führer der Wiedertäuferbewegung von ihren Bezwingern zur Schau gestellt worden. Heine konnte nicht ahnen, daß der Dreikönigskult, den er als Volksbetrug zur Stabilisierung von Thron und Altar ansah, Anfang des 21. Jahrhunderts noch lebendig sein und einen unerhörten Aufschwung nehmen würde. Papst Johannes Paul II. hatte zum Weltjugendtag 2005 nach Köln und zur Pilgerreise zum Schrein der Heiligen Drei Könige eingeladen. In einem unaufhörlichen Strom zogen während des Welttreffens tagelang die jugendlichen Pilgermassen am Schrein vorbei. Wichtig war nicht, ob sie glaubten, in diesem Schrein ruhten wirklich die Gebeine der Weisen, die nach Aussage des Matthäus-Evangelium aus dem Morgenlande mit Gaben zum neugeborenen Christuskind gekommen waren. Wichtig für die Pilger des Weltjugendtages war, daß sie ihr Leben als Pilgerschaft zu Christus begriffen und es mit all seinen Freuden und Leiden auf Christus ausrichteten. Die Reliquien wurden 1164 feierlich nach Köln überführt Es soll hier nicht der Frage nachgegangen werden, wann und warum in der Überlieferung aus den Magiern drei Könige wurden und welche Namen mit welcher Bedeutung ihnen zugeordnet wurden. Statt dessen soll angedeutet werden, welche Spuren die Heiligen Drei Könige in der Reichsgeschichte und im Volksleben hinterlassen haben. Friedrich Barbarossa bemächtigte sich 1162 nach Niederwerfung der aufständischen Stadt Mailand unter anderem der Reliquien der Heiligen Drei Könige, die dort in der Kirche S. Eugenio ruhten. Er überließ sie seinem Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainer von Dassel, der in den Auseinandersetzungen mit dem Papsttum und den oberitalienischen Städten die Rechte des Reiches mit unbeirrbarer Konsequenz verfochten hatte. Dieser ließ die Dreikönigs-Reliquien, an deren Echtheit damals niemand zweifelte, nach Köln überführen, wo sie am 23. Juli 1164 in feierlicher Prozession in die Stadt getragen wurden. Dassel, der 1167 starb, hatte wohl im Sinn, mit Hilfe der Dreikönigs-Reliquien, denen nach mittelalterlicher Ansicht eine besondere Heilswirksamkeit zukam, Köln zu einem Reichsheiligtum aufsteigen zu lassen. Die Staufer gingen darauf nicht ein, sie betrieben die Sakralisierung ihres Kaisertums auf andere Weise. Immerhin bildete sich der Brauch heraus, daß die römisch-deutschen Könige nach ihrer Krönung in Aachen die Stadt Köln besuchten, um dort im Dom die Heiligen Drei Könige als Heilsmittler und Schutzpatrone anzurufen. Dies blieb so bis zu Ferdinand I. (1531), danach wurde Frankfurt Krönungsort. Auch viele ausländische Herrscher pilgerten nach Köln (eine lange Reihe von Richard Löwenherz bis zu Christian I. von Dänemark), um die Heilswirksamkeit der Könige aus dem Morgenland zu erfahren. Dieser Glaube zog auch große Pilgermassen nach Köln, das zu einem der wichtigsten europäischen Wallfahrerzentren wurde. Im volkstümlichen Brauchtum verfestigte sich die Verehrung der Heiligen Drei Könige, die in der christlichen Liturgie am 6. Januar, dem Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanie), einen Bezugspunkt hat, durch die Herausbildung des Sternsingens. Dies geht auf mittelalterliche Herodesspiele in den Klosterschulen (nachweisbar seit dem 12. Jahrhundert) und auf das bereits vom hl. Bonifatius erwähnte Neujahrssingen zurück. Verkleidet als morgenländische Könige Kaspar, Melchior und Balthasar, zogen Scholaren mit einem drehbaren Stern von Haus zu Haus, sangen Lieder und rezitierten kleine Dialoge. Bei diesen Heischgängen erwarteten sie Gaben. Später eiferten ihnen Lehrlinge, Gesellen und Bauernknechte nach. Aus dem 17. Jahrhundert gibt es Berichte über eine Verwilderung des Brauchs, wonach Landstreicher und Arbeitsscheue als unheilige Drei Könige Almosen erbaten. Sternsinger ziehen von Haustür zu Haustür Motive aus Volksbrauchtum und Volksglauben hat der flämische Dichter Felix Timmermans meisterhaft und stimmungsvoll in seiner Erzählung „Das Triptychon von den Heiligen Drei Königen“ verarbeitet. Der „lahme Hirte Suskewiet, der Aalfischer Pitjevogel mit seinem Kahlkopf und der tiefäugige Bettler Schrobberbeeck gingen zu dritt die Höfe ab, als die heiligen drei Könige verkleidet“ – und was sie erlebten, veränderte ihr ganzes Leben. Der Brauch drohte im 20. Jahrhundert abzusterben. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg lebte das Sternsingen durch gezielt organisierten Brauchwandel wieder auf: Meßdiener und andere kirchliche Kinder- und Jugendgruppen ziehen als Dreikönigssänger von Haustür zu Haustür, sie erbitten Gaben für die Weltmission und die Kinder in den ärmsten Ländern der Welt.

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