Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Inferno

Das gibt es in keiner anderen Demokratie der Welt: daß Funktionseliten aus Politik, Medien und Kirchen zum geschichtspolitischen Bürgerkrieg gegen das eigene Volk, seine Geschichte und sein kollektives Gedächtnis blasen. Ihre Übermacht scheint überwältigend zu sein – doch worauf gründet sie sich eigentlich? Zuerst einmal: „Funktionseliten“ sind keine auserlesenen Besten, sondern bloß diejenigen, die sich zur Schmutzarbeit herandrängen, sei es, weil sie es nicht besser wissen, sei es, weil sie damit Karriere und Geld machen, oder beides. Zweitens: Das „Dritte Reich“, Krieg und Vertreibung hören gerade auf, „rezente“, das heißt selbsterlebte Vergangenheit zu sein, die die Angehörigen der Nation miteinander teilen. Sie werden, was ganz natürlich ist, vom kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis transformiert, und zwar in Form von Ritualen, Erinnerungsfiguren, Symbolen, Denkmälern. Es ist, drittens, normal, wenn es bei diesem Abstraktionsprozeß auch zu Verkürzungen, Umdeutungen, Simplifikationen kommt. Doch es ist absolut ungewöhnlich, wenn die Verbindung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis durch eine ideologische Trennwand gekappt wird. Und es ist pathologisch, wenn der Nation von den Funktionseliten das Haupt der Medusa als – angebliches – nationalgeschichtliches Spiegelbild vorgehalten wird. Die Deutschen sollen als „Tätervolk“ festgeschrieben werden, das ist das Ziel. Im Kanonisierungsverfahren wird viel begriffliches und theoretisches Brimborium verwendet, doch die Grundstruktur ist simpel: Das Negative, das von Deutschland ausgegangen ist, wird auf seine mentalen Tiefenschichten, Traditionen, Sonderwege und Eigenarten zurückgeführt, es kann gar nicht identitätsstiftend und einmalig genug gewesen sein. Quasi im keimfreien Laboratorium haben die Deutschen alle Schlechtigkeiten der Welt ausgeheckt, die anderen aber waren Weiße Ritter. Geht es dagegen um deutsche Opfergänge, um Bombenkrieg, Vertreibung, Massenvergewaltigung usw., dann waren das bloß – verständliche – Reflexe auf deutsche Ursachen. Dann wird in primitiver, ahistorischer Weise europäisiert, kontextualisiert, vernetzwerkt, bis von der erfahrenen Geschichte nichts mehr übrigbleibt. Schon gibt es Stimmen, die die Vertreibung der Deutschen als Teil europäischer „Migrationsbewegungen“ entsorgen wollen. An Dresden entzündet sich alljährlich der Konflikt zwischen den Überresten des kommunikativen und dem oktroyiertem kulturellen Gedächtnis. Denn Dresden war die schönste Metropole Deutschlands und eine der schönsten Europas. Der Schmerz über ihre Zerstörung kurz vor Kriegsende sitzt besonders tief, weil mit ihr die Absicht der Alliierten, die kulturelle, geistige, auch die biologische Substanz Deutschlands dauerhaft zu beschädigen, unwiderleglich wurde. Dresden ist aber auch ein deutsch-deutscher Konfliktfall. In der DDR war der „anglo-amerikanische Terrorangriff“ die gängige Bezeichnung für das Bombardement am 13./14. Februar 1945, was von BRD-Ideologen als Zeichen antiwestlicher SED-Indoktrination gedeutet wird. Wie dumm sie sind, das genaue Gegenteil ist richtig! Die DDR-Bevölkerung war sensibel, schließlich immun gegenüber den Versuchen der SED, sich durch antiwestliche Propaganda eine politisch-historische Legitimation zu verschaffen. 1989/90 zeigte sich, daß es in der DDR ein rührend naives, viel zu positives Bild vom Westen gab, das die USA und Großbritannien als Führungsmächte der „Freien Welt“ einschloß. Der Begriff „anglo-amerikanischer Terrorangriff“ setzte sich nicht wegen, sondern trotz der SED-Propaganda durch, und zwar, weil er subjektive Erfahrungen und den objektiven Sachverhalt traf. Die „Tätervolk“-Ideologie, die das Herzstück des neuen deutschen Geschichtsbildes abgeben soll, widerspricht nicht nur den privat tradierten Erzählungen und Erinnerungen, sie ist auch wissenschaftlich ein Witz. Sie berücksichtigt die Geschichte nur selektiv. Diese selbst für Laien bemerkbare methodische Schwäche läßt ihre Verfechter besonders aggressiv agieren. Die „Tätervolk“-Ideologen räumen ein, daß es ihnen gar nicht um Faktizität und wissenschaftliche Präzision geht, sondern um „moralische Entscheidungsfragen“ und „politisch konditionierte ‚Verantwortung'“, wie ein Geschichtsprofessor namens Achatz von Müller gerade in der Zeit tönte. Es soll also ein ahistorischer Dezisionismus durchgepeitscht werden. Dazu bringen die Funktionseliten den von ihnen okkupierten Staat als Leviathan in Stellung, der die Freiheitsrechte der Bürger erwürgt. Psychologische Kriegführung gegen das eigene Volk wird zur „Aufklärung“ erhoben, und falls diese Medizin nicht hilft, werden Polizei und Justiz gegen „Relativierer“ und „Verharmloser“ in Marsch gesetzt. Sogar der Pfarrer der Dresdner Frauenkirche, Stephan Fritz, hat deutlich gemacht, daß er statt nach Wahrheit, Seelenheil, Gedenken oder anderen hehren Dingen nach kultureller Hegemonie strebt und nach der Macht, die sie verspricht: „Es geht um die Deutungshoheit. Dresden war keine unschuldige Stadt, sondern eine Nazi-Stadt wie alle anderen.“ Man achte auf die manipulative semantische Verschiebung: Die Tatsache, daß es hier Nazis gab, wird bei Fritz zum Haupt-, ja zum Alleinmerkmal Dresdens, „wie aller anderen“ deutschen Städte. Daraus, so insinuiert er, ergibt sich eine Kollektivschuld, vor der die Frage nach der Berechtigung der Bomben-Barbarei zu verstummen habe! In der Rede dieses Pfarrers Grausam mischt sich die technokratische Killer-Logik von Bomber-Harris mit dem Deutschenhaß des Lord Vansittart. Eine evangelische Kirche, die kein anderes Evangelium mehr kennt als das von der deutschen Kollektivschuld, die Steine verteilt statt Brot, die hat es verdient, daß sie mangels Gläubiger und Steuerzahler zugrunde geht. Der Philosoph Karl Jaspers hat viel schärfer, tiefer, unerbittlicher über die deutsche Schuld nachgedacht als alle, die sich heute in der Bewältigungsindustrie prostituieren. Jaspers aber war ein liebendes Vernunftswesen und blickte über die Froschperspektiven persönlichen Vorteils und generativer Affekte hinaus. Auf die selbstgestellte Frage: „Sollen wir anerkennen, daß wir allein schuldig sind?“, antwortete er: „Nein, sofern wir als Ganzes, als Volk schlechthin gemacht werden – zu dem schuldigen Volk an sich. Gegen diese Weltmeinung können wir hinweisen auf Tatsachen.“ Worauf werden die bundesdeutschen Funktionseliten hinweisen können, wenn ihnen eines Tages die Stunde der Wahrheit schlägt? Schon heute möchte man um keinen Preis der Welt in ihrer Haut stecken.

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