Der Tag, als der Himmel weinte

Als im Morgengrauen des 5. Juli 2005 die Bauarbeiter antreten, um die Gedenkstätte mit den 1.067 Mauerkreuzen am Checkpoint Charlie zu räumen, ist noch nicht abzusehen, ob diese Bilder tatsächlich um die Welt gehen werden. Als ein Grauen aber erschien es einem Großteil der Protestierenden zweifelsohne, wurden doch damit „die Opfer der deutschen Teilung ein zweites Mal ermordet“, wie Rainer M. Schubert von der Arbeitsgemeinschaft 13. August über Megaphon verkündete. Er hatte zu DDR-Zeiten an die 130 Menschen zur Flucht aus der DDR verholfen, war schließlich über eine Falle im Osten verhaftet worden und hatte neun Jahre in DDR-Zuchthäusern verbracht. Den Räumungstrupp, der auf dem gegenüberliegenden Teil des Mahnmals mit seiner Arbeit beginnt, versucht er zum Einhalten zu bewegen: „Bauarbeiter, Ihr zerstört eure eigene Geschichte!“ Emphatisch ruft er den ersten Regierenden Bürgermeister Berlins, Ernst Reuter, in Erinnerung: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt und ihre politische Verkommenheit!“ Das scheint in diesem Augenblick nicht übertrieben, denn für die Demonstranten, viele von ihnen Opfer der SED-Diktatur, ist die Hoffnung auf internationale Aufmerksamkeit der einzige vage Trost an diesem verregneten Dienstagmorgen. Rückblende: Nach dem Mauerfall war das Grundstück am Checkpoint Charlie dem Berliner Senat zugefallen. Die brachliegende Fläche wurde an eine amerikanische Investmentfirma verkauft, verbunden mit der Auflage, dort ein angemessenes Denkmal zu realisieren. Da die Investmentfirma scheiterte, fiel die brachliegende Fläche der Berliner Volksbank zu, die das Grundstück im Sommer 2003 – nach fast 15 Jahren – an Alexandra Hildebrandt und die Arbeitsgemeinschaft 13. August verpachtete. Trotzdem war es der Arbeitsgemeinschaft monatelang nicht möglich gewesen, die Fläche zu nutzen, da sie nicht beräumt wurde. Als man schließlich mit der Realisierung des Denkmals beginnen konnte, das am 31. Oktober 2004 eingeweiht wurde, erfolgte sogleich die Kündigung. Die Volksbank hatte das Grundstück zwischenzeitlich an die BAG (Bankaktiengesellschaft) Hamm übertragen, welche die Problemgrundstücke der Volksbank verwertet. Die Kündigung des Pachtvertrages ist Kritikern zufolge politisch motiviert. Da dieses Denkmal der im Berliner Senat mitregierenden SED-Nachfolgepartei PDS ein Dorn im Auge ist, scheint der Vorwurf nicht verwunderlich, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Volksbank, Karl Kauermann, habe womöglich auf Geheiß politischer Freunde aus dem Senat entsprechenden Druck auf die Kündigung ausgeübt. SED-Nachfolger bestimmen nun über die Gedenkpolitik Beredtes Beispiel für die politische „Wetterlage“ ist die berüchtigte Äußerung von PDS-Kultursenator Thomas Flierl, der freimütig bekannte, beim Anblick der Kreuze Ekel zu empfinden. Derselbe Senator entscheidet nun aber mit über das Gedenkstättenkonzept der Stadt. Das ist für die Opfer der blanke Hohn, etwa so, „wie wenn die NSDAP über die Gestaltung der Gedenkstätte Plötzensee entscheiden würde“, so Schubert. Daß der politische Wille zum Erhalt des Denkmals von vornherein gefehlt hatte, scheint offensichtlich. Vielmehr ist es wohl so, daß der rot-rote Senat gerade den Willen hatte, die Vernichtung des Denkmals durch Untätigkeit bewußt mitzubefördern. Ein Appell der Initiatorin an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die BAG Hamm anzurufen und die Abrißaktion zu stoppen bzw. aufzuschieben, blieb ohne Reaktion. Auch sonst schien die Presse den Vollzug der Räumungsklage mehr oder weniger im Sinne der politisch Verantwortlichen lediglich zu begleiten, anstatt diesen kritisch zu hinterfragen. Immerhin war Alexandra Hildebrandt am Abend des Vortags mit der Bankzusage der Ehinger & Armand von Ernst AG vor die Presse getreten. Ihren Worten zufolge hatten die Schweizer Bankiers zugesichert, die Finanzierung zum Erwerb des mit einer Kaufsumme von 36 Millionen Euro bezifferten Grundstücks zu begleiten. Daneben sollten Spenden von Großunternehmen und Stiftungen zur Finanzierung beitragen. Für eine Klärung der Einzelheiten, so die Initiatorin des Mahnmals noch am Vorabend, würden noch maximal zwei, drei Tage benötigt. Zur gleichen Zeit, am Montagabend gegen 18 Uhr, hatten sich unterdessen die ersten Aktivisten zu ihrer Nachtwache zum Schutz des Mauerkreuzemahnmals eingefunden. Die ganze Nacht über