„Deutsch-Türkischen Akademiker“ Foto: picture alliance/dpa / Facebook-Screenshot / JF-Montage
Nikolaus und Völkermord an den Armeniern

Haß und Hetze? Nicht bei den „Deutsch-Türkischen Akademikern“

Alle Jahre wieder wird der Heilige Nikolaus Mißbrauchsopfer von Politik und Medien. Daß der Bischof von Myra „Türke“ gewesen sei, behaupten die Forcierer der Massenmigration schon seit einiger Zeit. Nicht nur dort ist die Verwirrung groß: Bereits 2009 berichtete die Wochenzeitung Zeit über eine Kölner Gemeinde, die sich um den moslemischen Dialog bemühte, sodaß man dort auf die Herkunft des Nikolaus aus der Türkei demonstrativ hinwies.

Das mutet nicht nur deswegen merkwürdig an, weil die heutige Türkei als damaliges Kleinasien ein zutiefst christliches und kulturell griechisch geprägtes Gebiet war; ausgerechnet Nikolaus als Gewährsmann für religiöses Multikulti herbeizuziehen geht auch deswegen fehl, weil der im 3. Jahrhundert geborene Heilige vor allem dafür bekannt ist, dem Erzhäretiker Arius eine deftige Backpfeife verpaßt zu haben. Arius postulierte, daß Jesus nicht Gott sei. Eine Ansicht, die sich im Islam durchgesetzt hat, wo der Christus „nur“ ein Prophet ist.

Das hielt „quer“, das haltungsbetonte Magazin des Bayrischen Rundfunks, nicht davon ab, den alten Kalauer zum ungezählten Male neuerlich aus der Klamottenkiste zu ziehen. „Liebe Wutbürger, Nikolaus lebte in einem Ort in der heutigen Türkei und rettete u.a. in Seenot geratene Menschen aus dem Mittelmeer. Vielleicht kauft ihr Euren Kindern doch lieber einen Zipfelmann.“

Traten bereits im „Blutwurstgate“ in Erscheinung

Bar der Erkenntnis, daß auch so manches deutsches Rentnerpärchen auf Mallorca seinen Lebensabend verbringt und deswegen dennoch so spanisch ist wie ein Erdinger Weizen in einem Sherry-Regal: Grafik und Wortlaut machte sich eine andere Gruppe am Rande der Gesellschaft zunutze. Auf Facebook zirkulierte dieselbe Grafik unter leicht geändertem Text in der türkischen und gutmenschelnden Welt: „Liebe AfD-Baumgermanen, Nikolaus war Türke und rettete Menschen. Kauft ‘Zipfelmänner’!“

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Die Urheber, die „Deutsch-Türkischen Akademiker“ (DTA), sind kein unbeschriebenes Blatt. Die Organisation bezeichnet sich als „die populärste deutsch-türkische Interessensvertretung Europas“.Die DAT spielten bereits im „Blutwurstgate“ eine Rolle, um den damaligen Skandal des Skandals wegen noch weiter zu skandalisieren. Zur Erinnerung: Bei der vor einem Jahr stattfindenden Islamkonferenz in Köln hatte Hysterie in den Medien ausgelöst, weil sich die Blutwurst auf die Speiseplatte eingeschlichen hatte. Moslemische Vertreter reagierten empört, die Verantwortlichen verteidigten sich dazumal, weil niemand gezwungen worden sei, die rheinische Flönz zu verzehren. Was dem einen halal, ist dem anderen Heimat.

„Blut-und-Boden“-Rhetorik in Erdoganversion

Die DTA hatten sich damals mit einem offenen Brief an den Bundesinnenminister gewendet, der insbesondere in den sozialen Medien Aufmerksamkeit erregt hatte. Die DTA beschwerten sich nicht nur über die Blutwurst des Anstoßes, sondern auch über die Teilnehmer Seyran Ateş und Hamed Abdel Samad. Die von mehr als 18.000 Nutzern gefolgte Facebookseite provoziert dabei nicht nur, sondern wartet auch mit einigen übelschmeckenden Untertönen auf.

„Deutsch-Türkischen Akademiker“ auf Facebook Foto: Screenshot Facebook

Wes Geistes Kind hinter den Erfindern der „AfD-Baumgermanen“ steckt, erkennt man daran, wie die DTA auf Kritik antwortet. Den Hinweis, daß die Türken erst im ausgehenden 11. Jahrhundert Kleinasien erobert hätten, kontern die Gelehrten so: „93 Prozent der ‘Türkei-Türken’ stammen direkt von der antiken anatolischen Bevölkerung und vom Kaukasus ab. Die genetische Kontinuität ist belegt. Deshalb kann man Nikolaus durchaus als ‘Türkei-Türken’ bezeichnen.“

Türkische Identität erlangt man also nicht über die Türkische Sprache, türkische Bräuche und türkische Kultur (zu der auch das moslemische Bekenntnis gehört), sondern die Genetik definiert das Türkensein. Ach ja: und weil man „immer da war“. Beste „Blut-und-Boden“-Rhetorik in Erdoganversion.

Haß ist immer nur der Haß der Andersdenkenden

Wie sehr die nationalistische Seele leidet, ergibt sich auch an der Wasserscheide moderner türkischer Identität. Wie woanders der Name Hitler nach Godwins Gesetz im Internet auftaucht, ist es hier der Völkermord an den Armeniern: „Es gab keinen Völkermord an den Armenier. Das ist Wunschdenken wegen der eigenen Vergangenheit. Im Gegensatz zur Shoah gilt die Qualifizierung laut Europäischem Gerichtshof als strittig. Was ein Baumgermane aus der Ostzone ohne ordentlichen Schulabschluß meint, ist völlig unbeachtlich.“

Woanders würde man eine solche Einlassung als Haß und Hetze disqualifizieren. Der Deutsche Bundestag hat den Völkermord an den Armeniern übrigens als solchen im Jahr 2015 eingestuft – vierzehn Jahre nach Frankreich. Da hierzulande aber Haß immer nur der Haß der Andersdenkenden ist, wird Facebook wohl auch in diesem Fall nichts unternehmen. Manchmal wünscht man sich den Nikolaus und seine Watschen zurück.

„Deutsch-Türkischen Akademiker“ Foto: picture alliance/dpa / Facebook-Screenshot / JF-Montage

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