Barbara Klepsch (CDU), Siegfried Reiprich
Barbara Klepsch (CDU), Siegfried Reiprich Fotos: dpa / wikimedia/Silke Bauer – Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen / JF-Montage
Kritische Stimme

Nach Twitter-Eintrag: Sachsen trennt sich von Gedenkstätten-Chef

Mit einem kräftigen Tritt hat sich Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) von einer zunehmend lästiger werdenden Person verabschiedet. Siegfried Reiprich, seit 2009 Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, muß mit sofortiger Wirkung und „unwiderruflich“ seinen Posten räumen. Im Gegensatz zu der 1965 im westsächsischen Annaberg-Buchholz geborenen Klepsch, die zwar von sich behauptet, 1989 gegen den Staat auf die Straße gegangen zu sein, war der zehn Jahre ältere Reiprich in seiner Aufmüpfigkeit und seinem widerständlichen Denken tatsächlich ein Problem für den SED-Staat. Deswegen wurde er zwangsexmatrikuliert, bespitzelt, zur Ausreise genötigt und ausgebürgert.

Die Bürgerrechtlerin Freya Klier und Sachsens Justizminister Steffen Heitmann schätzten die Persönlichkeit Reiprich so hoch, daß sie ihn im Jahr 2000 Sachsens Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) als Landesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit vorschlugen. Die Wahl wurde damals wegen parteiinterner Machtkämpfe verschoben. Reiprich arbeitete fortan als Referent für politische Bildung, Vize-Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und nach dem Tod des ehemaligen Dissidenten und Schriftstellers Jürgen Fuchs als Vorstand des Vereins zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur.

Der Aufarbeitung des DDR-Unrechts verschrieben

Reiprich engagierte sich in zahlreichen Vereinen und Initiativen, vor allem wachte er aber mit Argusaugen darüber, daß der Widerstand gegen die sozialistische Diktatur nicht in Vergessenheit geriet. Das brachte ihm im Verlauf nicht nur unter den der Tradition der SED verhafteten Linken viele Feinde ein, sondern auch unter dem Politikern anderer Parteien, die nicht mehr an ihre Karriere in der DDR erinnert werden wollten. Der eigentlich kuriose, aber angesichts des öffentlich propagandierten Zeitgeistes nicht verwunderliche Vorwurf gegen Reiprich lautet seit Jahren: Er würde angeblich die DDR-Aufarbeitung bevorzugt betreiben und dabei die der NS-Geschichte vernachlässigen.

Wer sich mit Reiprichs Tätigkeit beschäftigt, weiß, daß das nicht stimmt. Aber die Beschäftigung mit dem DDR-Unrecht paßt mit dem angeblichen Antifaschismus der in zahlreichen Parlamenten vertretenen Linken, die sich selbst als höchst demokratische Partei fühlen, nicht überein. Reiprich war in seiner Funktion als Gedenkstättenchef zunehmend isoliert und auch desillusioniert. Seine Äußerungen auf Twitter belegen das. Nur so ist auch zu erklären, daß er sich völlig in der Wortwahl vergriff, als er nach den gewalttätigen Ausschreitungen in Stuttgart ironisch fragte: „War das nun eine Bundeskristallnacht oder ‘nur’ ein südwestdeutsches Scherbennächtle?“

SPD, Linke und Grüne forderten seinen Rücktritt

Mit diesem inakzeptablen Vergleich mit der gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Reichspogromnacht der Nationalsozialisten vom 9. November 1938 hat Reiprich seinen Abgang beschleunigt. SPD, Linke und Grüne forderten übereinstimmend seinen zeitnahen Rücktritt. Reiprich selbst hatte bereits zuvor aus gesundheitlichen Gründen um Auflösung seiner bis 2022 laufenden Vertrages zum 30. November 2020 gebeten.

Klepsch teilte nun mit, daß der Stiftungsrat in nicht öffentlicher Sondersitzung in Dresden die von Reiprich auf Twitter geäußerten Aussagen „ausdrücklich mißbilligt“: Die Äußerungen „widersprachen klar dem Sinn der Gedenkstättenarbeit“. Dem Ruhestandsantrag des 65jährigen wurde stattgegeben. Bis Ende November erhält er noch seine Bezüge. Freistaat und Stiftung suchen nun nach einem neuen Geschäftsführer für die Gedenkstätten. Worauf der seinen Schwerpunkt legen sollte, dürfte klar sein: eine klare Trennung von sozialistischer und nationalsozialistischer Diktatur. Oder wie schrieb Reirprich auf Twitter: „Die offizielle Verwendung für ‘Faschismus’ für den deutschen Nationalsozialismus ging auf eine Sprachregelung Stalins zurück, die die sogenannte SED bis nach 1989 dogmatisch durchsetzte; und sie versucht es noch.“

Barbara Klepsch (CDU), Siegfried Reiprich Fotos: dpa / wikimedia/Silke Bauer – Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen / JF-Montage

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