Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

„Der Fels Petri ist zermahlen“

Pater Pfluger, Papst Johannes Paul II. ist tot, und am meisten scheint die Frage nach dem kirchenpolitischen Standort des Nachfolgers zu interessieren. Ist Kirche nur Politik? Wo bleibt der Glaube? Pfluger: Die Frage nach der Kirchenpolitik – also der künftigen religiösen Ausrichtung der Kirche – ist natürlich für alle Fraktionen sehr wichtig, da jede hofft, mit dem neuen Papst die Weichen zu ihren Gunsten stellen zu können. Es stimmt aber, wir alle vergessen viel zu leicht, daß letztlich Glaube und Liebe und nicht Macht und Ranküne das Wesen einer authentischen Kirche sein müssen. Andererseits wäre es naiv die kirchenpolitische Dimension der Papstnachfolge zu ignorieren: Wird sich der Tod des Papstes als Zäsur erweisen, oder glauben Sie, daß der Nachfolger die Kontinuität des Pontifikates Johannes Pauls II. wahren wird? Pfluger: Alle Welt rätselt, ob der Nachfolger eher ein „Konservativer“ oder „Modernist“ sein wird, in Rom selbst herrscht große Unsicherheit. Es läßt sich lediglich sagen, daß selbst wenn die Entscheidung schließlich gefallen ist, der neue Papst einige Zeit brauchen wird, bevor das Profil seines Pontifikates wirklich sichtbar ist. In der „FAZ“ sprach man dieser Tage mit Blick auf Johannes Paul II. vom „stärksten aller Päpste“, und selbst im „Spiegel“ wurde er mit dem Titel „der polnische Gigant“ bedacht. Pfluger: Der Tod des Heiligen Vaters stellt ohne Zweifel eine Zäsur dar, schon weil es sich um ein so außergewöhnlich langes Pontifikat gehandelt hat, durch das er dem heutigen Papsttum seinen Stempel aufgedrückt hat. Mit seinem Tod geht eine Ära zu Ende. Und jeder Nachfolger muß der Herausforderung bestehen, sich an seinem Pontifikat messen zu lassen. Neben der ausführlichen Würdigung, die Johannes Paul II. derzeit in den Medien erfährt, ist dies aber auch die Stunde der Kritiker, die in allen etablierten Medien auf wundersame Weise ausschließlich aus dem „modernistischen“ Lager kommen … Pfluger: … und die nun ihre Reformwünsche und -vorschläge für das folgende Pontifikat vorbringen können, wodurch der Eindruck entsteht, als könnte es Veränderung nur in eine Richtung geben. Die Piusbruderschaft dagegen gehört, wie zum Beispiel auch die Petrusbruderschaft oder das Opus Dei, zur von den Medien meist beschwiegenen konservativen innerkirchlichen Opposition. Pfluger: Durch die Darstellung des Papstes in den Medien vor dem Spektrum seiner modernistischen Kritiker entstand stets der Eindruck, Johannes Paul II. habe bereits die konservativen Positionen in der katholischen Kirche vertreten. Das stimmt nicht? Pfluger: Das stimmt im wesentlichen nicht. Wenn Sie zum Beispiel oben beklagen, daß wir schon in der Stunde des Todes des Papstes über die kirchenpolitische Ausrichtung seines Nachfolgers diskutieren, dann muß man bedenken, daß dies Verhältnissen entspringt, die der Papst gewollt und mit herbeigeführt hat. Inwiefern? Pfluger: Der Papst hat die Kirche im Sinne der Welt regiert. Er hat sie nach dem Verständnis der Politik geführt. Er hat beinahe alle Länder der Welt besucht, unzählige Prominente aus Politik, Kultur und Sport pressewirksam empfangen, hat sich immer wieder bewußt für die Medien und die Öffentlichkeit in Szene gesetzt. Er wollte der Papst der Welt sein, und so haben ihn die Menschen nur zu gerne auch gesehen. Er hat mit seinen Gebeten an spektakulären Schauplätzen lieber ein öffentliches Papsttum zelebriert, als gleichmütig gegenüber der Welt die religiöse Innerlichkeit zu pflegen. Sein Bestreben war es, die Kirche der Welt zu empfehlen. Er hat es darüber versäumt, die Kirche in der Sache des Glaubens zu führen und den Glauben vor der Welt zu verteidigen. Gerade für die Annahme, daß er letzteres sehr wohl getan hat, ist er aber in weiten Kreisen der Öffentlichkeit „berüchtigt“. Denken Sie nur an sein Beharren in Fragen wie dem Zölibat, der