Kriegsgefangene

Mehr als elf Millionen deutsche Soldaten gerieten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft. Davon befanden sich 7,75 Millionen in der Hand der Westmächte, 3,35 Millionen in der Hand der Sowjetunion. Aufgrund eines Beschlusses der Konferenz von Jalta im Februar 1945 wurden von den Gewahrsamsmächten an ehemals von Deutschland besetzte Staaten etwa 850.000 Gefangene als Zwangsarbeiter übergeben: von den USA an Frankreich 667.000, Belgien 31.000, Luxemburg 5.000, von Großbritannien an Frankreich 25.000, Belgien 33.000 und die Niederlande 7.000, von der UdSSR an Polen 70.000 und an die Tschechoslowakei 25.000. Bis Kriegsende wurde die Genfer Konvention bei der Behandlung der Kriegsgefangenen von seiten der Westmächte weitgehend eingehalten. Das galt auch und gerade für die Soldaten, die nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Afrika 1943 in amerikanische Gefangenschaft geraten und in die USA verbracht worden waren. Eine größere Zahl von Übergriffen gab es nach der Landung der Alliierten auf Sizilien und in der Normandie, aber keine systematischen Rechtsverletzungen. Das entspricht auch Einschätzungen der Wehrmachtsuntersuchungsstelle, die seit 1939 Kriegsverbrechen von Alliierten an Deutschen festgehalten hatte und für die erste Phase des Kampfes keine größere Zahl von Vergehen an deutschen Soldaten feststellen konnte, die sich ergeben wollten oder schon gefangen waren. Für den amerikanischen Fall berichtete der Historiker Stephen E. Ambrose aufgrund seiner zahlreichen Interviews mit Veteranen der US-Streitkräfte, daß es zwar immer wieder zur Ermordung von deutschen Kriegsgefangenen – vor allem im Augenblick der Gefangennahme – gekommen sei, aber nur ein einziger schriftlicher Befehl vom 21. Dezember 1944 vorliege, dem zufolge Angehörige der Waffen-SS und Fallschirmjäger nicht gefangengenommen werden dürften, sondern sofort zu erschießen seien. Das Verhalten regulärer Truppen unterschied sich in der Frage der Gefangennahme immer deutlich von dem der Partisaneneinheiten. Wer ihnen in die Hände fiel, konnte kaum je auf Schonung rechnen. Das galt in der Endphase des Krieges auch und gerade für jene deutschen Soldaten, die von französischen, italienischen, jugoslawischen, polnischen oder tschechischen Freischärlern gefangengenommen wurden. Etwas glimpflicher ging es in den Niederlanden und Belgien sowie den besetzten Staaten Skandinaviens, Dänemark und Norwegen, ab. Die Gesamtsituation im Hinblick auf die Kriegsgefangenschaft veränderte sich dramatisch im Augenblick der Kapitulation. Auf Befehl Eisenhowers wurde der Mehrzahl der deutschen Kriegsgefangenen ihr rechtlicher Status aberkannt, um ihnen als Displaced oder Disarmed Enemy Forces (DEF) – „entwaffneten Feind-streitkräfen“ – die Berufung auf die Genfer Konvention unmöglich zu machen. Erst dadurch wurde aus den Resten der deutschen Wehrmacht jene transformed mass, von der im alliierten Jargon die Rede war. Dieses Vorgehen hatte in erster Linie damit zu tun, daß keine Rache mehr für die Entrechtung befürchtet werden mußte und die Aberkennung der Stellung als Kriegsgefangener mit beliebigem Einsatz zur Zwangsarbeit oder lebensgefährlichen Tätigkeiten (etwa Minenräumen) verbunden werden konnte. Gelegentlich wird die Erbitterung vieler alliierter Soldaten und Offiziere angesichts der KZs in Deutschland angeführt, um den Entschluß Eisenhowers und die anschließenden Zustände in den Gefangenenlagern verständlich zu machen. Aber dagegen ist einzuwenden, daß die Kriegspropaganda der Westmächte seit langem ein Feindbild der Deutschen aufgebaut hatte, das diese als verächtliche und hassenswerte Kreaturen darstellte. Wünsche, die Deutschen oder Teile von ihnen