Armut ist ein relativer Begriff

Die Rede von Armut in Deutschland hat in letzter Zeit verstärkt Konjunktur: Die Arbeitsmarktreform bietet ein weites journalistisches Betätigungsfeld, Leben unterhalb des Existenzminimums auszuleuchten. Kaum ein Fernseh- oder Radiosender, wenige Zeitungen konnten sich im vergangenen Advent enthalten, Mitarbeiter als Bettler auf die Einkaufsstraßen zu schicken, spärlich gedeckte Tische wurden gezeigt, traurige Kinderaugen, welche in diesem Jahr den Geschenkeberg unterm Weihnachtsbaum deutlich geschrumpft vorfanden. In Zeiten wie diesen werde selbst das Nötigste rar für die Betroffenen, heißt es: Nachdem vor gut einem Jahrzehnt die erste städtische „Tafel“ zur Armenspeisung aus Kantinen- und Supermarktresten gegründet wurde, sind es heute bundesweit über 400 solcher Volksküchen, die überall gut und gerne angenommen werden. Zehntausende Deutsche kämpfen um ihr tägliches Brot, heißt es. Tatsächlich ist die Zahl der Armen seit den achtziger Jahren relativ konstant geblieben, heute gilt jeder 11. Bundesbürger als arm, 8,7 Prozent in den alten, 10,7 Prozent in den neuen Bundesländern. Die Altersarmut ist dabei mit vier Prozent relativ gering verbreitet, stärker betroffen sind Einwanderer, Familien mit Kindern und Alleinerziehende. Präziser als der weitgefaßte Armutsbegriff greift der Terminus der „relativen Einkommensarmut“, der diejenigen bezeichnet, die hinter der allgemeinen Wohlstandsentwicklung zurückbleiben. In Ziffern: Wessen Einkünfte sich auf unter 1.038 Euro monatlich belaufen, gilt als arm. Längst werden auch Luxusgüter wie Fernsehen, Tabak und Kaffee zum sogenannten Existenzminimum gerechnet. Die Marxsche Prophezeihung vom Ärmerwerden der Armen bei gleichzeitiger Reichtumsvermehrung der bereits Vermögenden trifft dabei im internationalen Vergleich für Deutschland nicht zu. Der Gimi-Koeffizient, der den Grad angibt, zu dem die Verteilung von Einkommen von einer Gleichverteilung abweicht, liegt für unser Land bei 0,3. Damit liegt Deutschland auf Platz 17 von 105 erfaßten Staaten. Auch wenn eine frühere Faustregel, dergemäß das Gehalt eines Vorstandsmitglied das Zwanzigfache des Facharbeiterlohnes beträgt, der Vergangenheit angehört -heute beträgt die Differenz das Dreihundertfache -, liegen hierzulande die untersten Einkommensklassen relativ nahe am Durchschnitteinkommen. Daher ist in bezug auf die Armutsklage gelegentlich die Rede von einem „Jammern auf hohem Niveau“. Auf dem Lande ist ein Leben ohne Auto kaum denkbar Jana Paulitz gehört mit ihrer Familie zu denen, die nach offizieller Maßgabe ein Leben unter dem Existenzminimum führen. Ganz deutlich empfindet auch sie eine Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter und Privilegien: „Ich sehe aber auch einen tiefgreifenden Mangel an Disziplin und Bescheidenheit. Irgendwie sind diese Tugenden unseren Leute wohl abhanden gekommen. Vielleicht kann man das den einzelnen gar nicht vorwerfen – Anspruchshaltungen entsprechen eben unserer Zeit. Man müßte die Betroffenen eigentlich an der Hand nehmen und sie eines Besseren belehren – aber wer tut das schon? Die Menschen sind doch ganz alleingelassen in unserer bunten Konsumwelt.“ Die Achtunddreißigjährige mit dem hüftlangen Zopf, deren Mann vor drei Jahren durch einen Gehirnschlag gestorben ist, hat zwei Töchter im Alter von vierzehn und fünf Jahren und einen elfjährigen Sohn. Sie leben für eine niedrige Miete im Haus des Schwagers, einem kleinen, grauen Altbau mit 140 Quadratmetern Wohnfläche am Rande von Dresden. In den Fenstern hängt selbstgemachter Adventsschmuck, Stroh- und Faltsterne, unter dem schlicht geschmückten Weihnachtsbaum in der mollig warmen Wohnstube steht eine geschnitzte Weihnachtskrippe, daneben zwei Notenständer. Im einfachen Kachelofen nach DDR-Bauart knistert das Holz. „Die Öltanks im Keller sind jetzt seit zwei Jahren leer“, erklärt die Hausherrin. Das sei mitnichten ein Verlust an „Lebensqualität“, wie ihr Freunde damals prophezeit hatten, im Gegenteil: „Alle zwei Monate lassen wir Brennholz anliefern, und wie man Feuer macht, haben auch die Großen schnell gelernt. Ohne Zentralheizung zu wohnen -das ist eigentlich eine ganz gute Lebenslehre.