„Doris Neujahr darf nicht sterben“

Es wimmelt bei uns von Preisen, speziell von Literatur- und Publizistikpreisen, und wenn Sie sich die Preisträger anschauen, so müssen Sie sich, oft, ja meistens, allermeistens, sehr wundern. "Für so etwas Langweiliges, Unkritisches und Ungekonntes kriegt man also Geld", wundert man sich. Je höher die Preissumme, um so mehr Verwunderung. (…)

Noch verhält es sich allerdings so: Man lobt und verleiht Preise nur, um die Gesinnung des Preisträgers auszuzeichnen. Es kommt überhaupt nicht mehr darauf an, wie einer etwas macht, nur noch darauf, was er macht. Und dieses "Was" ist vorher genau definiert. Es muß vor allem "links" sein. Es muß dem linken Establishment schmeicheln. Wer einen der vielen kurrenten Journalisten- oder Publizistenpreise kriegen will, muß – egal, wie – die üblichen linken Sachen ablassen, je lauter, desto besser. Heutige Preise korrumpieren also – die Moral und die Seele im Ganzen. Sie prämieren die angepaßten Schreihälse. (…)

Nun, zumindest bisher war das so. Wie gesagt, vielleicht ändert sich was. Der Gerhard-Löwenthal-Preis jedenfalls wie auch sein erster Träger, Thorsten Hinz, stehen für Änderung. (…)

Daß der Mann nicht in die Reihe der üblichen Schreihälse gehört – darüber braucht kein Wort verloren zu werden. Er ist, im Gegensatz zu den Schreihälsen, wirklich kritisch. Er ist weder regierungsfromm noch zeitgeistfromm, und das heißt ja heutzutage: Er läßt sich nicht kaufen, auch durch noch so schöne Summen nicht. Was das bedeutet, sollte man sich ruhig einmal klarmachen. Da ist ein junger Herr aus Mecklenburg-Vorpommern, in der Vorwendezeit Germanistikstudent und Doktorand in Leipzig und Greifswald, der während der Wende unverhofft in das Gewühl, auch publizistische Gewühl, der deutschen Wiedervereinigung gestürzt wird. Er ist gebildet und kann ausgezeichnet schreiben, wie die leitenden Redakteure in den großen Zeitungen sofort merken. Ihm stehen, wie man so schön sagt, sämtliche Türen offen.

Aber schnell merkt er, daß er, um bei den großen, herrschenden Medien seine Sachen unterbringen zu können, sich anpassen muß, gewisse Sprachregelungen akzeptieren muß, gewisse Tabus einhalten muß. Es ist fast so schlimm wie (an einigen Plätzen sogar noch schlimmer als) in der DDR. Geistige Unterwerfung wird gefordert, das berüchtigte "Sacrificium intellectus". Hinz ist also an einer wichtigen existentiellen Entscheidungsschwelle, wie einst Herakles am Scheidewege: Hier schneller Ruhm und leichtes Geld – aber Unterwerfung, gegen das schreiben, was man selbst für richtig und wichtig hält: der bequeme, aber unstolze Weg. Da mühevolle Zeilenschinderei in organisatorisch kleinen Verhältnissen, dazu ausgesetzte, ja, gefährdete Existenz, Totgeschwiegenwerden, Anpöbeleien, vielleicht Schlimmeres – der unbequeme, aber stolze Weg. Und Hinz wählt ohne Wenn und Aber den unbequemen, den stolzen Weg. (…)

Erstens ist es die Schnelligkeit, mit der Hinz gelernt hat, sich bei den augenblicklich herrschenden Gewalten unbeliebt zu machen, ihr Treiben zu durchschauen und dessen verhängnisvolle Folgen abzuschätzen. Hinz ist ein richtiger aufglühender Stern am Himmel der konservativ-kritischen Publizistik, ein Newcomer, eine positive Sensation, über die man sich freut und die man beinahe spontan auch ehren will.

Zweitens wäre zu nennen die wahrhaft herausragende Luzidität und Konturengenauigkeit, mit denen Hinz die ins Visier gefaßten Tatbestände zu beschreiben und einzuschätzen versteht. Er redet nie um die Sachen herum, auch nicht ansatzweise, indem er etwa persönliche Marotten in seine Rede einfließen läßt. Das heißt: Hinz ist ohne jede Autoren-Eitelkeit, was ihn in der Publizistik, auch in der sogenannten "rechten" Publizistik, tatsächlich zu einem Unikum macht. Sich von Autoren-Eitelkeit freizuhalten. meine Damen und Herren, dazu gehört fast übermenschliche Selbstdisziplin.

