Joachim Kuhs

 

Als der Westen auf den Osten stolz war

In Berlin brennt die Luft.“ So die Überschrift über einem idea-Artikel vor 15 Jahren. Sie illustriert, daß Berlin in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober den wohl größten Freudentaumel in seiner über 750jährigen Geschichte erlebte, wurde doch der Tag der Wiedervereinigung – das Ende eines 40 Jahre währenden Eisernen Vorhangs mitten durch Deutschland – gefeiert. Ist das wirklich erst 15 Jahre her? möchte man fragen angesichts von viel Jammern über Arbeitslosigkeit und dem Wiedererstarken der PDS, die sich bewußt als Fortsetzung der Partei versteht, die die zweite Diktatur im 20. Jahrhundert in Deutschland zu verantworten hatte: der SED. Ohne Christen keine deutsche Einheit Wer vor nur 20 Jahren prophezeit hätte, Deutschland werde im Jahr 2005 so wiedervereinigt sein, daß man die Vereinigung schon fast vergessen habe, wäre im Westen für verrückt erklärt und im Osten verhaftet worden. Daß es zur Einheit kam, hat viel zu tun mit Christen und Kirchen im geteilten Deutschland. Nach dem Krieg und besonders nach dem Mauerbau 1961 gab es keine Institution, die so verbunden blieb wie die Kirchen. Jede Landeskirche, viele Kirchenkreise und Gemeinden hatten eine Partnerkirche bzw. -gemeinde in der DDR. Seit 1950 flossen zwei Milliarden D-Mark aus der EKD in die acht Landeskirchen der DDR. Die Standhaftigkeit vieler Christen in der DDR machte wiederum Christen im Westen Mut, in einer freien Gesellschaft wirkungsvoll ein Zeuge Christi zu sein. Es ist nicht übertrieben, festzustellen, daß die deutsche Einheit ohne die von den Kirchen im großen Stil aufrechterhaltene Gemeinschaft so nicht möglich gewesen wäre. Auch die friedliche Revolution in der DDR ging wesentlich von Christen aus. Von den Hunderttausenden, die im Angesicht von massenhaft Polizei und Stasi mit Kerzen in der Hand gegen die kommunistische Diktatur demonstrierten, waren Zehntausende zuvor in Friedensandachten in die Kirchen gekommen. Deutschland-West war stolz auf die Bürger in Deutschland-Ost. Doch trotz dieser überaus positiven Rolle der Kirchen für die Einheit gab es damals nur wenige Kirchenleiter, die sich für die Wiedervereinigung aussprachen. Seit 1945 ist das Verhältnis zur Nation gebrochen Der Grund: das seit 1945 gebrochene Verhältnis der Kirche zur Nation. Waren evangelische Kirchen bis 1945 oft extrem patriotisch und betonten das Nationale übermäßig, so war nach 1945 alles, was mit Heimat, Vaterland, Nation zu tun hatte, geradezu tabu. Sogar vom deutschen Volk wurde nur noch im Sinne einer Schuldgemeinschaft im Blick auf das Dritte Reich gesprochen, ansonsten redete man von Gesellschaft. Seit ihrer Gründung 1970 hat die Evangelische Nachrichtenagentur idea in vielen Interviews in Ost und West so gut wie allen Bischöfen die Frage gestellt, ob sie eine Wiedervereinigung für erstrebenswert hielten. Sie wirkte auf viele so provozierend, als ob man wissen wollte: „Haben Sie einmal Ehebruch begangen?“ Nur ein einziger westlicher Bischof in den siebziger und achtziger Jahren hielt die Wiedervereinigung für durchaus realistisch: der württembergische Landesbischof Hans von Keler. 1988 äußerte er gegenüber idea: „In der Geschichte hat es oft plötzliche Wendepunkte gegeben, die bisher ungeahnte Möglichkeiten boten. Warum sollte Gorbatschow nicht noch in diesem Jahrhundert die deutsche Karte spielen? Die Frage ist, ob wir in Deutschland – West wie Ost – überhaupt darauf vorbereitet sind. Mindestens einige sollten dafür stellvertretend ‚vordenken‘.“ Fast alle anderen hielten sie nicht nur für unmöglich, sondern warnten geradezu davor, die Einheit zum Thema zu machen. Als in idea Anfang Oktober 1989 ein Artikel erschien unter der Überschrift „Wiedervereinigung – was sonst?