“ Stefan Paulitz, der verstorbene Ehemann, hatte sich kurz nach der Wende selbständig gemacht. „Damals war das noch recht einfach, da gab es großzügige Kredite, wir konnten die Raten auch planmäßig abbezahlen und dabei noch gut leben“, erzählt die junge Witwe. Ein großes Auto war bald erschwinglich, die beiden älteren Kinder erhielten Musikunterricht mit Einzelstunden, einmal im Jahr wurde eine große Urlaubsreise unternommen – ein ganzer Monat, nach Masuren oder an die Schwarzmeerküste. Ein „paar tausend Euro“ Schulden stehen heute noch zur Tilgung aus, demgegenüber steht eine angesparte Reserve in knapp anderthalbfacher Höhe. In vier Jahren, rechnet Frau Paulitz vor, ist alles abbezahlt. Sie hofft, daß der kleine Rest des Zurückgelegten bis dahin unangetastet bleiben kann. Eine Witwenrente erhält die Familienmutter nicht, auch keine Zahlungen aus einer Versicherung. „Es hört sich unglaublich an, aber gerade in den Wochen vor Stefans vollkommen unerwartetem Tod erschien ihm dieses Thema der finanziellen Absicherung akut. Verrückt, aber genau eine Woche vor seinem Todestag hatten wir einen Versicherungsvertreter eingeladen, der uns diese ganzen Unterlagen zur Risikolebensversicherung dagelassen hat.“ Als Frau Paulitz später die Sachen ihres Mannes ordnete, hatte sie die Vertragsblätter bereits teilweise ausgefüllt in einer Schublade gefunden. Daß Stefan Paulitz seine Familie ohne klassische Altersvorsorge hinterließ, habe „viel weniger bei mir, mehr im Verwandtschaftskreis, der insgesamt auch nicht eben wohlhabend ist“ eine regelrechte Panik ausgelöst: „Das Bild von mir und den Kindern ‚auf der Straße‘ habe ich in jenen Wochen wohl dutzendmal gemalt bekommen.“ Als erstes habe sie das Familienauto abgemeldet und verkauft – damit fiel der größte Posten der monatlichen Ausgaben weg. Sie und die beiden Schulkinder bezögen verbilligte Monatskarten und hätten sich bisher in ihrer Mobilität nie eingeschränkt gefühlt. „Das Nahverkehrsnetz in Dresden ist aber auch wirklich beispiellos“, gibt Jana Paulitz zu, „wenn jemand in meiner Situation auf dem platten Lande sitzt, ist ein Leben ohne Auto natürlich kaum denkbar.“ Durch die Arbeitsmarktreform steht Familie Paulitz 2005 finanziell nicht schlechter da als im Vorjahr: „Das ist klar, von den Einsparungen betroffen sind ja schließlich die Arbeitssuchenden.“ Sie sei nicht verlegen, ihre niedrigen Bezüge offenzulegen, sagt Frau Paulitz, die Scham gehe eher in eine andere Richtung: „Es ist ein ganz dummes Gefühl, jemandem auf der Tasche zu liegen, und sei es einer anonymen Größe wie dem Staat. Ich kann mich nur damit trösten, daß ein weitaus größerer Haufen an Steuergelder für Unsinnigeres verpulvert wird.“ Inklusive des Alleinerziehendenzuschlags und des maximalen Pauschalbeitrages für Kinder – „hätte ich fünf Kinder, bekämen wir keinen Cent mehr“ – erhält die Witwe etwa 570 Euro pro Monat, dazu kommen 353 Euro für Heizung und Unterkunft. „Rechne ich jetzt noch das Kindergeld dazu, sind das beinahe anderthalbtausend Euro.“ Weil Frau Paulitz bereits vor dem Tod ihres Mannes ein Haushaltsbuch führte, weiß sie, daß ihre monatlichen Ausgaben diese Summe nie übersteigen. Zu manchen Zeiten, etwa bei Schuljahresbeginn oder wenn ein unerwarteter Einzelposten zu Buche schlägt, wird es knapp – dafür bleiben in anderen Monaten zwei, drei Hunderter übrig. „Die besten Dinge im Leben kosten eben nichts“ „Was in der öffentlichen Diskussion untergeht“, gibt die Familienmutter zu bedenken, „ist der hohe Wert der Freizeit, die ich nach Belieben für mich und mit den Kindern gestalten kann.