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„Marsch für das Leben“
 

„Flagge Zeigen“

Preussen
Prinz Philip Kiril von Preußen Foto: Privat

Warum unterstützen Sie den Marsch für das Leben?

Prinz Philiip Kiril von Preußen: Beim Marsch für das Leben geht es darum, Flagge zu zeigen für das wichtigste Grundrecht, das aber am meisten mit Füßen getreten wird: das Recht auf Leben. Jedes Jahr bringen wir Hunderttausende Kinder – mit Dunkelziffer sind es bis zu 300.000 – im Mutterleib um! Die meisten Menschen haben das leider verdrängt, vielen ist es anscheinend egal.

Wir sind zu Recht schockiert über die unsäglich menschenverachtenden Angriffe auf das World Trade Center – auch mir kommen jetzt, wenn ich die Berichte zum 10. Jahrestag sehe beziehungsweise lese immer noch die Tränen, wenn ich an die vielen Unschuldigen denke, die dort ihren brutalen Tod fanden. Aber wo bleibt der Schock angesichts der vielen unschuldigen Kleinen, denen das Leben genommen wird, bevor sie überhaupt irgend eine Chance bekommen, ihr Leben zu leben? Alle Welt ist gegen die Todesstrafe – und alltäglich geschieht sie stillschweigend vor unseren Augen!

Als Christ ist für mich das Gebot „Du sollst nicht töten“ (dort ist „morden“ gemeint: das Umbringen von Unschuldigen aus niedrigen, egoistischen Beweggründen) verbindlich. Es kann nicht sein, daß wir seit Jahrzehnten eine Kultur des Todes pflegen, wo wir das Lebensrecht unserer Kinder davon abhängig machen, ob sie gerade optimal in die eigene Lebensplanung passen. Das Recht auf Leben ist hier nicht verhandelbar.

Die Abtreibungsärzte verdienen mit Töten Geld

Und Christus war immer auf seiten der Schwachen. Die Schwächsten sind hier ohne Zweifel die unschuldigen Kinder. Ich empfehle jedem, die betreffenden Passagen der Friedensnobelpreisrede von Mutter Teresa von 1979 zu verinnerlichen. Das hat nichts damit zu tun,  Mütter im echten Schwangerschafts-Gewissenskonflikt anzuprangern. Sie brauchen in jeder Weise unsere einfühlsame Unterstützung! Ich prangere höchstens Abtreibungsärzte an, weil sie mit Töten ihr Geld verdienen. 

Außerdem ist es nicht zu fassen, daß wir zwar gegen die Gefahren der Kernkraft auf die Straße gehen, aber nicht gegen Abtreibung. Durch Kernkraft sind in Deutschland – Gott sei’s gedankt – noch keine Menschen direkt umgekommen. Aber durch Abtreibung innerhalb von 40 Jahren mehr als acht Millionen! Und es gibt keinen Aufschrei. Stellen Sie sich vor, es gäbe jedes Jahr 10.000 ungeborene Kinder, die nachgewiesenermaßen durch Strahlenemission der nahegelegenen Kernkraftwerke an Leukämie stürben.

„Es ist nicht fünf vor zwölf – es ist 30 Jahre nach zwölf“

Die evangelischen Kirchen würden bestimmt sofort wieder wöchentliche Montagsdemos organisieren – zu Recht! Das würde keine zwei Jahre toleriert. Aber hier: Millionen tote Kinder im Mutterleib allein in Deutschland – und von meiner Kirche seit Jahren nur leise Stimmen, vornehmlich auf Papier. Fast keiner geht auf die Straße. Und die, die gehen, werden medial totgeschwiegen. Was Kirchen und Medien dereinst hierzu wohl zu hören bekommen, wenn  unser Herr kommt, „zu richten die Lebenden und die Toten“. Wir haben in Deutschland längst einen GAU: einen moralischen.

Überdies ist mir unbegreiflich, warum allein der sich abzeichnende Euro- oder Börsen-Crash im Fokus steht und alle in Panik versetzt – aber der demographische Crash kratzt niemanden. Dabei ist Demographie das Mega-Thema des Jahrhunderts: Rente, Krankenkasse, Pflege – das Sozialsystem fängt bereits an, uns um die Ohren zu fliegen. Die Wirtschaft sucht händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden. Innovationsfähigkeit, Dynamik und Risikobereitschaft – kurz: das Wirtschaftswachstum und unser Wohlstand sind in massiver Gefahr. Der Demographieexperte Herwig Birg sagt: „Es ist nicht fünf vor zwölf, auch nicht fünf nach zwölf – es ist 30 Jahre nach zwölf.“ 

Was kann eine Veranstaltung wie der Marsch für das Leben bewirken?

