Superwahljahr
Die Szenekneipe „Meuterei“ in Berlin Foto: picture alliance / Jörg Carstensen / dpa

„Meute bleibt“
 

„Laßt eurer Wut und Trauer freien Lauf“

Ein Böller platzt, aus Lautsprechern schallt Punkmusik. Stoisch ertragen Polizeibeamte in schwarzer Vollmontur diesen Krach. Sie sperren seit den frühen Morgenstunden die Reichenberger Straße in Berlin Kreuzberg ab. Um 8 Uhr morgens soll die Räumung der linksradikalen Kneipe „Meuterei“ beginnen. Nach zwölf Jahren Anarchie soll Ordnung in die Straße einziehen.

„Ein Baum, ein Strick, ein Bullengenick“, ist eine männliche Stimme lauthals zu hören. Irgendwo an der Reichenberger Straße Ecke Lausitzer Straße muß der Schreihals stehen. Sehen kann man ihn nicht. An die 450 Schwarzvermummte sammeln sich dort, um gegen die Räumung eines ihrer letzten besetzten, rechtsfreien Treffs zu demonstrieren.

„Scheiß Räumung“ steht in der Kneipe
„Scheiß Räumung“ steht auf einer Wand in der Kneipe Foto: JF

Rückblick: 2009 mietete ein sogenanntes Kollektiv die Räume im Erdgeschoß des Gründerzeithauses in der Reichenberger Straße 58 an. Schnell wird daraus ein Treffpunkt der Linksradikalen und Linksextremen. Hier wird nicht nur Bier getrunken und diskutiert, hier werden politische Aktionen geplant. Doch auch dieses Haus wird von einem Immobilieninvestor gekauft, saniert und die Wohnungen wiederum verkauft. 2020 ist Ende Gelände für die Meuterei. Der Mietvertrag ist ausgelaufen, ein Räumungstitel ergeht durch Gerichtsentscheid, doch die Betreiber der Gaststätte geben den Schlüssel nicht ab.

Polizei nimmt 36 Demonstranten fest

Die Folge: Damit der Gerichtsvollzieherin überhaupt die Möglichkeit gegeben werden kann in das Gebäude unbeschadet zu gelangen, ist ein riesiges Polizeiaufgebot nötig. 1.100 Beamte sind in ganz Berlin verteilt, um einzugreifen. Denn die Linksextremen sind bereit, ihr Symbol, die Kneipe, zu verteidigen – in der ganzen Stadt. Informationen über Treffpunkte und Uhrzeiten verbreiten sie dafür auf Twitter unter den Hashtags #meutelebt oder #meutebleibt.

450 Linksradikale stehen jetzt am rotweiß-lackierten Hamburger Gitter. Einer der Linksradikalen fordert per Lautsprecher, „die Räumung zum Desaster“ zu machen. Doch nur vereinzelt, hallt es wider: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Meute klaut.“ Oder das übliche: „Ganz Berlin haßt die Polizei.“ Der Stimmungsmacher erregt sich erneut und verleiht seinem Frust gegenüber dem rot-rot-grünen Senat Ausdruck: „Die scheiß Regierung, die irgendwas von Solidarität labert.“ Mitten im Satz bricht er ab. In erhöhter Tonlage und mit gebrochener Stimme faßt er zusammen: „Fickt euch!“

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In der Zwischenzeit führt die Polizei zwei Frauen aus der Kneipe. „Wir haben sie nicht festgenommen, nur ihre Personalien festgestellt“, sagt Polizeisprecherin Anja Dierschke. Insgesamt werden an diesem Vormittag 36 Demonstranten vorläufig festgenommen. Gegen sie ermittelt die Polizei wegen Beleidigung, Sachbeschädigung, versuchte schwere Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, vier Mal wegen eines Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und einmal wegen eines Drohneneinsatzes.

Plötzlich zischt ein Bengalo in den Himmel, blauer Rauch macht sich in der Häuserschlucht breit. Schwefelgeruch weht über die Straße, ein Polizeihund bellt durch seinen Maulkorb. An einem Fenster pustet ein Mädchen in eine Tröte, von einem Balkon schlägt ein Junge mit einem Kochlöffel auf das Geländer zum Takt der Sprechchöre. Die Löffelkelle bricht ab und fliegt senkrecht zu Boden.

„Keinen Frieden mit diesem Staat“

Meuterei
Polizist in der geräumten „Meuterei“ Foto: JF

„Was soll dieser Scheiß“, fragt ein Mann mit Kurzhaarschnitt, während er aufgebracht an seiner Zigarette zieht. „Ich muß hier meinen Patienten abholen.“ Dann macht er sich Gedanken über die Kosten des Polizeieinsatzes: „Dafür müssen wir, wir Steuerzahler, aufkommen. Soll die Polizei die doch da drin trinken lassen.“

Der Hauseigentümer sieht das natürlich anders. Kurz nach acht betritt die Gerichtsvollzieherin die Räumlichkeiten. Nach dem Syndikat und dem besetzten Haus in der Liebigstraße 34 ist es das dritte Szeneobjekt innerhalb eines Jahres, das die Linken aufgeben müssen. Doch im Gegensatz zu den vorigen Demonstrationen läuft der Protest geradezu geordnet ab. Allerdings brannten in der Nacht zu Donnerstag an verschiedenen Orten in der Hauptstadt 15 Fahrzeuge. Ein Zusammenhang zu den linksextremen Protesten wird derzeit untersucht.

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Unter den Linksradikalen hat sich die links-grüne Regierung in Berlin wohl keine Freunde gemacht. „Auf R2G ist Verlaß“, steht ironisch auf einem Plakat. Ein Antifa-Account verkündet auf Twitter: „Keinen Frieden mit diesem Staat, diesem Senat und seinen Schergen.“ Die Musikboxen spielen den Kneipensoundtrack „Halt die Fresse, ich will saufen“, doch die „Meute“ wirkt eher ernüchtert. Um zwölf Uhr ist die Luft raus. Der Twitter-Account „Leute für die Meute“ schreibt: „Wir verabschieden uns. Laßt eurer Wut und Trauer freien Lauf.“ Am Abend soll es weitergehen.

Die Szenekneipe „Meuterei“ in Berlin Foto: picture alliance / Jörg Carstensen / dpa
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