“ Für diese Stunden ist Frau Paulitz dankbar. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Kindern, legt großen Wert auf deren musische Bildung – „Instrumentalunterricht leisten wir uns immer noch, allerdings ohne Einzelstunden, und der Chor ist kostenlos“ -, frequentiert wöchentlich die Stadtbücherei und engagiert sich mit dem Nachwuchs in der katholischen Gemeinde. „Es mag banal klingen, aber die besten Dinge im Leben kosten eben nichts: Spaziergänge, Bastelstunden, der sonntägliche Gottesdienst – ach, langweilig wird uns nie!“ Und wie ist das mit den kleinen Luxuswünschen des Nachwuchses, mit etwaiger sozialer Ausgrenzung, weil die Kinder bei Moden nicht mithalten können? Man hört oft, wie zermürbend es für weniger wohlhabende Eltern sein könne, bei Bitten um Markenklamotten, Spielzeug, aufreizend verpackten Süßigkeiten an Supermarktkassen stets nur abschlägig zu urteilen. Jana Paulitz schüttelt lachend den Kopf. „Wissen Sie, entweder ist das ein Klischee, das unhinterfragt von jedem nachgeplappert wird, bis es dann zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung wird, oder meine Kinder sind wirklich ganz besonders. Das würde ich aber gar nicht behaupten! Ich kenne solche Probleme einfach nicht! Klar, die vielzitierte Kassengeschichte, also diese Art Drängelgitter mit den vielen Süßigkeiten, erlebt vielleicht jede Mutter einmal. Bei uns hat ein klares ‚Nein‘ immer ausgereicht.“ Jana Paulitz lächelt wie in Gedanken an vergangene Erlebnisse. Keinesfalls wird diese sanfte Frau je als Prototyp einer streng autoritären Mutter wahrgenommen werden. „Und was die Klamotten angeht – auch zu Lebzeiten meines Mannes sind wir nie auf die Idee gekommen, für die Kinder ’shoppen‘ zu gehen. Von der Säuglingsausstattung an haben wir alles immer gebraucht genommen, und dafür brauchten wir meist nicht einmal auf Kinderwarenflohmäkte zu gehen, die es ja wirklich überall zuhauf gibt. Diesen ‚ach-wie-süß-Impuls‘ mancher Mütter, die dann bei H&M einen ganzen Einkaufskorb von diesem bedrucktem Schnickschnack aus Fernost einpacken, den kenne ich einfach nicht. Wir waren immer dankbare Abnehmer von Sachen aus dem Freundes- und Verwandtenkreis oder der Nachbarschaft. Diese Sachen werden doch immer nur kurz getragen, und oft nur von einem Kind. Da ist auch nichts abgewetzt oder geflickt – nicht, daß das eine Schande wäre. Gerade jetzt im Herbst, da hab ich die Sommersachen von der Kleinen aussortiert, und da bin ich wirklich auf Kleidchen und Hemden gestoßen, ganz nette, neuwertige Dinger, die hatte Ronja nicht ein einziges Mal getragen, weil sie eben ihre sieben, acht Lieblingssachen hat.“ Dabei habe sie den „Markenwahn“ nie eigens zum Thema machen, keine Überzeugungsarbeit leisten müssen. „Zum einen haben wir seit Jahren keinen Fernseher“, versucht die Mutter eine Erklärung, „früher schon, aber nachdem wir Anfang der Neunziger uns ziemlich unbedacht eine Satellitenschüssel haben installieren lassen, ging uns recht schnell auf, welch ein Zeiträuber dieses Gerät ist – und beim ersten Defekt wurde es dann kurzerhand abgeschafft. Wir haben’s nie bereut.“ Manchmal guckten die Großen bei Freunden, „dagegen hab ich gar nichts, ich sehe das ja nicht ideologisch. Aber die Kinder haben noch nie darum gebeten, daß wir uns wieder einen anschaffen.“ Zum anderen, so erklärt Frau Paulitz die „Luxusresistenz“ ihrer Kinder, habe der elterliche Erziehungsansatz nie darauf abgezielt, die Kinder zu „stromlinienförmigen Mitgliedern der Gesellschaft“ zu machen, wie sie sagt, „sondern zu freien Menschen. Meiner Tochter sind Marken nachgerade peinlich: Als neulich ein Paket abgelegter Kleider von der Cousine ankam, hat Esther die Teile mit sichtbarem Label aussortiert: ‚Sowas trag ich nicht, da komme ich mir ja affig vor‘, hat sie gesagt.