Preußen: Ich hoffe, daß diese Märsche zu einem wachsenden „Aufstand der Aufgewachten“ werden. Wir brauchen einen Bewußtseinswandel! Es ist für mich ähnlich, wie zu Zeiten Martin Luther Kings in den Vereinigten Staaten. Damals war die Diskriminierung der Schwarzen für die Mehrheitsgesellschaft „normal“. Erst durch das mutige Aufstehen der Schwarzen unter der Führung von King vollzog sich ein Wandel.

„Mich erinnert das an die Anfänge des Nationalsozialismus“

Heute wäre gesellschaftlich legitimierter Rassismus dort gottlob undenkbar. Wenn Martin Luther Kings Traum sich in unseren Tagen sogar soweit erfüllt hat, daß Barack Obama mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt und bejubelt wird – warum sollen wir in Deutschland dann nicht auch die Hoffnung haben, daß wir einen ähnlichen Wandel erleben können mit Blick auf Abtreibung?

Wie erklären Sie sich die aggressiven und gewalttätigen Reaktionen der Linksextremisten auf die Veranstaltung?

Preußen: Diese Aggressivität und wachsende Gewalttätigkeit ist aufs schärfste zu verurteilen und in hohem Maße erschreckend. Mich erinnert das an die Anfänge des Nationalsozialismus, mit den prügelnden SA-Horden. Was die Gründe angeht: Es hat sicher verschiedene.

Zum einen sind Linksextremisten und Autonome oft dezidierte Atheisten. Denn Gott wäre ja eine Autorität über ihnen, und das lehnen sie ab. Und jemand, der zutiefst an Gott glaubt, macht sie daher an sich schon aggressiv. Erst recht, wenn man an Jesus glaubt. (Da rückt einem Gott ja noch näher auf die Pelle: er wird sogar Mensch!) Die meisten Lebensschützer sind tiefgläubige Christen. Und da sträuben sich den Autonomen die Nackenhaare. Das beweisen auch die haßerfüllten, gotteslästerlichen und volksverhetzenden Banner, die sie seit Jahren den Lebensschützern entgegenhalten: „Hätt’ Maria abgetrieben, wärt Ihr uns erspart geblieben!“ Beim letzten Mal haben sie statt „Ihr“ dann „das“ benutzt – was die Verachtung dahinter aber kaum kaschiert.

„Das potentielle Kind wird zum Feind“

Zum zweiten ist es das unbedingte Ja zum Kind. Und das ist wieder ein Autoritätsproblem: Wo jede Autorität abgelehnt wird, wo niemand über mich bestimmen dürfen soll, da darf es natürlich erst recht nicht sein, daß ein kleines „Jemand“ direkt in mir auf einmal die Grenzen meines Handelns festlegt: für neun Monate physiologisch und anschließend sogar rechtlich und ideell. Daß man dann auf einmal für jemand sorgen, für ein Kind Verantwortung übernehmen soll. Und im Handumdrehen wird das potentielle Kind, das die Lebensschützer schützen wollen, zum Feind – und seine Beschützer natürlich auch.

Ich vermute, daß daneben bei etlichen auch individuelle biographische Dinge eine Rolle spielen: Manche junge Frau hat vielleicht schon selbst abgetrieben, mancher „Erzeuger“ hat seine Freundin zur Abtreibung genötigt; und da wird ein latent schlechtes Gewissen unbewußt umgemünzt in Aggressivität gegen die, die daran rühren – die Lebensschützer. Oder mancher hat so schlechte Erfahrungen mit den eigenen Eltern, daß er/sie die Vorstellung, selbst als Vater/Mutter in so eine Konstellation zu kommen, nur ablehnenswert findet und eine Abtreibung als viel bessere „Lösung“ ansieht und damit als legitim. Das ist dann vielleicht eher unterbewußt, bricht aber um so heftiger im aggressiven Verhalten an die Oberfläche.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß es für viele ein unbewußt sehr existentielles Problem ist, auf das sie sehr emotionsgeladen reagieren, mit ebenjener destruktiven Aggression.

Um so wichtiger ist es für uns, darauf nicht auch aggressiv zu reagieren. Psychologisch, aber vor allem für Christen ist das der Königsweg. Jesus erwartet Feindesliebe und die andere Wange hinzuhalten. Auch wenn mir das manchmal schwerfällt, als Mann voll Schaffenskraft und guten Überzeugungen sich anpöbeln, niederschreien und womöglich bewerfen zu lassen. Gut, daß wir Polizeischutz haben. Aber was ist das für eine verkehrte Welt, wo die, die einfach mit einem friedlichen Marsch unschuldiges Leben schützen wollen, ein massives Polizeiaufgebot in schwerer Montur nötig haben?

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Prinz Philip Kiril von Preußen, 43, ist Pfarrer, verheiratet und Vater von sechs Kindern

JF 38/11

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