Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Das Ende der Möglichkeiten

Der an der Universität St. Gallen lehrende Ordinarius für Soziologie Peter Gross hat zur Bezeichnung der modernen Gesellschaft den Begriff der „Multi-optionsgesellschaft“ geprägt. Wie Gross in seinem Buch „Die Multioptionsgesellschaft“ (Edition Suhrkamp) aus dem Jahre 1994 formuliert hat, lasse sich die moderne Gesellschaft dadurch charakterisieren, daß es hinter allem ein Mehr und Besseres gebe. Was uns antreibt, „ist ein tief in die modernen Gesellschaften eingemeißelter und ins Herz des modernen Menschen implantierter Wille zur Steigerung, zum Vorwärts, zum Mehr. Auf dem Drang nach Mehr gründet die Moderne.“ Gross beschreibt hier den „faustischen“ Charakter der westlichen Zivilisation, die bestehende Grenzen niederreißen will und permanent über sich selbst hinaustreibt. Da nichts so bleiben kann, wie es ist, eröffnen sich für alle Gesellschaftsmitglieder immer neue Optionen, die Möglichkeiten des Erlebens und Handelns werden vervielfältigt und ununterbrochen gesteigert, die Gesellschaft wird „multioptional“. Mit der allgemeinen Optionssteigerung ist ein Traditions- und Obligationenverlust verbunden. Die Handlungsentwürfe der Einzelnen werden individualisiert, jeder versucht, den für sich besten Optionsmix zu realisieren. Das Programm der unendlichen „Daseinssteigerung“ wird in massendemokratischen Gesellschaften zu einer kollektiven Drift, weil allen versprochen wird, den gleichen Anspruch auf gleiche Teilhabe an allen Optionen zu haben, die jeder dann im Sinne einer Patchwork-Existenz für sich zusammenstellen könne. Gross faßt dieses Projekt der Moderne in einem Dreipunkteprogramm zusammen: Es umfaßt die permanente Steigerung der Handlungsmöglichkeiten, die Teilhabe an den Handlungsmöglichkeiten und die Garantierung zumindest minimaler Teilnahme an den eröffneten Handlungsmöglichkeiten. Gross folgt hier argumentativ Ralf Dahrendorf, der 1983 in seinem Buch „Die Chancen der Krise“ geschrieben hat: „Modernität bedeutet die Entzauberung der Welt. Max Weber, der diese Formulierung gebraucht hat, kannte den Preis des Prozesses. Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ist ein großer Schritt in eine Welt der Optionen. Modernität bedeutet, daß Optionen, Wahlchancen an die Stelle überkommender Bindung treten“. Mit dem Multioptionalismus ist aber auch eine Philosophie des „Entrinnens, des Entgehens und der Entbindung“ verbunden, die Zukunft wird in hohem Maße kontingent, und das ist mit Risiken verbunden. Da alle Optionen für den einzelnen nicht gleichzeitig zu haben sind, muß er sich entscheiden. Die Entscheidung für eine Option schließt zumindest auf Zeit andere Optionen aus, die selbstgewählten Lebensentwürfe sind riskant, weil die verworfenen Optionen vielleicht größere Chancen der Daseinssteigerung ermöglicht hätten. Der Mensch leidet unter too much discriminative strain (Arnold Gehlen) und verliert seine Verhaltenssicherheit. An die Stelle eines transzendentalen Gottes, der feste Regeln für ein gottgefälliges Leben vorgibt, tritt ein diesseitiger „Mehrgott“, der viel verspricht aber wenig hält. Wie andere Institutionen auch verliert die Religion an normativer Kraft. In einer Multioptionsgesellschaft haben es Hochreligionen schwer, weil der transzendentale Gott dem diesseitigen Mehrgott geopfert wurde. „Das wirklich Angstmachende in der modernen Gesellschaft“, so schreibt Gross, „ist das Irreguläre und Unberechenbare. Es resultiert aus der gesamtgesellschaftlichen Deregulierung“. Soziologen bezeichnen diesen gesellschaftlichen Zustand seit Emile Durkheim mit „Anomie“ als Zustand der Regellosigkeit. So hält nach Gross die Philosophie der Daseinssteigerung und des Überbietens auch Einzug „im Bösen“. Doch durch welche Faktoren wird diese Drift der Steigerung, die „alle Gegenstände, Verhältnisse und Verbindlichkeiten destruiert, transformiert und optioniert“ ausgelöst und in Bewegung gehalten? Gross führt vier Gründe auf: 1) Zunächst ist hier die Aufklärung zu nennen. Mit der Aufklärung wird auf grundlegende Weise die Wirklichkeit entmystifiziert und für den menschlichen Zugriff verfügbar gemacht. Die Aufklärung suggeriert „Machbarkeit“. Wenn etwas machbar ist, dann ist es steigerungsfähig, und wenn etwas prinzipiell steigerungsfähig ist, dann ist es nur konsequent, wenn der Mensch diese Optionen wahrnimmt und gleichsam ausreizt. 