“ Aber allein die Schuhe, die gehen doch ins Geld: Halbschuhe, Winterstiefel, Sandalen, Gummistiefel, Turnschuhe, Hausschlappen, ein Paar zum Wechseln – und das alles mal drei, jährlich neu für die wachsenden Füße? „Ja, die Halb- und Winterschuhe, das ist schon immer ein ganz schöner Posten, gerade, wenn man Qualität will und keine Discounterware“, gibt Frau Paulitz zu. „Aber den Rest, ob Gummistiefel, warme Hüttenschuhe oder Turnschläppchen – die hole ich eigentlich immer für eine Minispende oder kostenlos bei ‚Kaleb‘, einer katholischen Lebenschutz- und Sozialeinrichtung. Und jetzt schauen Sie sich doch mal bitte meine eigene Schuhabteilung an.“ Frau Paulitz geht in den Flur mit den alten, breiten Dielenbrettern und öffnet eine Ikea-Schuhkommode: „Da – fünf , sechs Paar besitze ich selbst. Halten Sie das für ärmlich? Die Birkenstocksandalen werden alle zwei Jahre fällig, und hier, der Rest“, sie zeigt auf recht zeitlose Freizeitschuhe, elegante gefütterte Stiefeletten und modische Glattlederstiefel mit Absatz, „das ist alles aus den Neunzigern. Die hohen Stiefel hier, die trag ich so gern, die haben 1999 150 Mark gekostet. Als ich die vor kurzem ein zweites Mal zum Schuster brachte, um die Sohle richten zu lassen, hat der den Kopf geschüttelt und gemeint: Legen Sie doch zwanzig Euro drauf zu den Reparaturkosten, und Sie kriegen bei Deichmann ein neues Paar. Da sieht man eben deutlich, wie unsere Gesellschaft funktioniert!“ Ihre Schwester, erzählt Jana Paulitz, wohne in Thüringen auf dem Lande, in einem Ort mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit. „Was da geklagt wird! Zu Weihnachten waren wir dort, da war so eine unausgesprochene Meisterschaft in Adventsbeleuchtung ausgebrochen, das war kaum zu glauben, wie sich gerade die Bewohner der ärmsten Häuschen mit glühenden Nikoläusen und Glitzerkram übertroffen haben. Zuletzt waren wir zur Jahrtausendwende dort gewesen, und seither haben da drei Läden neu eröffnet: ein Studio für ‚Acrylnadelmodellage‘, ein Kosmetiksalon und ein Fitneßcenter. Ich möchte ja kein Klischee bedienen, aber da wurde mir klar, was diese Massen an Arbeitslosen mit ihrem Zuviel an Freizeit anfangen!“ Gäbe es also gar nichts, was sich die Familie bei eigenem Einkommen zusätzlich leisten würde – Zufriedenheit rundherum? „Aber sicher sind solche Wünsche offen!“ Die hübsche Frau lacht: „Zunächst käme eine richtig teure, neue, rückengerechte Matratze dran – für mich. Dann ein moderner Computer für uns alle – unser alter Rechner ist vorsintflutlich. Aber“, da ist sich Jana Paulitz sicher, „das wird schon. Manchmal muß man eben ein wenig Geduld haben mit seinen Bedürfnissen!“ Hinter dem Wohnhaus steht zwischen schmalen Blumenrabatten ein baufälliger Schuppen. Der soll im Frühjahr abgerissen werden – der Schwager als Eigentümer unterstützt dieses Vorhaben. „Dort möchte ich mir einen kleinen Acker urbar machen. Nicht, daß sich so ein bißchen Selbstversorgung den Sommer über wirklich bezahlt macht – aber frisches Gemüse und Kartoffeln aus dem eigenen Garten, das stelle ich mir schön vor. Die Großen haben schon auf Papierbögen detaillierte Bepflanzungsskizzen entworfen, mit viel Platz für Erdbeeren und Tomaten.“ Natürlich gebe es auch Momente, sagt Frau Paulitz, wo sie sich „den ganz großen Lottogewinn“ herbeisehne, etwa, wenn wie im vergangenen Herbst binnen eines Monats erst eine Dachrinne entzweigeht, dann im Flur ein Quadratmeter Putz einfach von der Wand fällt und schließlich noch die Waschmaschine ihren Geist aufgibt. „Um solche Sachen hat sich immer mein Mann gekümmert, oder man hat halt schnell einen Handwerker beauftragt. Da verflucht man schon mal die eigenen beiden linken Hände. Aber man wächst eben mit den Aufgaben.