Frauenordination, der Homosexualität, „innerkirchlichen Mitbestimmung“ und dem „Umgang mit Kirchenkritikern“. Pfluger: Daß der Papst sich auf diese Widersprüche hat reduzieren lassen, hat die Kirche lächerlich gemacht. In den Augen der Welt hatte man den Eindruck, es gehe den konservativen Kräften allein um Verbote – speziell um Verbote, die die Sexualität betreffen. Dabei ist gerade der konservative Glaube sehr viel mehr an der Glaubenssubstanz interessiert als an Regeln, die eigentlich eher für die Modernisten mit ihrem Sturmlauf gegen diese Äußerlichkeiten eine hervorgehobene Rolle spielen. Natürlich darf man die Glaubenssubstanz nicht gegen diese Regeln ausspielen, sie in einer Dialektik auseinanderzudividieren, wäre fatal. Aber sie teilen uns nun einmal nichts mit von der Schönheit des Glaubens und dem Reichtum des Christentums. Jesus sagt: „Die Wahrheit wird Euch frei machen“ – nicht irgendwelche Gesetze! Das ist doch gerade das Besondere am Christentum, daß uns Jesus aus den engen Gesetzen des Judentums befreit hat! So ist ein völlig falsches Bild von der eigentlichen, der konservativen Kirche entstanden. Allerdings hat der Papst das Beharren auf diesen Regeln nie formalistisch praktiziert, sondern immer mit einer inneren Glaubensüberzeugung verbunden. Pfluger: Dennoch handelt es sich in den meisten Fällen nur um Fragen der Moral, nicht des Glaubens. Die Moral ist unzweifelhaft sehr wichtig, aber Glaube ist mehr als Moral! Gesetze sind nicht das Fundament! Das Fundament ist die Lehre Jesu! Das Problem ist, daß die Gesellschaft gar keine Ahnung mehr davon hat, was Glaubensdinge eigentlich sind: Sie nimmt Fragen der Moral für Glaubensinhalte. Wenn der Papst sich etwa gegen die Empfängnisverhütung ausspricht, so wird dies als konservative theologische Position betrachtet, tatsächlich aber ist die katholische Theologie viel umfassender. In theologischen Fragen war Johannes Paul II. vielmehr ein sehr modernistischer Papst. Daß die Kritiker also meist nicht über Theologie, sondern nur über Fragen des Sittengesetzes stritten, zeigt, daß sich beide Seiten im Grunde über theologische Fragen einige waren? Pfluger: So ist es, und infolgedessen erschien der Welt die angeblich konservative Kirche Johannes Pauls II. nur nach als Korpus eines Moralkodex. Was für eine Reduktion! Welche Rolle spielt, daß Johannes Paul II. sich Traditionen wie der Benutzung der päpstlichen Sänfte, dem Tragen des goldenen Brokatmantels oder dem Verbrennen eines Hanfseils bei der Papstweihe verweigert hat? Pfluger: Die Abschaffung solch zeremonieller Elemente hat es immer gegeben. Möglicherweise ist sie heutzutage auch ein Indiz für eine verhängnisvolle innere Veränderung in der Kirche, aber viel mehr besteht die Gefahr, daß der Gehalt konservativer Positionen in den Augen der Welt wieder nur auf die Beibehaltung traditioneller Rituale reduziert wird. Auch in der Kirche gibt es Dinge, die zeitabhängig sind. Der Punkt ist: Das gilt nicht für die Glaubensinhalte! Was meinen Sie konkret mit den „Glaubensinhalten“ beziehungsweise mit „modernistischer Theologie“? Pfluger: Papst Johannes Paul II. vertrat die Lehrmeinung, daß alle Menschen in Christus bereits erlöst und gerettet sind. Das heißt, es kommt nicht mehr darauf an, ob jemand das Heil in Gestalt der Erlösung annimmt. Durch Jesus sind alle Menschen bereits anonyme Christen und haben das Heil erhalten. Das aber ist eine völlig andere Theologie, als sie 2.000 Jahre lang in der katholischen Kirche gelehrt wurde. Das ist vor dem Hintergrund der Konzilien, dem Beispiel der Heiligen, der ewigen Lehre der Kirche eine neue Theologie! Damit hat der Papst in den über 25 Jahren seines Pontifikates erheblich zur Verschleuderung des Glaubensgutes der Kirche und der Zerstörung der christlichen Glaubenssubstanz beigetragen. Ein hartes Urteil – immerhin aber hat sich Johannes Paul II. nach eigener Überzeugung stets ehrlich um die