Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Fall Kardinal Meisner

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat mit seiner Dreikönispredigt in ein Wespennest gestochen. Dort hatte er gesagt: „Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen läßt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“ Wenn Kardinal Meisner die Massenabtreibungen nicht in einem Atemzug mit den Verbrechen von Hitler und Stalin genannt hätte – niemand außerhalb des Kölner Doms hätte den Predigttext zur Kenntnis genommen. Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden und über seine Arbeit als Musikagent eng mit Grünen-Chefin Claudia Roth befreundet, forderte Meisner postwendend zur Entschuldigung auf und legte ihm ansonsten einen Rücktritt nahe, ja drohte sogar mit juristischen Mitteln. Kurz bevor die Kampagne das Format der Hohmann-Affäre erlangte, nahm Meisner seine Formulierung zurück (vollständige Dokumentation der Predigt auf Seite 14). Das Unglaubliche: Kein Politiker der CDU oder CSU wies die Forderung Spiegels umgehend zurück und stellte sich hinter den Kirchenführer! Über den eigentlichen Skandal will man aber nicht sprechen, der dank Meisners Predigt wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet: das Drama hunderttausendfacher Tötung ungeborener Kinder in Deutschland. Während Deutschland für die Opfer im Erdbebengebiet Südostasiens, wo mehr als 160.000 Menschen ums Leben kamen, über eine Milliarde Euro öffentlicher und privater Gelder zur Verfügung stellen will, werden seit der Reformierung des Paragraphen 218 Strafgesetzbuch jährlich allein in Deutschland schätzungsweise über 200.000 ungeborene Kinder getötet, ohne daß ein Aufschrei durch das Land geht. Nach den veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind seit 1974 über 4,2 Millionen (4.200.000) Kinder getötet worden, nach plausiblen Schätzungen muß man sogar von über 8 Millionen getöteten Kindern ausgehen. Das ist ein derartig himmelschreiendes Unrecht, das in der Mitte unserer „Zivilgesellschaft“ vor sich geht, daß diejenigen, die sich für das Recht auf Leben engagieren, stärker auf die Barrikaden gehen müssen. Betrüblich, daß Spiegel als Sprecher einer Religionsgemeinschaft, die auf den selben Wurzeln beruht wie das Christentum, nicht sogar den Warnruf Meisners begrüßt, steht er doch in der Tradition des Kardinals August Graf von Galen, der durch seine mutigen Predigten im August 1941 dazu beigetragen hat, das NS-Euthanasieprogramm zu stoppen. Aber es ist wohl so, wie Lorenz Jäger in der FAZ beklagte: „Auschwitz-Vergleiche sind dann und nur dann zulässig, wenn sie von Ministern der rot-grünen Koalition oder ihren literarischen Mitstreitern gezogen werden, andernfalls erfüllen sie den Tatbestand der Volksverhetzung.“

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