“ Und statt eines neuen Geräts gab es eben ein gebrauchtes für 150 Euro – „aber das läuft sparsam und tadellos“. Ihr zustehende Zuschüsse für derlei Gebrauchsgegenstände hat sie nie in Anspruch genommen: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, das ist doch kein schlechter Leitsatz“, findet die Mutter. Ganz frei von „diesem Versorgungsdenken“ sei sie aber auch nicht. Die ausgebildete Ernährungsberaterin erzählt, daß sie kürzlich eine fachfremde Beschäftigung – „so etwas wie Adressenschreiben“ – angeboten bekam, acht Stunden die Woche für einen geringen, der Aufgabe eben angemessenen Stundenlohn. Damit würde die kleine Tochter aber aus der niedrigen Betreuungskostenstufe im Kindergarten herausfallen. „Ich würde also fünfunddreißig Stunden monatlich arbeiten, hätte zwei freie Vormittage weniger und unterm Strich gerade dreißig Euro mehr. Das wäre mir dann doch zu blöd“, gesteht sie ein. Ein Vormittag ist bei Frau Paulitz für den Haushalt reserviert, an zwei weiteren Tagen besucht und versorgt sie eine gebrechliche Nachbarin – „eine 87jährige Greisin, deren drei Kinder alle im Westen sind, sie hat Pflegestufe II und vegetiert so ziemlich vor sich hin – das ist Armut!“ Montags und freitags geht sie einkaufen und ins Schwimmbad: „Sich eine Stunde lang im Wasser ausstrecken, sich verausgaben oder nur entspannen – ist das nicht Luxus?“ Gelegentlich hält Jana Paulitz Vorträge vor Krabbelgruppeneltern, Diabetikern oder Schulklassen, das wird frei honoriert, ist ein kleines willkommenes Zubrot und macht ihr Freude. „Wenn Ronja nächstes Jahr eingeschult wird, werde ich wohl auch wieder regulär arbeiten, halbtags nach Möglichkeit.“ „Wir sind sogar zweimal pro Jahr in den Urlaub gefahren“ Daß ein Alltag unter dem „Existenzminimum“ durchaus lebenswert zu gestalten ist, mag angehen, aber verlangt das nicht geradezu ein Übermaß an Selbstbeschränkung, die man heute eben nicht von jedermann verlangen kann? Frau Paulitz schüttelt den Kopf. „Nein, da muß ich doch hartnäckig widersprechen. Schauen Sie, wir hier schöpfen ja längst nicht alle Möglichkeiten aus, die uns der Sozialstaat bietet. Und dennoch ist es überhaupt nicht so, daß wir zum Monatsende aus Blumenkohlstrünken unser Mittagessen kochen – obwohl ich so einen Gedanken nicht mal abwegig und unzumutbar fände. Durch den Dresden-Paß, der Sozialhilfeempfängern und Beziehern niedrigster Einkommen zusteht, könnte ich beispielsweise die Kinder verbilligt am Schul- und Kitaessen teilnehmen lassen. Mach ich nicht, diese Mahlzeiten voller synthetischer Zusatzstoffe halte ich nicht für gut. Ich kaufe sogar manches im Bioladen ein, obwohl mich die hohen Preise dort grämen. Und stellen Sie sich vor, wir sind in den letzten Jahren sogar jeweils zweimal Wochen in Urlaub gefahren, nicht mit Hotel und Palmen zwar, und einmal hat auch die Caritas mitgeholfen – aber wer könnte da noch von Armut reden?“ Apropos Urlaub erzählt Frau Paulitz, daß die ältere Tochter im kommenden Sommer mit drei Freundinnen verreisen möchte: „Das eine Mädchen hatte so eine organisierte Malta-Reise aus einem Katalog für Jugendferien herausgesucht, über tausend Euro für zwei Wochen. Obwohl sich das alles ganz toll und aufregend las in der Beschreibung, hat sich meine Tochter aufgeregt und für eine Fahrt mit der Gemeinde oder einen selbstorganisierten Zelturlaub an der Ostsee plädiert. Nachdem die teuere Planung dann also an ihrem Veto gescheitert war, riefen mich die zwei mitbeteiligten Mütter an und sagten, sie seien mir sehr dankbar, daß dieser ‚wahnsinnige Druck‘ von ihnen genommen sei. Vielleicht ist es komisch, aber so einen Druck spüre ich nie.“ Zum Abschied gibt Frau Paulitz mit einem Augenzwinkern auf: „Schreiben Sie bloß nicht zu viel von Bescheidenheit und Selbstbeschränkung, schreiben sie, daß wir glücklich sind – denn das ist die Wahrheit!“

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