herrschte ein lebendiges Hin und Her, Kerzen wurden aufgestellt, ein Grablicht vor jedes Kreuz gestellt – ein sehr beeindruckender Anblick. Um Mitternacht brachten Leute aus der Stasi-Gefängnis-Gedenkstätte Hohenschönhausen belegte Brote. DDR-Geschädigte wie Gustav Rust sorgten mit Stasi-Witzen und Knast-Humor für „gute Stimmung“. CDU-Politiker verschwanden, als es „ans Eingemachte“ ging Ab vier Uhr nahm die Zahl der Sympathisanten deutlich zu. Unter ihnen auch die angriffslustige Formation der Jungen Union Wismar & Schwerin – dieselbe Gruppe, welche Martin Hohmann im Frühjahr zu einem Vortrag eingeladen wollte (JF 05/05). Junge politische Aktivisten – zum Teil von der Republikaner-Jugend und dem VdSt aus Berlin (Verband deutscher Studenten) – versuchten mit großem Engagement, die angetretenen Einsatzkräfte der Polizei zu agitieren. Weniger erbaulich war der Auftritt der CDU/JU Berlin, die zwar ziemlich zahlreich und prominent angerückt war (unter anderen die Bundestagsabgeordneten Günter Nooke und Roland Gewalt sowie der Berliner Generalsekretär Frank Henkel), aber mehr um ihre Aktion im Rahmen des allgemeinen Protests durchzuziehen, statt sich für dessen Stärkung zu engagieren. Selbst ein zur Räumung bestellter Polizist vom „Anti-Konflikt-Team“ kommentierte, daß die Politik diesen Anlaß auf schamlose Weise benutzt habe. Der Wahlkampf ließ grüßen, denn als es schließlich ans „Eingemachte“ ging, war der Großteil der CDU/JU Berlin wieder verschwunden. Einige Pressevertreter hatten unterdessen die von der Hauptstadt-CDU gewünschten Propaganda-Bilder bereits geschossen. Für die Mehrzahl der dort demonstrierenden SED-Opfer waren dies nicht mehr als wohlfeile Lippenbekenntnisse. Bezeichnend an diesem Tag war im übrigen ein bürokratischer Umstand, der dem Räumungstermin vorausgegangen war. Nachdem man mit Rücksicht auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag den Abrißtermin am 4. Juli auf den darauffolgenden Morgen um 4.01 Uhr festgelegt hatte, mußte dieser noch einmal auf sechs Uhr verschoben werden. Grund: Die Arbeiten in der Nacht hätten als Ruhestörung gegolten. Jenen Toten aber, denen mit einem Kreuz an dieser Stelle überhaupt erstmals ein symbolischer Ort und eine Würde gegeben worden war, wurde sie gleichsam geraubt. Demonstranten ketteten sich an die Mahnkreuze Noch am Vorabend hatte der Salvatorianer-Pater Vincens die Kreuze mit Weihwasser gesegnet, umringt von einer Journalistenschar, die wie ein Bienenschwarm um ihn herumschwirrte und nicht selten selbst vom Weihwasser benetzt wurde. Unter der illustren Horde befand sich auch der Deutschland-Korrespondent des Fernsehsenders Al-Dschasira. Diese internationale Präsenz schien zu garantieren, daß die Bilder der Mauerkreuz-Aktivisten um die Welt gehen mögen. Schließlich begann ab etwa sieben Uhr – unter Polizeischutz und lebhaftem, aber bald erlahmendem Protest von etwa einhundert Demonstranten – die Demontage der Kreuze. Insgesamt neun ehemalige DDR-Häftlinge begannen sich an die Kreuze zu ketten, doch ein plötzlich einsetzender heftiger Regen sorgte dafür, daß sich die Sympathisanten-Schar schnell auflöste. Zurück blieben die Angeketteten, die von einigen wenigen verbliebenen Unterstützern nach Verhandlungen mit der Polizei mit Regenschutz, warmer Kleidung und heißen Getränken versorgt werden konnten. Kurz vor neun Uhr kündigte die Polizei an, die Räumung durchzusetzen, und drohte mit Strafanzeigen gegen jeden, der sich widersetze. Daraufhin gaben acht der neun Angeketteten auf. Allerdings solidarisierten sich noch zwei junge Demonstranten mit dem verbliebenen Angeketteten und zurrten sich selbst fest. Nach zehnminütigen Einschüchterungen seitens der Polizei gaben auch die letzten drei durchgeweicht auf. Das Mauermahnmal war gefallen, und die politische Klasse der Hauptstadt hatte die Opfer der deutschen Teilung im wahrsten Wortsinn im Regen stehen lassen. Kontakt: Arbeitsgemeinschaft 13. August, c/o Mauermuseum Haus am Checkpoint Charlie, Friedrichstr. 43-45, Tel: 030 / 25 37 250 Foto: Bauarbeiter tragen am Dienstag im strömenden Regen am Checkpoint Charlie ein Mauerkreuz weg: Die politische Klasse der Hauptstadt hatte die Opfer der deutschen Teilung allein gelassen Foto: Alexandra Hildebrandt wird von Journalisten befragt, Pater Vincens bei der Segnung der Mauerkreuze: Der PDS ein Dorn im Auge

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