auszurotten, wurden immer wieder laut und keineswegs nur von Privatpersonen geäußert. Der Adjutant Eisenhowers hat etwa dessen Aussage überliefert, man solle alle Generalstabsoffiziere der Wehrmacht töten, auf die Rückfrage, mit wieviel Betroffenen er rechne, antwortete Eisenhower, daß es sich um etwa 3.500 Männer handele. Außerdem wollte er NS-Funktionäre vom Bürgermeister an aufwärts und Gestapoleute demselben Schicksal überantworten; auf quasi „natürliche“ Weise, so Eisenhower, lasse sich das Problem erledigen, wenn man die Betroffenen den Russen oder den kleineren von Deutschland unterworfenen Nationen aus-liefere. Diese Position vertrat Eisenhower im Juli 1944 gegenüber Lord Halifax, dem britischen Botschafter in Washington, und er hat seine Meinung von der notwendigen kollektiven Bestrafung der Deutschen auch später mehrfach wiederholt. Das erklärt ausreichend die Hinnahme oder Förderung der katastrophalen Zustände in den amerikanischen Sammellagern von seiten Eisenhowers, der bis zum November 1945 Oberbefehlshaber der US-Truppen auf deutschem Boden war. Eine besondere Rolle spielten in diesem Zusammenhang die seit dem April 1945 eingerichteten Rheinwiesenlager. In erster Linie handelte es sich bei den Gefangenen um Soldaten der ehemaligen Heeresgruppe B, die sich nach dem Zusammenbruch des Ruhrkessels ergeben hatten, aber auch Wehrmachtsangehörige von Truppenteilen aus Bayern und Mitteldeutschland wurden hierher gebracht sowie alle, die unter dem Verdacht von Werwolftätigkeit standen; darunter viele Jugendliche und außerdem Schwerverletzte und Amputierte, was man mit der grotesken Behauptung rechtfertigte, es habe Männer im Rollstuhl gegeben, die Panzerfäuste auf amerikanische Truppen abgefeuert hätten. Insgesamt wurde an sechs Stellen (Bad Kreuznach, Remagen-Sinzig, Rheinberg, Heidesheim, Wickrathberg, Büderich) etwa eine halbe Million Gefangene auf Äckern und Wiesen hinter Stacheldrahtverhauen zusammengepfercht. Die Lager blieben notorisch überfüllt, und das größte Problem war das Fehlen von Baracken oder Zelten und Nahrung. Die Gefangenen hausten in Erdlöchern, die bestenfalls mit Planen abgedeckt werden konnten, oder unter freiem Himmel. Man hatte sie im allgemeinen schon bei der Gefangennahme aller Wertgegenstände einschließlich der Eheringe beraubt, häufig geschlagen oder auf andere Weise mißhandelt. Wer zu fliehen versuchte, auf den wurde gezielt geschossen. Es gibt Hinweise darauf, daß die Verhältnisse in anderen amerikanischen Lagern kaum besser waren als auf den Rheinwiesen, aber der eigentliche Schrecken der Gefangenschaft im Westen hat sich immer an diese cages geheftet. Nach amerikanischen Angaben sollen in den Lagern 3.053 Gefangene ums Leben gekommen sein, nach denen der amtlichen westdeutschen Kommission, die sich mit dem Schicksal der Kriegsgefangenen zu befassen hatte, waren es 4.537. Dagegen hat der kanadische Journalist James Bacque in einem zuerst 1989 erschienenen Buch Der geplante Tod behauptet, daß insgesamt eine Million Kriegsgefangene in amerikanischem und französischem Gewahrsam getötet wurde, und zwar aufgrund einer Weisung Eisenhowers, der die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten bewußt unterbunden habe. Die zur Verteidigung Eisenhowers immer wieder ins Feld geführte Behauptung, Hunger und Krankheiten seien unvermeidbare Begleiterscheinungen des allgemeinen Zusammenbruchs gewesen, wirkt um so weniger plausibel, als die Briten Verpflegung und Betreuung der Gefangenen sicherzustellen wußten und auch die deutschen Gefangenen der US-Streitkräfte in Italien keiner vergleichbaren Drangsalierung ausgesetzt waren. Gegen das Verfahren von Bacque, der sich nicht auf Akten stützen kann, sondern einzelne