“, wurde der Autor von seiner Kirche – einer westdeutschen! – zu disziplinieren versucht. Der damalige Ratsvorsitzende der EKD warnte idea noch vier Tage vor dem Fall der Mauer am 9. November 1989 mit scharfen Worten, endlich damit aufzuhören, eine mögliche Wiedervereinigung anzusprechen. Offensichtlich kennten idea-Redakteure die Verhältnisse in der DDR nicht, eine Wiedervereinigung jedenfalls komme nicht. Doch der Mauerfall kam – genau während der damaligen EKD-Synode im badischen Bad Krozingen. Im Rechenschaftsbericht des Rates, der Leitung der EKD, auf dieser Synode gab es 156 Zeilen über Südafrika und 26 über die deutsch-deutsche Situation. Das zeigte, wo kirchlich die Prioritäten im Westen lagen. Evangelische Kirchenleiter wollten die DDR „bewahren“ Mehr als zwei Wochen nach dem sensationellen, weltweit aufsehenerregenden Fall der Mauer, als bereits ständig über die Frage der Vereinigung diskutiert wurde, unterschrieben führende mitteldeutsche Kirchenleiter wie der Berliner Generalsuperintendent Günter Krusche und der Magdeburger Bischof Christoph Demke zusammen mit SED-Leuten einen „Aufruf zur Bewahrung der Eigenständigkeit der DDR“ – also gegen die Wiedervereinigung. Im Westen wandte sich der Präses der zweitgrößten Landeskirche, der rheinischen, Peter Beier, gegen eine „wohlfeile Sozialismus-Schelte“ und sprach von einem „unaufgebbaren Humanum“ des Sozialismus. 1990 – also vor 15 Jahren -, als alle Institutionen und Organisationen dabei waren, sich zu vereinigen, war es schließlich nur die evangelische Kirche noch nicht. Kurz vor dem 3. Oktober – also der staatlichen Vereinigung – hieß es sogar, man wolle sich kirchlich möglicherweise erst 1993 zusammenschließen. Dann kam – jetzt genau vor 15 Jahren – der sogenannte Glockenstreit. Am 20. September 1990 hieß es in idea unter der Überschrift „Du sollst dich nicht freuen!“: „Kurz vor der lange erhofften Vereinigung der beiden deutschen Staaten durchzieht ein überaus peinlicher Streit die deutsche Christenheit. Er trennt viele katholische und evangelische Gemeinden, hat das Verhältnis zwischen evangelischen Kirchen und dem Staat belastet und zum Kopfschütteln in Presse wie weiten Teilen der Bevölkerung geführt. Und so begann alles: In der Freude über die nun endlich bevorstehende Vereinigung der deutschen Staaten und damit auch der Christen nach 40 Jahren harter Trennung hatte der Architekt des Vereinigungsvertrages, Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, vorgeschlagen, am 3. Oktober als ‚Tag der Freude‘ Gottesdienste zu veranstalten und die Glocken läuten zu lassen. Man könnte diesen Vorschlag als Laieninitiative begrüßen, zumal merkwürdigerweise in den Kirchen noch niemand auf die Idee gekommen war, Gottesdienste anzuregen. Doch die Leitung des Evangelischen Kirchenbundes in der DDR erklärte öffentlich, bislang sei es nicht üblich gewesen, ‚daß Bundesminister anordnen, wann Gottesdienste zu halten sind‘. Damit drehte die ‚Kirche des Wortes‘ die Worte des Ministers um. Aus einem Vorschlag wurde eine Anordnung. Geradezu brüsk wies man die gutgemeinte Idee eines Politikers zurück, so als hätte der Minister den Kirchen Unsittliches vorgeschlagen. Kohl: „An Dämlichkeit nicht zu überbieten“ Bundeskanzler Helmut Kohl wurde daraufhin von Bild mit den Worten zitiert: ‚Die Argumente gegen das geplante Glockenläuten sind an Dämlichkeit, Torheit und Hinterfotzigkeit nicht zu überbieten‘ … Doch in einer erneuten Erklärung verteidigte die EKD ihre inzwischen getroffene Entscheidung, nicht zur Stunde der deutschen Vereinigung die Glocken läuten zu lassen. Es sei eine, wie es heißt, ‚gute, bewährte Ordnung unserer Kirche, daß die Glocken zum Gottesdienst, zur Andacht, zum Gebet rufen. Dabei soll es auch bleiben.‘ Die Argumentation hat den Fehler, daß sie so nicht stimmt. Aus einem der zahlreichen kritischen Pressekommentare dazu die Stimme der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: ‚Die EKD hat erklärt, Glocken riefen nur zum Gottesdienst und zur Andacht. Wirklich? Man muß nur auf die Straße gehen und die Ohren aufmachen: Die Glocken verkünden auch volle, halbe, Viertelstunden. Sie haben vor dem Sturm gewarnt und vor dem Feind. Genau an der Grenzlinie ist das in vielen Kirchen traditionelle Silvesterläuten angesiedelt, das nicht zum Gottesdienst lädt.