Pflege des Glaubens bemüht! Pfluger: Das will ich gar nicht anzweifeln, und es steht uns auch nicht zu, den Heiligen Vater zu verurteilen. Ob er ein guter oder ein schlechter Papst war, darüber hat nur Gott zu befinden. Es ist allerdings zulässig und notwendig, die Fakten zu benennen: Denken Sie nur daran, daß die Deutsche Bischofskonferenz im September 2003 ein Dokument für die „Umnutzung von Kirchen“ herausgegeben hat – es geht darum, wie man Kirchen schließt! Die Kirchen werden leerer und leerer. Lassen Sie sich nicht von der Massenversammlung, die nun zum Tode des Papstes in Rom stattfindet, täuschen. Das mögen alles ehrlicher Verehrer des Papstes sein, doch Gläubige sind viele von ihnen schön längst nicht mehr. Und selbst diejenigen, die ihren Glauben noch praktizieren, haben zumeist keinen integralen Glauben mehr: So sind sie etwa meist nicht einmal mehr in der Lage, noch einen Unterschied zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus zu erkennen. Der katholische Schriftsteller Martin Mosebach zitiert in der „FAZ“ Carl Schmitt mit dem Satz: „‚Alles fließt‘, sagt Heraklit, der Felsen Petris, der fließt mit.“ Pfluger: Das ist treffend formuliert. Ich erinnere daran, daß die Jünger einmal zu Jesus kamen und klagten, seine Rede sei zu hart gewesen, die Leute liefen ihnen davon, so könne er nicht mehr reden. Da erwiderte er: „Wollt auch Ihr gehen?“ – Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils dagegen hat die unumstößlichen Glaubenswahrheiten zugunsten eines „Dialogs mit der Welt“ preisgegeben. Mittlerweile hat die Kirche so aber den letzten Rest an Einfluß auf die Gesellschaft verloren. Wer nimmt sie denn in unserer Gesellschaft noch wirklich ernst? Niemand. Im Gegenteil, heute muß sie sich vor der Welt rechtfertigen, statt sie wie „Sauerteig zu durchformen“, wie es in der Heiligen Schrift heißt. Die Bischöfe müssen der Welt hinterherrennen, müssen ständig ihr schlechtes Gewissen erklären und versichern, die Kirche sei „gar nicht so“. Der Felsen Petri ist zu einem Sandhaufen zermahlen. Glauben Sie, dem Papst sind zuletzt doch Zweifel am II. Vatikanum gekommen? Pfluger: Er hat natürlich gesehen, daß sich die Kirche auch nach dem II. Vatikanum in der Krise befindet. Daß das Vatikanum aber Teil dieser Krise ist, daß hat er wohl nicht erkannt. Die Idee, sozusagen die Latte immer tiefer zu hängen, um den Leuten den Zugang zur Kirche zu erleichtern, hat nicht gefruchtet. Das Resultat war vielmehr, die Attraktivität, überhaupt noch zu kommen, zerstört zu haben. Ebenso verhält es sich mit dem Bemühen, die Einheit des Glaubens durch den Ökumenismus und die interreligiösen Treffen wie zum Beispiel in Assisi wiederherzustellen. Könnte man Assisi nicht als Versuch deuten, das Religiöse in allen Kulturen gegen den Atheismus des modernen Westens zu vereinen, der nämlich bisher über kurz oder lang seine Weltanschauungen stets erfolgreich in alle Teile der Welt exportiert hat. Insofern könnte man Assisi als Zeichen der weisen Voraussicht Johannes Pauls II. deuten. Pfluger: Natürlich hat Johannes Paul II., als er 1986 erstmals die verschiedenen Religionen nach Assisi gerufen hat, in seinem Herzen stets an Jesus Christus geglaubt. Aber Sie wissen, daß das nicht das ist, was Assisi in den Augen der Welt darstellt. Die Welt versteht Assisi als Relativierung der Einzigartigkeit des Glaubens an Jesus Christus. Was entsteht, ist ein äußerer Friede unter Preisgabe der Unterschiede – und vor allem der inneren Wahrheit! Das ist der Gedanke der Freimaurerei, die bereit, ist für den Zusammenschluß der Welt die Wahrheit des Glaubens aufzugeben. Das aber ist kein christlicher Gedanke. Jesus sagt ausdrücklich: „Meinen Frieden gebe ich Euch, nicht wie die Welt ihn gibt.