2) Dabei wird auch die Natur entzaubert und technologisch transformiert. Die wissenschaftlich-technische Zivilisation kennt keine Schranken der Erkenntnis. Alles wird zerlegt, untersucht, neu zusammengesetzt. Selbst die menschliche Körperlichkeit wird zum wissenschaftlichen Experimentierfeld, es gibt keine Haltepunkte für die „entsperrte wissenschaftliche Neugierde“. 3) Der dritte Auslöser der Daseinssteigerung und Optionierung ist die Vermarktung aller Lebensbereiche. Der Markt eröffnet eine Vielzahl von Optionen, er macht alles wähl- und verrechenbar. Er sprengt die alte Welt der Konventionen und Obligationen, die normativ die Handlungsalternativen einschränkten, und läßt alles zu Alternativen der Lust- oder Gewinnmaximierung werden. Der Markt verspricht dabei nicht nur die Befriedigung aktueller Bedürfnisse, er verspricht die permanente Befriedigung gesteigerter Bedürfnisse, das befriedigte Bedürfnis produziert uno actu das Bedürfnis nach gesteigerter Befriedigung. Der schöne Schein der Warenästhetik ist eine einzige Logik des Überbietens. 4) Und letztlich finden wir diesen Prozeß der Entzauberung und Umschmelzung von Obligationen in Optionen in der Demokratisierung aller Lebensverhältnisse. Demokratisierung bedeutet Pluralisierung. Alle Optionen sind gleichwertig, es gibt keine privilegierten Handlungs- und Lebensentwürfe mehr. Politik hat die Aufgabe, die Teilhabe möglichst aller an den aktuellen Handlungsmöglichkeiten sicherzustellen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß das Reservoir an Handlungsoptionen für alle permanent gesteigert wird. Wie Heinz Abels in den „Soziologischen Gegenwartsdiagnosen“ schrieb, besteht das eigentliche Problem der Moderne darin, „daß die Differenz verweltlicht worden ist. Konnte der Mensch der Vormoderne darauf hoffen, mit der Überschreitung der Grenze zwischen dieser Welt und dem Jenseits Erlösung zu finden, sucht der Mensch der Moderne sein Heil in der Überwindung immer neuer innerweltlicher Differenzen.“ Fortschritt heißt, in „irdischer Machseligkeit“ die Differenz zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit immer wieder einholen zu wollen, die Wirklichkeit nach Möglichkeiten abzutasten, um dann die Wirklichkeit nach den Versprechungen der Möglichkeit zu gestalten, ein niemals endender Prozeß, weil jede Wirklichkeit gewordene Möglichkeit einen neuen Horizont von Möglichkeiten auftut. Gross schlägt „Differenzakzeptanz“ als Lösung dieses grundlegenden Problems der Moderne vor. Die Philosophie des Überbietens lebt eigentlich nicht im Hier und Jetzt, sondern in der Zukunft. Die zukünftigen Optionen geben dem Dasein erst einen Sinn. Gross dagegen will, daß der Mensch am Ende der Moderne die Gegenwart so akzeptiert, wie sie ist. Der Mensch soll in der Gegenwart leben, er soll nicht allen Möglichkeiten gehetzt nachlaufen, nur wenn er verharrt, kann er die Fülle des Lebens sinnvoll ausschöpfen. Gross will eine „Entschleunigung“ der gesellschaftlichen Entwicklung. Anstatt abstrakten Möglichkeiten nachzulaufen, sollte das Gegebene an möglichst alle Menschen weitergegeben werden, eine Steigerung der Teilhabe, eine Verbreiterung des Vorhandenen anstelle der Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung. Dies wäre eine zweite Aufklärung: „Indem sich die Aufklärung über den ihr innewohnenden repetitiven Steigerungsimperativ aufklärt, könnte man sie auch individuell abbrechen.