Stadion
Olympiastadion in Berlin Foto: picture alliance/Andreas Gora/dpa
Wegen NS-Vergangenheit

Berlin: Ex-Senator fordert Entnazifizierung des Olympiageländes

HAMBURG. Der ehemalige Berliner Senator für Stadtentwicklung, Peter Strieder (SPD), hat eine Entnazifizierung des 1936 gebauten Berliner Olympiageländes gefordert. „Die Skulpturen, Wandgemälde, Reliefs müssen weg“, schreibt Strieder in einem Gastbeitrag für die Zeit. „Die gesamte Anlage, alle Bauten, alle Benennungen, alle Skulpturen entsprangen der Ideologie der Nazis. Und wir sollten begreifen, daß dies die ideologische Symbolik ist, auf die sich heutige Akteure wie Höcke, Gauland und Kalbitz berufen“, warnte der SPD-Politiker.

Auf dem Olympiagelände werde mit der Begründung des Denkmalschutzes „die Propaganda der Nazis fortgesetzt“ und niemand tue etwas dagegen. Der rot-rot-grüne Senat müsse die Anlage umfassend neugestalten. „Das Maifeld samt Führertribüne sollte abgeräumt und nutzbar gemacht werden für neue Sportfelder, Trainingsplätze, Spielwiesen. Alle Namen der Gebäude und Straßen und Trainingsplätze aus der Zeit der Nazis gehören revidiert, künftig sollten sie beispielsweise nach Opfern der jüngsten rechtsterroristischen Gewalttaten benannt werden“, schlug Strieder vor. Für den derzeitigen Zustand gebe es keine gesellschaftliche Rechtfertigung.

Er selbst habe beim Umbau des Olympiastadions für die Fußballweltmeisterschaft 2006 als Senator nicht berücksichtigt, „daß mit dem Olympiagelände auch das faschistische Erbe unter Denkmalschutz gestellt wurde“. Man habe damals nicht genau genug hingeschaut. „So habe ich übersehen, daß nicht einmal Umbenennungen stattgefunden haben, weder von Gebäuden noch von Straßen.“

Das Sommermärchen ist vorbei

Die damals erfolgte Anbringung von Erklärtafeln sei unzureichend. „Im Umfeld eines Stadions, in das die Fans in freudiger Erwartung eines Fußballspiels strömen, bleiben sie unbeachtet und stellen allenfalls ein halbherziges Alibi dar.“

Möglicherweise habe man bei den Entscheidungen um die Jahrtausendwende fälschlicherweise angenommen, daß „der Schoß doch nicht mehr fruchtbar“ sei und Europa für immer frei sein werde. „20 Jahre später sind wir mit einer gänzlich anderen Situation konfrontiert. Nationalismus und Rechtsextremismus sind in Europa wieder erstarkt. Der NSU-Terror, die Morde von Halle und Hanau, die Wahlerfolge der AfD lehren uns, daß das Sommermärchen vorbei ist.“ Der Geist des Rechtsextremismus und des Nationalismus – wie er sich auf dem gesamten Olympiagelände manifestiere – sei doch noch fruchtbar, mahnte Strieder.

Die Politik habe zu entscheiden, ob etwas die Wertschätzung als Denkmal erfahre. Und sie müsse es auch verantworten, ob das Olympiagelände mit weiteren Millionenbeträgen saniert und erhalten werde, „oder ob es nicht an der Zeit ist, das gesamte Gelände und den Denkmalschutz einer kritischen Revision zu unterziehen und das Gelände zu entnazifizieren, zu modernisieren und zu transformieren in einen lebendigen Sport-­ und Freizeitpark, der sich vom Ideal des Faschismus auch baulich und ästhetisch deutlich unterscheidet.“ (krk)

Olympiastadion in Berlin Foto: picture alliance/Andreas Gora/dpa

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