Vietnamesen
Vietnamesische Flüchtlingsfamilie im niedersächsischen Aufnahmelager Friedland 1986 Foto: picture alliance/Wolfgang Weihs

„Boat People“
 

Die Unsichtbaren

Wie ein aufgeschlagenes Buch sieht sie aus, die Bronzetafel am Johannisbollwerk im Hamburger Hafen, unweit des Liegeplatzes für das Museumsschiff „Rickmer Rickmers“. „In tiefster Dankbarkeit gegenüber dem deutschen Volk, der Bundesregierung …“ so beginnt die Inschrift, mit der die „vietnamesischen Flüchtlinge in Deutschland“ für ihre „freundliche Aufnahme“ nach der „Flucht vor den Kommunisten“ danken.

Hervorgehoben das Schiff, von dem die sogenannten „Boat People“ seinerzeit im südchinesischen Meer gerettet wurden: die „Cap Anamur“. Vor 35 Jahren, 1979, war der zu einem Hospital-Schiff umgebaute Stückgutfrachter erstmals zur Rettungsmission in See gestochen.

Initiiert wurde das Unternehmen maßgeblich von dem Journalisten Rupert Neudeck angesichts der Szenarien, die sich im Seegebiet Indochinas abspielten. Bereits nach der Eroberung Südvietnams durch den kommunistischen Norden im Jahr 1975 kommt es zu ersten Fluchtbewegungen. Vor allem Angehörige bürgerlicher Schichten fürchteten Repressionen durch die neuen Machthaber. Nicht ohne Grund: Laut Schätzungen waren in Südvietnam zwischen 500.000 und einer Million Menschen von Umerziehungsmaßnahmen in Gefängnissen oder Arbeitslagern betroffen (bei einer Bevölkerung von 20 Millionen), darunter vor allem Studenten, Intellektuelle, buddhistische sowie katholische Mönche.

Etwa 200.000 Flüchtlinge ertranken

Ende 1978 beginnt dann ein wahrer Massenexodus, der schichten- und altersübergreifend ist. Auf kaum seetüchtigen Booten brechen die Flüchtenden in Richtung Hongkong, Singapur oder Macau auf. Eine große Zahl der häufig überladenen Kähne kentert oder gerät in die Fänge von Piraten. Etwa 200.000 Menschen sollen auf der Flucht ertrunken sein.

Neudeck gründete im Frühjahr 1979 gemeinsam mit so unterschiedlichen Verbündeten wie dem CDU-Politiker Norbert Blüm, dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt, den Schriftstellern Heinrich Böll und Martin Walser sowie dem nationalkonservativen Welt-Journalisten Matthias Walden in Köln das private Hilfskomitee „Ein Schiff für Vietnam“, das dann die „Cap Anamur“ charterte.

Bereits in der Adventszeit des Jahres 1978 hatte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) unter dem Eindruck von Fernsehbildern vom Elend der „Boat People“ beschlossen, daß sein Bundesland 1.000 vietnamesische Flüchtlinge aufnimmt. Eigens dazu hatte er seinen Bundesratsminister und Parteifreund Wilfried Hasselmann in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur entsandt, damit dieser vor Ort in den Flüchtlingsheimen Familien auswähle.

Am 3. Dezember traf dann eine Maschine der Bundeswehr mit den ersten 163 Vietnamesen in Hannover ein. Die Bilder der eilig in Decken gehüllten Flüchtlinge gelten als eine der Initialzündungen dafür, daß sich die Bundesrepublik insgesamt zur Aufnahme weiterer Bootsflüchtlinge bereit erklärte. Albrecht selbst hatte für seine Spontanaktion den gesetzlichen Rahmen – gelinde gesagt – etwas überstrapaziert.

„Ernst Albrecht ist für mich ein Ersatzvater geworden“

Unter den Vietnamesen, die zunächst im Grenzdurchgangslager Friedland versorgt und dann über das Land verteilt wurden, hat sein Vorpreschen dem Politiker dauerhafte Sympathien und tiefe Verehrung eingebracht. „Ernst Albrecht ist für mich ein Ersatzvater geworden“, sagt etwa Trang Xuan Nguyen. Der Gynäkologe und Allgemeinmediziner aus Göttingen ist zwar selbst strenggenommen kein Flüchtling, aber dennoch persönlich betroffen. Verwandte von ihm befinden sich unter den Opfern, denen die Flucht über das Meer nicht gelang. Und Dr. Trang war damals einer der ersten, die die Flüchtlingsmaschinen in Hannover erwarteten; nicht zuletzt um unter den eintreffenden Landsleuten nach Freunden und Bekannten Ausschau zu halten.