‘ Aber nicht nur das. Die Kirchen riefen 1985 zum Gedenkläuten an den 40. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima am 6. August auf. Im Ruhrgebiet wurde in den letzten Jahren bei Zechenstillegungen ebenso wie bei Friedensaktionen 1983 geläutet. Bei alledem wurde nie von einer Kirchenleitung vom Mißbrauch des Glockenläutens gesprochen. Die katholische Kirche erklärte – klüger als die Protestanten -, jede Diözese könne selbst entscheiden, ob es ein Sonderläuten der Glocken – entweder um Mitternacht zum Beginn der deutschen Einheit oder im Laufe des 3. Oktober – geben soll. Die positive Ausnahme: Thüringischer Bischof Leich Nur eine Landeskirche – die thüringische – empfahl zu läuten. Ihr Bischof, Werner Leich: ‚Das Ende der Nachkriegszeit und der Teilung unseres Vaterlandes sind nicht weniger wichtig als das sonst übliche Silvesterläuten.‘ An der Basis versteht die Zurückhaltung der evangelischen Seite kaum jemand: 90 Prozent der DDR-Bürger und 87 Prozent aller Westdeutschen wollen, daß die Kirchenglocken zur Vereinigung läuten … Die Spitze des Eisberges der Entfremdung von Kirche und Volk macht die Besetzung des zentralen ökumenischen Gottesdienstes am 3. Oktober in der Ost-Berliner Marienkirche deutlich. Predigen werden der höchste Repräsentant des deutschen Katholizismus, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann (Mainz), und der stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Kirchenbundes in der DDR, der sächsische Bischof Johannes Hempel (Dresden). Wo aber ist der Vorsitzende des Kirchenbundes, der Magdeburger Bischof Demke? Zu Gesprächen mit der russisch-orthodoxen Kirche im Kloster Sagorsk. Auch Bischof Lehmann hätte wichtige Termine wahrzunehmen. Er nimmt sich frei. Bischof Demke nicht. Entzieht sich der Volkskirchenleiter seinem Volk?“ So idea vor rund 15 Jahren. In der idea-Ausgabe eine Woche später hieß es dann über den 3. Oktober: „Der Nationalfeiertag begann mit einem zentralen Gottesdienst in der mit 1.500 Menschen überfüllten Marienkirche mitten in Berlin. Merkwürdig berührte im Vergleich zu den Ansprachen der Politiker, daß im Gottesdienst die vergangenen 40 Jahre Sozialismus nur gestreift wurden. Man sprach viel über die gegenwärtigen Probleme, aber der Urheber der Nöte, das SED-Regime, wurde nur am Rande erwähnt. Kann man so leicht über die Vergangenheit hinweggehen? Das Wort des Ost-Berliner Bischofs Gottfried Forck im Blick auf die DDR-‚Kirche im Sozialismus‘: ‚Wir haben uns geirrt‘, ist bisher eine Einzelstimme.“ Neun Monate nach der staatlichen Einheit kam dann schließlich doch noch die kirchliche: Am 27. Juni 1991 trat die Vereinigung von 16 westlichen und acht östlichen evangelischen Landeskirchen in Kraft. Es war eine schwere Geburt. Dafür ist heute in den Kirchen weniger von Ost und West die Rede als in der Politik. Und das ist doch was! Helmut Matthies ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“. Der Text ist zuerst erschienen in der Zeitschrift „idea Spektrum“. Wiedervereinigung: Neun Monate nach der staatlichen kam die kirchliche Einigung – eine schwere Geburt Stichwort: Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR Die acht auf dem Gebiet der DDR bestehenden evangelischen Landeskirchen (Anhalt, Berlin-Brandenburg, Görlitz, Mecklenburg, Greifswald, Kirchenprovinz Sachsen, Sachsen und Thüringen) mußten sich auf Druck des SED-Regimes von der EKD trennen. Sie gründeten 1969 den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (Bund). Erster Vorsitzender wurde der Berlin-brandenburgische Bischof Albrecht Schönherr. 1971 formulierte die Bundessynode die Losung: „Wir wollen Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern Kirche im Sozialismus sein.“ Diese Losung galt bis zum Ende der DDR.

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