Angaben korreliert und über die Säuberung von Akten zum Teil sehr weitreichende Vermutungen anstellt, hat sich in der Historikerschaft sofort breiter Widerstand organisiert. Allerdings spielte dabei eine entscheidende Rolle, daß man die Thesen von Bacque für politisch fatal hielt. Deshalb wurde auf die von ihm gesammelten In-dizien für einen ausgeprägten Bestra-fungs- oder Vernichtungswillen Eisenhowers und anderer Militärs und Politiker der Alliierten kaum Bezug ge-nommen. Gleichzeitig korrigierte man aber die Zahl der Toten in den amerikanischen Lagern vorsichtig nach oben. In der Literatur finden sich heute Angaben, die zwischen 10.000 und 40.000 Opfern schwanken. Bacques These von der „verschwundenen Million“ bezieht sich neben der Situation der Gefangenen im amerikanischen Gewahrsam vor allem auf die Verhältnisse in den französischen Lagern. Selbst in offiziösen Darstellungen wird zugegeben, daß der Prozentsatz der Getöteten hier deutlich höher war als bei den anderen Westmächten. Allerdings bleibt Unklarheit über die Größenordnung. So darf man bezweifeln, daß die häufig zu findende Angabe von etwa 22.000 Opfern realistisch ist, wenn der damals im französischen Kriegsministerium zuständige Beamte, Joseph Rovan, in einem Interview äußert, allein bis zum Herbst 1945 seien 30.000 deutsche Gefangene an den miserablen Haftbedingungen in den Lagern gestorben. Daß die Situation in den deutschen KZs mindestens vergleichbar war, ist den Zeitgenossen durchaus bewußt gewesen. Bereits im August des Jahres hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in einem Bericht festgestellt, daß „die Gesundheit und sogar das Leben von 300.000 Gefangenen infolge Unterernährung ernsthaft gefährdet“ sei. Danach wurde der Verpflegungssatz von 1.400 auf 2.000 Kalorien täglich heraufgesetzt, aber noch im Dezember 1946 urteilte die Times, die Verhältnisse in dem Lager bei Le Mans seien „so schlimm wie in Dachau“. In die genannte Totenzahl können diejenigen nicht eingegangen sein, die an der brutalen Ausbeutung als Zwangsarbeiter in den Bergwerken und dem Einsatz als Minenräumer zugrunde gingen. Allein von den 40.000 Minenräumern wurden mindestens zehn, vielleicht aber auch fünfzig Prozent getötet. Was die Todesrate bei der Zwangsarbeit betrifft, so ist es äußerst schwierig, darüber heute noch Klarheit zu gewinnen; ähnlich ratlos steht man vor der Zahl von 167.000 Vermißten („Prisonniers de Guerre perdus pour raisons diverses“). Die häufigen Berichte über Selbstverstümmelungen können aber als Hinweis auf den Grad der Verzweifelung gewertet werden. Auch daß etwa 10.000 Angehörige der Wehrmacht, vor allem aber der Waffen-SS, in die Fremdenlegion eintraten, um der Zwangsarbeit oder weitergehender Bestrafung zu entgehen, spricht eine deutliche Sprache. Die schlechte Behandlung von Kriegsgefangenen, die häufig wie Strafgefangene traktiert und zu schwerer und schwerster Zwangsarbeit eingesetzt wurden, hatte in Frankreich Tradition. Schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs führte die republikanische deutsche Regierung bittere Klage über völkerrechtswidrige Schikanen und Quälereien. Allerdings ohne Erfolg, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, daß aufgrund der Niederlage von 1918 keine Möglichkeit zu Gegenmaßnahmen bestand. Jedenfalls waren die Verhältnisse in Frankreich wesentlich schlimmer als in Belgien, wo auch die Masse der 64.000 Kriegsgefangenen zum Zweck der Wiedergutmachung eingesetzt wurde. Von ihnen gelang etwa 2.000 die Flucht, etwa 45.500 wurden ab Mai 1947 entlassen, und Arbeitsuntaugliche hatten bereits früher zurückkehren dürfen – zwischen dem 21. Dezember 1945 und dem 16. Oktober 1947 insgesamt 15.649 -, so daß lediglich