Ende der sechziger Jahre war er aus Südvietnam zum Medizinstudium nach Deutschland gekommen. Nach der Invasion der Nordvietnamesen und der kommunistischen Machtübernahme gewährte ihm die Bundesrepublik zunächst politisches Asyl, später wurde der für seine Schmerztherapie überregional bekannte und angesehene Mediziner deutscher Staatsangehöriger.

Seit vielen Jahren engagiert er sich außerdem ehrenamtlich als Präsident des Internationalen Deutsch-Vietnamesischen Komitees für Demokratie und Humanität (IDVK), das unter anderem Opfern des im Vietnamkrieg von den Amerikanern eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange hilft und armen Kindern Stipendien für den Schulbesuch gewährt. „Bei unserer Vollversammlung im November haben wir wie jedes Jahr unseren Ministerpräsidenten a. D. Ernst Albrecht gewürdigt und seiner verstorbenen Frau gedacht“, betont Trang Xuan Nguyen.

„Ich hätte ihn gerne auch noch einmal besucht, aber er wird wegen seiner Demenzerkrankung abgeschirmt. Leider hat seine Tochter Ursula von der Leyen auf meinen Brief nicht reagiert“, bedauert der Arzt im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT.

„Lieblingsmigranten“ der Deutschen

Wenn in Deutschland über Einwanderung debattiert wird oder Integrationsgipfel stattfinden, kommen die ehemaligen vietnamesischen Flüchtlinge nicht vor. Sie gelten als „unsichtbare Minderheit“, als bestens integriert und werden in den Medien gern als „Lieblingsmigranten“ der Deutschen bezeichnet. Als fleißig, diszipliniert, anpassungs- und leistungsbereit, werden sie beschrieben.

Die Eltern legen hohen Wert auf gute schulische Leistungen ihrer Kinder, die proportional häufiger eine höhere Schule besuchen als deutsche. Nicht zuletzt Thilo Sarrazin wies in seinem Beststeller „Deutschland schafft sich ab“ auf diese hervorstechenden Merkmale hin, die die Nachkommen der vietnamesischen Zuwanderer von denen aus anderen Kulturkreisen, vor allem dem arabischen unterscheiden.

Der Erziehungswissenschaftler Olaf Beuchling begründet dies mit der kultuerellen Prägung: „Der Konfuzianismus begünstigte die Herausbildung eines meritokratischen Bildungssystems, in dem das Bewußtsein vorherrscht, daß jeder unabhängig von seinem sozialen Status gesellschaftlich vorankommen kann.“

„Es liegt an unserer Mentalität“, ist Trang Xuan Nguyen überzeugt. Einem alten vietnamesischen Sprichwort zufolge schulde jeder „dem Kaiser, dann dem Lehrer, dann Vater und Mutter gegenüber Respekt“. Und eine weitere Verhaltensregel könne die Integrationsbereitschaft seiner Landsleute veranschaulichen: „Wenn ich als Gast ein Haus betrete und die Tür dieses Hauses hinter mir schließe, muß ich die Traditionen und Regeln, die dort gelten, respektieren.“

Linksradikale wetterten gegen die „Boat People“

Kritische Stimmen angesichts der Zuwanderung aus Ostasien gab es damals durchaus. Politiker von Union und SPD warnten Anfang der achtziger Jahre vor der weiteren Aufnahme einer großen Zahl von Vietnamesen; dies könne die wohlwollende Haltung der Deutschen den Flüchtlingen gegenüber ändern und zu Ausländerfeindlichkeit führen. Die „Cap Anamur“ betreibe faktisch Einwanderungshilfe und unterhöhle so das Asylrecht, bemängelte der Generalsekretär des Roten Kreuzes.

Bayern verhängte einen Aufnahmestopp, Niedersachsen übernahm daraufhin den bayerischen Anteil. Ein neues „Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge“ sah schließlich als Kompromiß vor, daß „Boat People“, die direkt von der „Cap Anamur“ aufgenommen worden waren, in Deutschland bleiben durften. Nach einem vorübergehenden Aufnahmestopp im Jahr 1982 liefen die Rettungsaktionen im Südchinesischen Meer noch bis 1986 weiter.

Die giftigste Polemik gegen die „Boat People“ kam jedoch von linksaußen: Für den Schriftsteller Peter Weiss („Die Ästhetik des Widerstands“) war die Flucht aus der roten Volksrepublik ein höchst unmoralisches, defätistisches Unterfangen. Denn im „neuen, sozialistischen Vietnam“ müsse schließlich gearbeitet werden. Arbeitslager seien durchaus gerechtfertigt: „Einige Zehntausende, die die Nation gefährden“, müßten „in Gewahrsam gehalten werden“, so der „Antifaschist“ Weiss.