“ So bestechend Gross‘ Analyse der Multioptionsgesellschaft ist, an dieser Stelle erweist er sich als klassischer Idealist. Er glaubt, die Steigerungssemantik und Philosophie des Überbietens der modernen Gesellschaft durch einen voluntaristischen Akt (von wem?) beenden oder zumindest dämpfen zu können. Viel spricht indessen dafür, daß es zu diesem voluntaristischen Akt gar nicht erst kommen muß, weil sich dieses Problem strukturell auf gesellschaftlicher Ebene von selbst regelt. Für Deutschland und Mitteleuropa läßt sich jedenfalls feststellen, daß diese Steigerungslogik allein durch die ökonomische Entwicklung ein jähes Ende findet. Die Wachstumsgesellschaft ist an ihre Grenze gestoßen, sei es bedingt durch „Reinigungskrisen“ (Marx) oder durch die Veränderung von Peripherie und Zentrum, indem die industrielle Produktion in den asiatischen oder osteuropäischen Raum abwandert. Zunehmende Massenarmut in diesem Lande bedeutet, daß für das Gros der Bevölkerung die Multioptionen auf wenige Alternativen zusammenschrumpfen. Die Vorstellung der Multioptionsgesellschaft ist ein vom Zeitgeist der noch prosperierenden neunziger Jahre geprägtes Kind. Mit zunehmender Armut verschwinden die Handlungsalternativen, sie orientieren sich zusehends am alternativlosen Überleben. Zur Bezeichnung dieser Situation hat Niklas Luhmann den Begriff der „Exklusionsverkettung“ geprägt. Exklusion bedeutet, daß eine Person keine Teilhabe an einem gesellschaftlichen Teilsystem hat, das bestimmte Leistungen für sein Publikum erbringt. Normalerweise ist der Mensch in alle möglichen Teilsysteme inkludiert, als Arbeitsplatzinhaber trägt er eine Leistungsrolle im Wirtschaftssystem, als Staatsbürger ist er inkludiert ins politische System, als Krankenversicherter ist er inkludiert ins medizinische System usw. usw. Arbeitsplatzverlust ist dabei Exklusion aus der Leistungsrolle im Wirtschaftssystem. Die Exklusion aus diesem gesellschaftlichen Funktionssystem führt relativ schnell zur Exklusionsverkettung, weil sich der Arbeitslose in die Publikumsrollen anderer Systeme nicht mehr „einkaufen“ kann, er kann sich keinen Versicherungsschutz mehr leisten, keine Eintrittskarten für den Kunstbetrieb, keine Mitgliedschaft in Sportvereinen usw. Die sozialen Sicherungssysteme, die normalerweise solche Exklusionsverkettungen verhindern sollen, können zunehmend ihre Funktion nicht wahrnehmen, weil sie selbst durch Massenarbeitslosigkeit überfordert sind. Menschen, die nicht (mehr) ins Wirtschaftssystem über eine Leistungsrolle (Arbeitsplatz) inkludiert sind, können so nur beschränkt auf Recht, Zahlungsmittel, politische Macht usw. zugreifen, sie werden gesellschaftlich exkludiert bis zu dem Punkt, wo sie nur noch als „Körper“ wahrnehmbar sind, dessen Grundbedürfnisse irgendwie befriedigt werden müssen. Die exkludierte Person wird gleichsam entsymbolisiert, ist nur noch Körper, nicht mehr gesellschaftlicher Bedeutungsträger. Für die gesellschaftliche Ordnung ist das potentieller Explosivstoff, weil sich diese Menschen nur noch mittels ihres Körpers gesellschaftliche Beachtung verschaffen können: Die Gewaltbereitschaft steigt, die Kriminalitätsrate wächst. An die Stelle der Multioption ist somit die Multiexklusion getreten. Und für die Generation, die im Zeitalter der Prosperität und der multioptionalen unbegrenzten Möglichkeiten groß geworden und sozialisiert worden ist, ist diese Umstellung besonders gravierend: Viele werden daran psychisch zerbrechen und ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle halten können. Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt zum Thema „Politik als geschlossenes System“ (JF 38/05).

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