der Verbleib von etwa 1.000 Gefangenen ungeklärt ist. Wie im Fall der Zivilinternierten wird man bei den Kriegsgefangenen feststellen müssen, daß die Behandlung in der britischen Besatzungszone am glimpf-lichsten abging. Zwar gab es auch hier Übergriffe, aber im großen und ganzen hielten sich die Briten an die Genfer Konvention. Mit etwa 2.000 Toten lag der Satz der Toten in ihren Lagern deutlich unter ein Prozent. Der größte Teil der Kriegsgefangenen wurde zwischen Nord- und Ostsee großräumig interniert und mit eigener Lagerverwaltung versehen, die für die Verteilung von Nahrung, Kleidung und Heizmaterial sowie die Errichtung von Unterkünften zuständig war. Bei den Briten verlor sich auch relativ rasch die Angst vor einem neuerlichen Ausbruch der Kämpfe, so daß sie früher als die übrigen Gewahrsamsmächte mit der Entlassung der Gefangenen begannen. In Großbritannien hatte es seit 1946 verschiedene Vorstöße von seiten der Kirchen und einiger Politiker gegeben, die auf ein Ende der Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten drängten. Aber erst aufgrund eines entsprechenden Beschlusses der Moskauer Außenministerkonferenz vom 11. März 1947 haben die Westmächte alle deutschen Gefangenen bis Ende 1948 entlassen; Frankreich nur, nachdem die Vereinigten Staaten erheblichen Druck ausgeübt hatten. Wie in allen anderen Bereichen unterschied sich auch im Hinblick auf die Kriegsgefangenen die sowjetische Praxis massiv von der der übrigen Siegermächte. Das allein auf die schlechte Behandlung gefangener Rotarmisten im deutschen Gewahrsam zurückzuführen, ist so wenig statthaft wie die Anschauung, daß das Wüten der sowjetischen Soldaten in Deutschland als mehr oder weniger verständlicher Racheakt zu deuten sei. Faktisch hat die Sowjetunion in keinem Krieg, den sie führte, das Völkerrecht eingehalten. Das gilt nicht nur für die Feldzüge gegen abtrünnige Teilgebiete des alten russischen Reiches, sondern auch für die Kriege gegen Polen (1919/20 und 1939) und gegen Finnland (1919/20 und 1940) und dann für die „Befreiung“ der ost- und ostmitteleuro-päischen Staaten. Der Genfer Konvention von 1929 ist die UdSSR bezeichnenderweise niemals beigetreten. Das bedeutete auch, daß man Gefangene ausschließlich nach Maßgabe sowjetischer Vorschriften behandelte. Im Fall des deutsch-sowjetischen Konfliktes hatte das zur Folge, daß gefangene Wehrmachtssoldaten völkerrechtswidrig aus dem Militärressort des Verteidigungskommissariates an das Polizeiressort des Innenkommissariats, das heißt in die Gewalt des Geheimdienstes NKWD, übergeben wurden. Schon unmittelbar nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Juni 1941 mehrten sich Berichte über die Folterung oder Tötung von kriegsgefangenen Deutschen. Hitlers Weisung an die Wehrmacht, die Genfer Konvention bei der Behandlung von Rot-armisten, die sich ergaben oder festgesetzt werden konnten, nicht zu beachten oder aktiv dagegen zu verstoßen, hatte ihren Grund allerdings nicht in einem Vergeltungswunsch, sondern in Hitlers eigenen Vorstellungen vom Charakter des Weltanschauungskrieges. Der von ihm erteilte „Kommissarbefehl“, der die Tötung aller gefangenen Politoffiziere der Roten Armee verfügte, wurde zwar nach einiger Zeit wieder außer Kraft gesetzt, aber die schlechte Behandlung der sowjetischen Soldaten in den deutschen Lagern, die miserable Versorgungslage kurz nach Beginn des Rußlandfeldzuges und Erschießungen durch Sicherheitspolizei und SD führten zu einem Massensterben, dem wahrscheinlich dreißig bis vierzig Prozent der Kriegsgefangenen zum Opfer fielen. Das Schicksal der deutschen Soldaten, die in sowjetische Hand kamen, stand dem nicht nach oder war sogar noch schwerer. So kehrten von den 110.000 