Interview

Israelischer Militärexperte: Probleme auf der Gorch Fock waren absehbar

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Der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld Foto: Adi Mendlin

BERLIN. Für den israelischen Militärexperten Martin van Creveld sind die jüngsten Vorfälle an Bord des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ wenig überraschend. Seiner Ansicht nach sind solche Problem vorherbestimmt, wenn Frauen in einer Armee dienen. 

Herr Professor van Creveld, waren die mutmaßlichen sexuellen Vorfälle an Bord der „Gorch Fock“ absehbar? 

van Creveld: Natürlich ist so etwas programmiert. Die Kirche hat nicht ohne Grund immer auf der Trennung von Mönchen und Nonnen bestanden. In der Vergangenheit sind alle Versuche schnell gescheitert – und davon gab es einige – geschlechtlich gemischte Orden zuzulassen. Nicht anders ist das auf einem Kriegsschiff. Das Leben an Bord kommt einem Leben im Kloster sehr nahe. 

In den Vereinigten Staaten von Amerika und Israel dienen Frauen schon seit längerem in der Armee. Dort gibt es offenbar keine Probleme. 

van Creveld: Sicher gibt es Probleme. Denken Sie an die Tailhook-Affäre von 1992, als dutzende Offiziere wegen „sexuellen Fehlverhaltens” belangt wurden und man den Oberbefehlshaber der Marine in den Selbstmord trieb. Damals hieß es, dies sei die größte Niederlage der U.S.-Navy seit Pearl Harbor 1941. Seitdem hat sich nichts geändert.

Gerade erst wurde der Kommandant eines amerikanischen Flugzeugträgers wegen ein paar bizarrer Sexspielchen, die er auf seinem Schiff geduldet hatte, abgesetzt. Was Israel anbelangt, so zeigt der Fall des früheren Präsidenten Moshe Katsav, daß Anklagen wegen sexuellen Fehlverhaltens mittlerweile zu einer Art weiblichem Volkssport geworden sind und sich als gängige Methode erwiesen haben, um Offiziere und andere öffentliche Personen aus dem Amt zu jagen. 

Können die Probleme, die entstehen, wenn Frauen und Männer zusammen in einer Armee dienen, durch Disziplin unter Kontrolle gebracht werden, oder ist das eine Illusion?

van Creveld: Nein, denken Sie an mein Beispiel mit den Klöstern. 

Auf der „Gorch Fock“ sind zuletzt zwei Frauen tödlich verunglückt. Sind Frauen den Herausforderungen des Militärdienstes tatsächlich gewachsen oder schickt man die jungen Kadettinnen sehenden Auges in Situationen, die sie körperlich gar nicht bestehen können? 

van Creveld: Was ich seltsam finde, ist etwas anders. In der Gesellschaft halten sich Männer und Frauen zahlenmäßig in etwa die Waage. Dennoch passieren etwa 90 Prozent aller Arbeitsunfälle Männern. Mit der Ausnahme von Israel, das das einzige Land mit einer Wehrpflicht für Frauen ist, beträgt der Frauenanteil in keiner modernen Armee mehr als 15 Prozent. Daher ist die Unfallquote bei weiblichen Soldaten sehr gering. Sie liegt bei etwa zwei bis drei Prozent. 

Es gibt jedoch immer einen großen Aufschrei, wenn eine Frau getötet oder verletzt wird. Das beweist, daß das Militär – genauso wie die Gesellschaft – das Blut von Frauen als wertvoller erachtet, als das von Männern. Und daß Frauen nicht benachteiligt, sondern bevorzugt werden.

Sie haben 2001 die Studie „Frauen und Krieg“ veröffentlicht. Wie lautet Ihr Fazit beim Thema Frauen in der Armee?

van Creveld: Ich habe in meinem Buch nicht behauptet, daß Frauen dem Militär schaden. Vielmehr bin ich der Meinung, daß die wachsende Anwesenheit von Frauen in einer Armee sowohl Symptom als auch Ursache für deren Niedergang ist. Nehmen Sie zum Beispiel die Bundeswehr. Dort dienen seit 2001 auch Frauen. Und schauen Sie sich an, was seitdem auch rein zahlenmäßig aus dieser Armee geworden ist. So wie der Bundeswehr ergeht es allen modernen Armeen auf der Welt, in denen Frauen dienen. (mo/krk)

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Prof. Dr. Martin van Creveld lehrt Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem und beriet mehrfach Streitkräfte verschiedener Nationen, darunter auch das amerikanische Verteidigungsministerium. 2001 erschien sein Buch „Frauen und Krieg“ (Murmann Verlag), in dem er sich mit den Problemen auseinandersetzt, die der Einsatz von Frauen im Militär mit sich bringt. Sein aktuelles Buch trägt den Titel: „Gesichter des Krieges: Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute“ (Siedler Verlag 2009)

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