Corona-Politik der Bundesregierung wird unbeliebter
Corona-Politik der Bundesregierung wird unbeliebter Foto: picture alliance / Daniel Kubirski | Daniel Kubirski

Öffnungsdebatte
 

Zufriedenheit mit Corona-Politik sinkt deutlich

BERLIN. Die Skepsis der Deutschen mit der Corona-Politik der Bundesregierung hat deutlich zugenommen. Lag der Zustimmungswert im vergangenen Sommer bei 77 Prozent, sind aktuell 54 Prozent der Wahlberechtigten mit den Corona-Maßnahmen zufrieden oder sehr zufrieden, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Policy Matters im Auftrag der Zeit.

Am schlechtesten schnitt demnach das Bildungsministerium ab, mit dessen Arbeit 65 Prozent weniger zufrieden oder unzufrieden sind. Eine Mehrzahl der Befragten (53 Prozent) bewertet auch die Leistung des Wirtschaftsministeriums als unzureichend. Ein Großteil der Deutschen erwartet der Erhebung zufolge außerdem, daß die Pandemie noch länger das Leben bestimmen wird. Lediglich 25 Prozent glauben an ihre Überwindung bis Ende des Jahres.

Fast drei Viertel der Befragten (74 Prozent) gaben an, sich auf jeden Fall oder wahrscheinlich impfen zu lassen. Mit 68 Prozent lehnen mehr als zwei Drittel Privilegien für Geimpfte ab. Die Mehrzahl der Deutschen ist der Umfrage nach mit ihrer finanziellen Lage zufrieden. 30 Prozent gaben an, sie machten sich große oder sehr große Sorgen darüber.

Debatte über Öffnungspläne

Unterdessen diskutieren führende Politiker rund eine Woche vor dem nächsten Bund-Länder-Gipfel verstärkt über Öffnungspläne. FDP-Chef Christian Lindner forderte ein Ende der deutschlandweiten, harten Corona-Einschränkungen. „Der flächendeckende Lockdown muß enden. Er ist ein zu scharfer Eingriff in die Grundrechte“, schrieb Lindner in einem Gastbeitrag für die Bild-Zeitung. Je mehr Tests, Impfungen und regionale Unterschiede es gebe, desto weniger aussagekräftig sei der Sieben-Tage-Inzidenzwert von 35 oder 50.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte in einer Videosendung der Zeitung, er rechne nicht mit schnellen Lockerungen für Urlaubsreisen. „Zum Urlaub möchte ich noch keine Versprechen abgeben, aber im Laufe des Jahres geht das bestimmt.“ So weit gehen wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wolle er aber nicht. Dieser hatte vor kurzem betont, es werde in diesem Jahr „auf keinen Fall“ Osterurlaub geben.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) forderte hingegen mehr Öffnungsperspektiven. „16 Länder erwarten, daß wir eine Öffnungsstrategie vorlegen, daß eine Perspektive erkennbar ist: wo wird es hingehen“, sagte Laschet laut der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag in Düsseldorf. Es brauche eine Debatte, wie es mit dem Einzelhandel und der Kulturbranche weitergehe.

Virologe Streek kritisiert Bundesregierung

Zuvor hatte sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine vorsichtige Strategie beim Zurückfahren der Einschränkungen ausgesprochen. Öffnungsschritte müßten mit vermehrten Tests einhergehen. Sie könne aber verstehen, daß die Sehnsucht der Bürger nach einer Öffnungsstrategie groß sei. Lockerungen kann es laut ihr nur in Stufen geben. Das betreffe die persönlichen Kontakte, zum zweiten die Schulen und Berufsschulen sowie als drittes Sportgruppen, Restaurants und Kultur. Ziel sei es, Pakete zu schnüren. Regierungssprecher Steffen Seibert rudert im Laufe des Dienstags aber wieder zurück. „Die gute Entwicklung, die uns über längere Zeit täglich sinkende Infektionszahlen beschert hat, ist im Moment vorbei. Die Zahlen steigen wieder.“ Er mahnte deshalb zu Geduld. Bereits durch die teilweise Öffnungen der Schulen in den meisten Bundesländern an diesem Montag gebe es „ein erhebliches Mehr an Kontakten und damit auch an Übertragungsrisiken“.

Der Virologe Hendrik Streek kritisierte indes erneut die Bundesregierung. „Das Problem, das ich im Augenblick in vielen Bereichen sehe: Wir leben nur im Jetzt, anstatt unsere Zukunft zu planen. Das ist gefährlich”, sagte der Bonner Forscher Focus Online. Wichtiger wäre jetzt, über den Herbst nachzudenken. „Die Beratungsgremien der Regierung sollten jetzt schon Langzeitstrategien entwickeln, anstatt sich von Lockdown zu Lockdown zu hangeln.” (ls)

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