Die linksradikale Zeitschrift Konkret bezeichnete die „Cap Anamur“ als ein „Schiff gegen Vietnam“, mit dem „viele Schwarzhändler, Zuhälter und ehemalige Kollaborateure der US-Besatzer“ herausgeholt würden. Und das von der DDR-Staatssicherheit gesponserte Blatt verbreitete die (unzutreffende) Verschwörungstheorie, in Vietnam könne man „Tickets für die ‘Cap Anamur’ kaufen“.

„Die haben da Gift und Galle gespuckt über die ganze Aktion“

Zu den Politikern, die sich mehr oder weniger im Alleingang zur Aufnahme vietnamesischer Flüchtlinge entschlossen hatten, zählte auch der Oberbürgermeister von Frankfurt am Main (und spätere hessische Ministerpräsident) Walter Wallmann (CDU).

250 geflüchtete Vietnamesen aus einem Auffanglager in Hongkong sollten in der Mainmetropole eine neue Heimat bekommen. Vor Ort wollte man die Leute auswählen, und so schickte Wallmann 1979 eigens seinen Magistratsdirektor in die damalige britische Kronkolonie. Der Name des Spitzenbeamten: Alexander Gauland. „Das Ganze war kaum organisiert, aber die Menschen dort waren heilfroh, daß sich jemand um sie kümmerte“, erinnert sich der heutige Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) im Landtag von Brandenburg im Gespräch mit der JF an seine Expedition von vor 35 Jahren. Daß er helfen konnte, „war nicht mein Verdienst“, gibt sich Gauland bescheiden. „Rückblickend denke ich: ‘o Gott, wie unvorbereitet sind wir das angegangen …!’“

Das deutsche Generalkonsulat, dem sein Besuch gemeldet worden war, zeigte sich gar nicht erfreut, im Gegenteil. „Die haben da Gift und Galle gespuckt über die ganze Aktion.“ Und wie konnte er ohne die Unterstützung deutscher Diplomaten dort zurechtkommen? „Geholfen hat mir – wie das Leben oft so spielt – der Zufall“, stellt Gauland amüsiert fest. Das Flugzeug, das ihn von Frankfurt nach Hongkong bringen sollte, hatte eine Panne und mußte in Singapur landen.

„Ich habe zwei Heimaten“

Dort sprach ein anderer Passagier Gauland an, „weil ich gerade ein englisches Buch las“. Der Gesprächspartner erwies sich als anglo-irischer Aristokrat, der beste Beziehungen zum Gouverneur und zum Polizeichef von Hongkong hatte. Der Lord fand die humanitäre Mission des Deutschen zwar etwas gewagt, doch sympathisch; und er vermittelte Gauland nicht nur eine Einladung in den exklusivsten britischen Club der Millionenstadt, sondern auch Kontakte zu entscheidenden politischen Stellen.

„Es war ja meine Aufgabe, die vietnamesischen Flüchtlinge auch so auszuwählen, daß sie in eine Metropole wie Frankfurt passen und sich nicht zu sehr umgewöhnen müssen“, erläutert Gauland gegenüber der JF. Viele der Vietnamesen seien auch erst skeptisch gewesen, in die Bundesrepublik zu kommen. „Die befürchteten, unseren Staat könne vom Osten her dasselbe Schicksal ereilen wie Südvietnam von Norden: die kommunistische Invasion.“ Doch nur wenige, die kurze Zeit später in der hessischen Hauptstadt landeten, zogen dann weiter, etwa in die USA.

Die meisten seien in Frankfurt und Umgebung tatsächlich heimisch geworden, hätten relativ schnell Anschluß gefunden, auch weil sie von deutschen Familien betreut worden sind. Bis heute bestünden noch viele solcher Kontakte.

Auch Gauland teilt die Überzeugung, daß die relativ reibungslose Integration der ehemaligen „Boat People“ hauptsächlich mit deren Anpassungsbereitschaft zusammenhängt. Viele der Vietnamesen, die er damals in Hongkong getroffen habe, hätten schon dort im Flüchtlingslager begonnen, Deutsch zu lernen, um sich auf ein Leben in Frankfurt vorzubereiten, „Die hatten eine Energie, die ich nur bewundern kann“, meint der Politiker auch über drei Jahrzehnte später noch voller Anerkennung.

In sein Geburtsland kann Dr. Trang seit 2001 wieder reisen. Obwohl er aus seiner regimekritischen Einstellung keinen Hehl macht, hat er mittlerweile auch zu einigen Vertretern des Staates dort guten Kontakt. Für seine humanitäre Arbeit hat ihm sogar das vietnamesische Rote Kreuz einen Verdienstorden verliehen. Fühlt er sich dabei inzwischen eher als Deutscher? Er sei eben beides, meint der Arzt und stellt fest: „Ich habe zwei Heimaten – aber ich diene Deutschland!“

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