Schulen und Universitäten als Spielwiesen

Ein Projekt anzustoßen, einen spontanen Einfall umzusetzen, ist die eine Sache, einmal Begonnenes fortzuführen, durchzutragen, Rückschläge wegzustecken, eine ganz andere, in der sich erst Charakter zeigt.

Charaktereigenschaften wie Willensstärke und Beharrlichkeit darf man nach diesen Maßstäben der Mannschaft des Instituts für Staatspolitik (IfS) attestieren. Bereits zum 15. Mal lud das auf dem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt beheimatete Institut Anfang November zum Berliner Kolleg in die Hauptstadt.

Zuvor hatte das IfS, das zudem die Zweimonatszeitschrift  Sezession herausgibt, in diesem Jahr bereits drei derartige Tagesseminare veranstaltet. Die Kollegs des IfS sind im Berliner Veranstaltungsdschungel zu einer festen Bank für Konservative geworden.

Johann Gottlieb Fichte als Vorbild

Die Vorträge waren auch diesmal wieder geprägt von einem verbindlichen Ton, der die Veranstaltungen offensichtlich gerade auch für zahlreiche politisch interessierte junge Leute anziehend macht. Rund 200 Zuhörer aus allen Altersschichten waren der Einladung des IfS gefolgt, um von „Zustand und Zukunft eines deutschen Ideals“ zu hören: der Bildung.

Erik Lehnert, Mitarbeiter des IfS, befreite in seiner einleitenden Rede den Bildungsbegriff von zeitgeistigen Verformungen, indem er ihn an den Deutschen Idealismus anknüpfte: Bilden bedeutet ursprünglich „Schöpfung, Verfertigung“, „einer Sache Wesen und Gestalt verleihen“ – der Zusammenhang mit erziehen liegt auf der Hand. Gut erzogen zu sein, ist für den Einzelmenschen wie für die Welt, in der er steht, unerläßlich.

In der Stunde der preußischen Niederlage begründete Johann Gottlieb Fichte im von französischen Truppen besetzten Berlin eine neue Bildungsidee, einzig und allein, um Preußen vor dem moralischen und geistigen Untergang zu bewahren. Die bisherige Erziehung, letztlich mitverantwortlich für das Unglück, war ungeeignet, das ganze Volk zur „Sittlichkeit im gemeinschaftlichen Handeln“ zu erziehen.

Verheerungen durch Bruch mit den Bildungsidealen

Hart an der Wirklichkeit orientiert, boten die „Reden an die deutsche Nation“ das Rüstzeug gegen die Fremdherrschaft. Mit „mannhafter Kühnheit das Übel fest ins Auge fassen“, der Neigung entsagen, sich „über die eigenen Angelegenheiten zu täuschen“, sich kalt Rechenschaft darüber ablegen, was ist – nur so könne man des Übels Meister werden. Das Recht wird einem nicht geschenkt, es muß erkämpft werden – das, so Fichtes Einsicht, ist nur als Nation möglich.

Die Voraussetzung dafür ist ein in den Kardinaltugenden „erzognes Volk“, ohne die kein Staat Bestand haben kann. Dem Publikum wird es angesichts der heutigen Lage unseres Vaterlandes in den Ohren geklungen haben.

Welche Verheerungen der Bruch mit der traditionellen Bildungsidee nach sich gezogen hat, war Gegenstand der Reden Karlheinz Weißmanns und Ellen Kositzas. Lehrerin und Mutter einer Kinderschar die eine, Studienrat an einem Gymnasium der andere, konnten beide aus der Praxis sprechen. Das Kernübel liege im Fehlen einer „Einheit der Idee“ (Karl Jaspers 1931).

Keine verbindlichen Erziehungsideale

In der pluralistischen Gesellschaft, die kein verbindliches Erziehungsideal kennen will, ist nicht mehr deutlich, zu was erzogen wird, Schulen und Universitäten sind zu Spielwiesen jeweiliger Moden verkommen, und experimentiert wird am lebenden Objekt. Ganz im Gegensatz zur herrschenden Auffassung in der Bildungsbürokratie  ist Bildung und Erziehung eine „hochkonservative Veranstaltung“: Sie ist das Feld, auf dem die Überlieferung weitergegeben, die Tradition bewahrt wird.

Wenn das Ziel der Erziehung vergessen ist – die Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes gab einst die Richtschnur – fahren widergöttliche Ideologien in das Vakuum. Eine solche beschrieb die Publizistin Gabriele Kuby, deren Vortrag das Publikum konzentriert lauschte.

Familien brechen auseinander, die junge Generation der Deutschen ist um ein Drittel kleiner als vor 30 Jahren, an die faktisch legalisierte Abtreibung hat sich die Gesellschaft gewöhnt, und wie reagiert der Staat auf die Krise? Indem er mittels der „Gender“-Ideologie die Geschlechtsdifferenzierung von Mann und Frau als „soziales Konstrukt“ denunziere, Frauen, die sich um Kinder und Haushalt kümmern, lächerlich mache („Herdprämie“), den Nachwuchs in Kindergarten und Vorschule einer perfiden Frühsexualisierung unterziehe und ihnen Empfängnisverhütung und Abtreibung als das Allernormalste nahebringe (JF 27/07).

„Es gibt Widerstand gegen Gender“

Auf dem Weg zur Veranstaltung habe sie den Taxifahrer gefragt, ob er den Begriff des Gender Mainstreaming kenne – immerhin „durchgängiges Leitprinzip und Querschnittsaufgabe“ der Bundesregierung. Der studierte Architekt verneinte. „Woher nehmen sich Politiker das Recht und die Legitimation, etwas zu verändern, wofür sie keiner gewählt hat?“ fragte Kuby und erhielt kräftigen Applaus der Zuhörer.

Verhalten optimistisch beendete sie ihre Ausführungen: „Es gibt Widerstand gegen Gender.“ Wie das Ruder herumreißen? Wagemutig werden, den Schlaf der Sicherheit abstreifen oder, in Weißmanns Worten, „unbürgerlicher werden“!

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