Überlebenden des Kessels von Stalingrad nur etwa 5.000 in die Heimat zurück. Die außerordentlich hohe Todesrate senkte sich erst lange nach der deutschen Kapitulation – noch 1945/46 soll eine Million Kriegsgefangene ums Leben gekommen sein -, ohne daß aber eine umfassende Besserung eingetreten wäre. Viele Gefangene gingen an der Unwirtlichkeit des Klimas, vor allem aber an den Lebens- und Arbeitsbedingungen in sowjetischen Lagern zugrunde. Selbst wenn man die außerordentlichen Probleme beim Wiederaufbau und die strukturelle Unfähigkeit des sowjetischen Systems, eine menschenwürdige Existenz für seine eigenen Bürger zu gewährleisten, in Rechnung stellt, bleibt ein Maß an Willkür und Brutalität in der Behandlung, das durch die Umstände nicht zu erklären ist, sondern dem Wesen einer Ordnung entsprach, die Menschen massenhaft verbrauchte. Die deutschen Kriegsgefangenen im sowjetischen Gewahrsam wurden auf etwa 3.000 Lager verteilt, vom Polarkreis bis tief in den asiatischen Süden, von der Ukraine bis nach Sibirien. Häufig lieferte man sie in bereits bestehende Teile des Gulags ein. Die Macht der Wärter über die Gefangenen war unbegrenzt. Sie nutzten sie auch, um eine „Lagerbourgeoisie“ zu schaffen, die aus Funk-tionshäftlingen und Spitzeln bestand. Während die Umerziehung in den westlichen Gefangenenlagern eher moderate Formen zeigte, hatten die „Antifaschistischen Ausschüsse“, die man aus deutschen Kollaborateuren bildete, nicht nur die Aufgabe zu indoktrinieren, sondern auch die Aufgabe, zu überwachen und zu denunzieren. Gegen den Hunger, die Lebensbedingungen und die Schikanen gab es durchaus Widerstand. Schon 1945 kam es zu ersten Arbeitsniederlegungen und Hungerstreiks, aber der Erfolg blieb fast immer versagt. Das hatte auch einen Grund in dem Zerfall der Kameradschaft. Vor der Wissenschaftlichen Kommission zur Untersuchung der Kriegsgefangenschaft beklagten sich viele Heimkehrer über die Häufigkeit von Diebstahl und Verrat. Von diesem Vorwurf ausgenommen waren nur die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS, aus deren Reihen die sowjetischen Stellen auch keine Funktionshäftlinge rekrutierten; die unterschiedslos harte Behandlung trug offenbar zu einer außergewöhnlichen Solidarisierung bei. Von den etwa drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen – darunter 1949 noch 25.000 Frauen – starb mehr als ein Drittel in den sowjetischen Lagern. Deutlich geringer war die Todesrate in anderen osteuropäischen Ländern, so in Polen – etwa 14 Prozent – und in der Tschechoslowakei – etwa 10 Prozent -, während sie von Jugoslawien deutlich überboten wurde. Im Gewahrsam des Tito-Staates gingen über 40 Prozent der Gefangenen zugrunde. Die Ursachen waren ähnliche wie in der Sowjetunion, das Verfahren unterschied sich nur durch noch größere Rohheit bei Massenexekutionen unmittelbar nach Kriegsende, Verurteilung als Kriegsverbrecher ohne Rechtsgrund und Ausbeutung durch Zwangsarbeit. Immerhin wurden die Überlebenden aber bis 1950 entlassen. Dagegen hat die Sowjetunion mehrere zehntausend deutsche Kriegsgefangene unter dem Vorwand, es handele sich um Kriegsverbrecher, bis 1955 im Land behalten und erst aufgrund der Intervention Adenauers freigegeben. Dr. Karlheinz Weißmann ist Historiker und Studienrat an einem Gymnasium in Göttingen. Bei seinem Text handelt es sich um einen genehmigten Abdruck aus dem Buch „Die Besiegten – Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs 1945“, das kürzlich in der Edition Antaios, Schnellroda, erschienen ist. Einen ersten Teil daraus, der sich mit der Besetzung Deutschlands beschäftigt, haben wir bereits in der JF-Ausgabe 15/05 veröffentlicht

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