Und drittens – nur scheinbar zu dem eben Gesagten im Widerspruch stehend: Drittens ist es sein ganz spezifischer stilistischer Charme, der ihm in kürzester Zeit so viel Aufmerksamkeit und so viele begeisterte Leser eingebracht hat. Der Hinz’sche Charme: Das ist eine wirklich seltene Verknüpfung von kühler Zustandsbeschreibung mit sanftem Sarkasmus und, ja, dann doch auch momentan aufloderndem Zorn über die Jämmerlichkeit der Zustände, ein Zorn, der fast rührend wirkt und machmal sogar ein bißchen drollig und letztlich ungemein für sich einnimmt. (…)

Bei ihm ist das "Wie" genauso wichtig wie das "Was", mindestens. Das ist, wenn Sie wollen, das Feuilletonistische an ihm, das auch noch im härtesten politischen Tageskampf, wo es scheinbar nur noch um den Austausch von Phrasen geht, zur Geltung kommt. Man kann eine Sache mit vollster Härte und trotzdem schön benennen – das ist das publizistische Credo von Hinz. Man braucht nie Schaum vorm Maul, auch wenn man gräßlichste Dinge zur Sprache bringt. Man darf, ja muß gegebenenfalls zornig sein, muß aber stets Herr seines Zorns bleiben, darf auch im größten Zorn nie die Notwendigkeit der guten, ungewöhnlichen, erlesenen Formulierung außer acht lassen. (…)

Seine Porträts sind, darf man ohne weiteres sagen, gnadenlos, wie von Rembrandt oder Bacon gemalt, lassen keine Falte aus, setzen den Mann oder die Frau in eine Beleuchtung, die gleichsam noch hinter sie reicht und dort, in dieser Hinterwelt, unerwartete, nur allzu gern verheimlichte Temperamente und Absichten zutage fördert. Aber die Porträts sind auch gnädig, lassen die Porträtierten nämlich voll in der Gnade hochempfindlicher, gewissermaßen mit der Radiernadel operierender Sprache erscheinen. Das jeweilige Opfer kann, bei aller Betroffenheit, irgendwie zufrieden sein, daß es so klar und so wahr abgebildet worden ist.

Und ein weiteres Genre ist zu nennen, in dem sich die Hinz’sche Schreibe, jene aparte Mischung aus Mut und Charme, glorios bewährt: ich meine die sogenannte "Diskussion" über die sogenannte deutsche "Erinnerungskultur". Dieses Genre – Sie alle wissen es, meine Damen und Herren – ist an sich eher ein Un-Genre, das gute Publizisten gern aussparen, um nicht in den Verdacht ödester Soldschreiberei und erbärmlichen Gutmenschentums zu geraten. (…)

Thorsten Hinz zeigt Wirkung, nicht an sich selbst – nun, vielleicht doch auch irgendwo an sich selbst -, nein, er, sein Schreiben, zeigt Wirkung beim Publikum. Viele Leser empfinden bei der Lektüre fast so etwas wie Befreiung. Wie schön, sagen sie sich – und sagen es anderen -, daß das einmal so klar und so eindringlich gesagt wird. (…)

Der Publizist Thorsten Hinz hat es in kürzester Zeit dahin gebracht, daß man bei gewissen Themen regelrecht auf seine Intervention wartet, und zwar faktisch in allen Lagern. "Das wäre doch etwas für Doris Neujahr", heißt es allerorten: "Warum hat Doris Neujahr noch nichts dazu geschrieben?" "Doris Neujahr" ist also der nom de plume, der nom de guerre, unter dem die meisten Beiträge von Hinz zur Erinnerungskultur erschienen sind.

Dieses Pseudonym ist jetzt also, mit dieser Preisverleihung, gelüftet, was beinahe ein bißchen schade ist, denn publizistische Kampfnamen gewinnen im Laufe der Zeit, speziell bei guten Autoren, eine Art von Eigenleben, der Autor kann mit ihnen auf höchstem Niveau spielen, was dem Stil und den verhandelten Sachen in der Regel zugute kommt, ihnen zusätzliche Dimensionen und Valeurs verleiht. Berühmtestes Beispiel: Der tragische Philosoph Sören Kierkegaard, der wahrhaft meisterlich mit seinen vielen Pseudonymen zu spielen pflegte und damit glorios in die Literatur- und Philosophiegeschichte eingegangen ist.

Auch Thorsten Hinz hat mit Doris Neujahr auf hohem Niveau gespielt, und man möchte ihm beinahe raten, dem Beispiel Kierkegaards zu folgen, der, auch nachdem seine Pseudonyme enthüllt waren, sie weiterhin benutzte, um dies und das für seine Leser besser verdeutlichen zu können. Auch Doris Neujahr, lieber Thorsten Hinz, verdient eigentlich nicht zu sterben.

Aber ob nun Doris Neujahr oder Thorsten Hinz selbst (oder welche Namen auch immer, die noch unenthüllt diesen und jenen wichtigen Titel schmücken mögen): Wir brauchen diese Publizisten, brauchen sie heute mehr als je zuvor. Denn es sind nicht nur Meister der Sprache, die man schon deshalb gerne liest, und es sind auch nicht nur mutige Persönlichkeiten, die sogenannte unbequeme Themen ungeniert aufgreifen oder an nur allzu bequemen Themen unbequeme Aspekte kenntlich machen. (…)

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