Psychotherapie: AfD-Wähler fühlt sich eingeschüchtert
Psychotherapie: AfD-Wähler fühlt sich eingeschüchtert Foto: picture alliance / dpa Themendienst | Christin Klose / JF-Montage

Diskriminierung
 

Therapie abgebrochen: „Ich wurde eingeschüchtert, weil ich AfD wähle“

Anton Jörgesch (Name von der Redaktion geändert) hat ein Familienproblem. Na und? Haben viele. Jörgesch treibt aber ein Konflikt in die Verzweiflung, der sich in erster Linie aus unterschiedlichen Ansichten in der Parteipolitik nährt: Seine Mutter ist Grünen-Wählerin, er stimmt für die AfD. Mehrere Jahre habe er es vermieden, mit seiner Mutter über bestimmte politische Themen wie Migration oder innere Sicherheit zu sprechen, erzählt der 26jährige im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT.

Doch vor etwa einem Jahre sei das nicht mehr möglich gewesen. Sie habe ihn zur Rede gestellt, er solle doch mal endlich sagen, wie er zu diesen Themen stehe. Als der Kölner sich schließlich als AfD-Wähler outete, begann der große Knirsch. Das ging so weit, daß er sich professionelle Hilfe suchen mußte. Also meldete er sich bei einer Psychotherapeutin, die unter anderem über eine Ausbildung in „Systemischer Familientherapie“ verfügt.

„45 Minuten haben wir nur über Politik geredet“

„Ich war in der Sprechstunde bei ihr. Es lief soweit auch alles normal ab. So auch während der zweiten Sitzung – bis ich eben auf die Politik zu sprechen kam, um die es ja auch in dem Konflikt mit meiner Mutter geht.“ Die Therapeutin habe schließlich gesagt, sie komme damit – daß er AfD wähle – auch nicht klar. „Die Stunde war dann zu Ende, ich versuchte noch, eine dritte Sitzung zu vereinbaren, was nach schwierigem Anlauf auch gelang.“

Das dritte Treffen verlief laut Jörgeschs Schilderungen dann aber alles andere als professionell. „45 Minuten haben wir nur über Politik geredet. Um den Konflikt mit meiner Mutter ging es null. Sie sagte schließlich: Unter diesen Umständen sei es ihr nicht möglich, mich weiter zu behandeln, denn ansonsten müßte sie meine Haltung ändern. Falls ich meine politische Meinung ändere, könne ich aber gerne wiederkommen.“

Jörgesch erzählt das ohne Aufregung. Natürlich sei er am Anfang sprachlos gewesen, habe sich geärgert, da er zunächst das Gefühl gehabt habe, bei der Therapeutin gut aufgehoben zu sein, zumal er vor Jahren schon einmal bei ihr in Behandlung war. Als sie dann aber das Behandlungszimmer verlassen habe, ohne ihm einen anderen Therapeuten zu empfehlen, habe er in den Angriffsmodus geschaltet. „Ich habe Beschwerde bei der Psychotherapeutenkammer in Nordrhein-Westfalen wegen Berufspflichtverletzung eingelegt.“ Und er sei zuversichtlich, daß sein Fall auch näher untersucht werde.

„Behandlung darf aus politischen Gründen nicht verweigert werden“

War das Vorgehen der Therapeutin legitim? Der Präsident der Therapeutenkammer, Gerd Höhner, teilt auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT mit: „Ist eine Behandlung indiziert, darf der Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, diese aus ‘politischen Gründen’ nicht ‘verweigern’.“ Allerdings könne es vorkommen, daß Meinungen oder Ansichten eines Patienten das persönliche Verhältnis zwischen Therapeut und Patient so belasten, „daß eine vertrauensvolle Zusammenarbeit scheitert“. Und die Frage des „zwischenmenschlichen Vertrauens“ sei für eine psychotherapeutische Behandlung schließlich „eine unverzichtbare Bedingung“.

Genau dafür gebe es die Probatorik. Hierbei könnten Patient und Therapeut in bis zu fünf Sitzungen „erproben“, ob sie die Behandlung machen könnten oder nicht. „Wenn der Psychotherapeut feststellt, daß die erforderliche emotionale Basis für eine Therapie nicht hergestellt werden kann, dann ist er verpflichtet, die Behandlung zu beenden und den Patienten weiter zu vermitteln. In der Regel handelt es sich dabei um einen gemeinsamen Entschluß, denn der Patient spürt ja genauso wie der Psychotherapeut, daß etwas nicht stimmt“, erklärt Höhner. Auf jeden Fall aber sei der Therapeut verpflichtet, dem Patienten eine Alternative zu nennen.

Dies sei aber nicht geschehen, betont Jörgesch. Auch habe die Therapeutin nicht klar gesagt, daß die Vertrauensbasis zerstört sei. „Es ging ihr rein um die AfD. Ich fühlte mich eingeschüchtert von ihr, weil ich mich als AfD-Wähler geoutet habe.“

Therapeutin will sich nicht äußern

Anruf bei der Therapeutin. Ob sie auch Patienten behandle, die sich als AfD-Wähler bekennen? „Dazu äußere ich mich nicht. Auf Wiedersehen.“ Aufgelegt.

Jörgesch möchte klargestellt wissen: „Bei meiner Beschwerde geht es mir nicht darum, diese Frau zu bestrafen. Damit ist ja niemandem geholfen. Mir geht es darum, darauf aufmerksam zu machen, wie man als AfD-Wähler in diesem Land teilweise behandelt wird.“

Laut Höhner gebe es solche Beschwerden immer mal wieder. Oft stelle sich dann heraus, daß die politische Orientierung nicht der eigentliche Grund für den Behandlungsabbruch gewesen sei. Ein ähnlicher Fall trug sich im Februar in Baden-Württemberg zu. Wie die JF damals exklusiv berichtete, verweigerte ein Arzt die Behandlung einer chronisch kranken Frau, weil sie für die AfD kandidiert.

Jörgesch hat bereits eine andere Therapeutin in Aussicht. „Sie begrüßt meine politische Einstellung zwar nicht, respektiert sie aber immerhin.“

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