“ Im übrigen ist der westliche Materialismus nicht durch einen Zusammenschluß der Religionen zu stoppen, die sich gegenseitig relativieren, sondern nur durch die Tiefe und die Wahrhaftigkeit des Glaubens, die allein in seiner unbedingten Einzigartigkeit liegen. Andererseits hat Johannes Paul II. auch konservative Initiativen gestärkt. So hat er etwa das Verbot, die Heilige Messe nach dem alten, vorkonzilliaren Ritus zu feiern, aufgehoben. Pfluger: Dennoch ist es immer noch nur unter zum Teil beschämenden Bedingungen möglich, den alten Ritus zu zelebrieren. So muß etwa der Bischof zustimmen, mitunter ist nur eine einzige Heilige Messe nach altem tridentinischem Ritus pro Monat erlaubt oder Ort und Zeit werden vorgeschrieben, etc. Die Aufhebung des Verbotes hatte nichts mit einer Anerkennung des alten Ritus zu tun. Sie war vielmehr ein Zeichen für den Wunsch des Heiligen Vaters nach Versöhnung. Immerhin, das wissen wir zu schätzen. Ebenso etwa wie seine Verdienste im Kampf gegen den Kommunismus, den wir allerdings noch längst nicht für überwunden halten. Und wir danken ihm für seine unerschütterliche Standhaftigkeit im Kampf für den Schutz des ungeborenen Lebens! Die Piusbruderschaft vereinigt sich im Gebet mit der ganzen Kirche für Papst Johannes Paul II. und anempfiehlt seine Seele der Barmherzigkeit Gottes und der Fürbitte der allerseeligsten Jungfrau Maria. In jedem Haus der Piusbruderschaft halten wir ein Requiem für die Seelenruhe des Heiligen Vaters ab. Angesichts der Stimmung gegen konservative christliche Positionen, wie sie etwa in den Fällen Martin Hohmann oder Rocco Buttiglione sichtbar geworden ist, die lediglich Positionen Papst Johannes Pauls II. bekannt haben, ohne freilich den Schutz seiner herausgehobenen Stellung zu genießen: Wie bewerten Sie die Chancen für konservative Glaubensüberzeugungen nun nach dem Tode Johannes Pauls II.? Pfluger: Mit einem wirklich konservativen Papst ist natürlich bei der anstehenden Wahl nicht zu rechnen. Im günstigsten Fall wird ein Kandidat in der Tradition Johannes Pauls II. gewählt. Aber natürlich wird auch dann die Krise und Verfall des Glaubens fortdauern. Der Christ weiß allerdings, daß das die Herausforderung ist, die die Welt ihm stellt. In der Heiligen Schrift heißt es: Wird der Menschensohn noch Glauben finden, wenn er wiederkehrt? Für den Christen liegt die Kraft eben nicht in der Hoffnung auf ein „Happy End“, sondern allein im Glauben selbst. Pater Niklaus Pfluger , Jahrgang 1958, ist Oberer des deutschen Distrikts der katholisch-konservativen Priesterbruderschaft St. Pius X. mit Sitz in Stuttgart. Die Pius-bruderschaft wurde 1970 durch den Bischof von Freiburg, Genf und Lausanne, François Charrière, als Glied der römisch-katholischen Kirche kanonisch errichtet. Ihr Gründer ist der umstrittene, 1988 exkommunizierte französische Erzbischof Marcel Lefebvre. Obgleich die Piusbruderschaft quasi „in Ungehorsam“ gegenüber dem Papst lebt – sie lehnt vor allem die Religionsfreiheit, den Ökumenismus ab -, ist sie als Mitglied der Kongregation Ecclesia Dei Teil der Katholischen Kirche. Insbesondere lehnt sie die Umformung der heiligen Messe ab, wie sie im Gefolge des II. Vatikanischen Konzils durchgeführt wurde. Die sogenannte Neue Messe Papst Pauls VI. enthält nach den Worten Erzbischof Lefebvres „ein für den Glauben schädliches Gift“. Statt dessen feiert man die heilige Messe nach den Büchern von 1962, also nach den Vorschriften, wie sie vor dem Konzil bis hin zu Papst Johannes XXIII. gegolten haben. „Durch diese Messe haben sich alle Großen der Kirche geheiligt: Don Bosco ebenso wie der seliger Pater Rupert Mayer“, betont die Piusbruderschaft heute. Kontakt: Priorat St. Athanasius, Stuttgarter Straße 24, 70567 Stuttgart, Telefon: 0711 / 89 69 29 29, Internet: www.fsspx.de Foto: Blick auf den Petersplatz: „Johannes Paul II. hat dem Papsttum seinen Stempel aufgedrückt … er hat die Kirche (jedoch) im Sinne der Welt regiert (und) es darüber versäumt, die Kirche in der Sache des Glaubens zu führen“ weitere Interview-Partner der JF

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