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Nachruf auf den früheren Papst: Benedikt XVI. – Erinnerungen an den „Mozart der Theologen“

Nachruf auf den früheren Papst: Benedikt XVI. – Erinnerungen an den „Mozart der Theologen“

Nachruf auf den früheren Papst: Benedikt XVI. – Erinnerungen an den „Mozart der Theologen“

Papst Benedikt XVI. ist verstorben
Papst Benedikt XVI. ist verstorben
Papst Benedikt XVI. ist verstorben Foto: picture alliance/Stefano Spaziani
Nachruf auf den früheren Papst
 

Benedikt XVI. – Erinnerungen an den „Mozart der Theologen“

Papst Benedikt XVI. ist im Alter von 95 Jahren verstorben. Immer wieder schaffte es der introvertierte Intellektuelle in seinem schwierigen Amt, Kraft aus seiner Heimat, der Tradition und der Frömmigkeit zu schöpfen. Ein Nachruf von Rose-Marie Borngässer, ehemalige „Welt“-Korrespondentin in Rom.
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Es war als würde Rom sich verschleiern, als würde sich eine seltsame Ratlosigkeit und Trauer über die Stadt breiten. Das Hupen und Kreischen der Bremsen in dem nicht endenden römischen Straßenverkehr schien gedämpfter, die Menschen sprachen quasi leiser. Über die Ewige Stadt hatte sich Trauer gelegt, seitdem Papst Franziskus verkündet hatte, für seinen emeritierten Amtsbruder zu beten, der im Sterben liege. Vor den Gnadenbildern Roms knieten die Menschen, vorallem Frauen, und beteten den Rosenkranz. Rom schien plötzlich wieder eine Heilige Stadt zu werden.

Nun war er wieder allseits präsent, diese schmale feingliedrige Gestalt von Papst Benedikt XVI., der im Februar 2013 seinen Rücktritt im 85. Lebensjahr angekündigt hatte. Zum ersten Mal seit 719 Jahren verzichtete damit ein Papst auf sein Amt. Es schien eine Sensation in der Kirchengeschichte.

„Ich habe keine Kraft mehr, verzeiht mir.“ Mit diesen Worten begründete er damals seinen Schritt. Ungläubiges Staunen und Entsetzen unter den Kardinälen, niemand hatte dies erwartet. Hatte Benedikt doch sein Arbeitspensum wie immer an jenem Tag erledigt, eine Lektion in freier Rede im Priesterseminar gehalten und mit den versammelten Gläubigen den Angelus an diesem Sonntag auf dem Petersplatz gebetet.

Dann wurde Papst Franziskus gewählt

Am 11. Februar, am Rosenmontag, gab der Papst schließlich in der Sixtinischen Kapelle in lateinischer Sprache vor dem Konsistorium der Kardinäle bekannt, daß er als Pontifex zurücktreten werde. „Nachdem ich mein Gewissen geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, daß meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel habe diese Ankündigung im päpstlichen Palast überrascht, so Kardinal Angelo Sodano. Diese Äusserung zeigt, wie einsam dieser Papst trotz seiner ganzen Machtfülle im Vatikan war, wo jedes Wort auf den marmornen Gängen widerhallt.

Dann wurde Papst Franziskus gewählt. Der optische Gegensatz konnte nicht größer sein: hier der feingliedrige Deutsche, dann der massige Argentinier, der Liturgie und Zeremonien in der katholischen Kirche reformerisch gegenübersteht. Benedikt verschwand langsam aus dem Bewußtein der Gläubigen, obwohl er noch immer im Vatikan lebte und auch noch enge Freunde empfing.

Wenn man ihn bei seinen Spazierfahrten im Rollstuhl sah, schien seine schmale Gestalt von mal zu mal zu schrumpfen. Doch sein Verstand war hellwach. Und man erinnerte sich wieder an die früheren Zeiten in Rom, da er „nur“ Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan war. Seine Stimme klang immer warm und guttural, der Papst aus Bayern konnte seine Heimatwurzeln nie verleugnen.

Begegnungen mit dem Pontifex

Viele in Rom lebende Deutsche erinnern sich noch zu gut an die persönlichen Begegnungen mit dem früheren Pontifex. So zum Beispiel in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl. Vor allem aber im vornehmen römischen Club, dem Circolo degli Scacchi (Schachclub) am römischen Corso. Unter den feinen geladenen Gästen, darunter Würdenträger, Adelige und die Finanzaristokratie, traf man mitunter auch den damaligen Kardinal Ratzinger.

Sofort bildete sich um ihn ein Kreis. Man spürte den Respekt, den die Anwesenden dem Kardinal erwiesen, wo immer er auftrat. Da stand diese kuriale, feingliedrige Gestalt mit den schlohweißen, vollen Haaren und dem Kardinalspurpur inmitten dieser eleganten Gästeschar und blickte lächelnd in die Runde.

Er sprach immer leise und präzise. Nichts hatte er von der eloquenten Geschwätzigkeit vatikanischer Diplomaten. Vordergründig blieb er stets verschlossen und kühl. Erst später im kleinen Kreis lockerte sich um ihn die Atmosphäre. Zu Anfang eher nur bedächtig und zuhörend wurde Ratzinger dann der aufmerksame und ideale Geprächspartner, der plötzlich Feuer fängt und zu diskutieren beginnt.

Nun war er es, der im Gespräch die Linie vorgab, der durch seine gescheiten Argumente seine Hörer in den Bann zog und sprachlos machte. Nur manchmal huschten Schatten über sein Gesicht und dann wirkte er düster. Und ganz plötzlich brach er auf, eilte von dannen. Eine schmale Gestalt verschwand in der Nacht, wo der Wagen mit seinem Chauffeur auf ihn wartete.

Ratzinger bestach durch Disziplin und Selbstkontrolle

Mit knapp 50 Jahren wurde Ratzinger Erzbischof von München und Freising und nur wenige Wochen später zum Kardinal ernannt. 1981 berief der Papst ihn zum Präfekten der Glaubenskongregation nach Rom. Es war das schwierigste und arbeitsreichste Amt, das im Vatikan zu vergeben ist. In diesem wichtigen Wächteramt, das er bis zu seiner Wahl im Frühjahr 2005 mit geradezu altmodischer Disziplin und Selbstkontrolle bis fast an die körperlichen Grenzen ausübte, ließ er immer wieder die gott- und technikgläubige Welt aufhorchen.

Hier wachte der damalige Kardinal mit fünfzig Mitarbeitern über die Reinheit des Glaubens. Die Medien stempelten ihn dafür zum stockkonservativen Kirchenmann und Hardliner ab, was er in Wahrheit nie war. Zudem fungierte er als allerengster Mitarbeiter des verstorbenen Papstes Johannes Paul II., der den Kardinal auch nach seinem 75. Lebensjahr nicht missen wollte.

Als nach dem Tode von Papst Johannes Paul II. am 19. April 2005 das Konklave den Kardinal Joseph Ratzinger zum ersten deutschen Papst seit über vier Jahrhunderten erwählte, da war der Jubel groß. Der bisher oberste Glaubenswächter wurde nun zum 265. Pontifex der katholischen Kirche.

Während ganz Deutschland triumphierte, nahm Joseph Ratzinger die schwere Bürde des Amtes ganz bewußt auf sich. Denn er hatte nach eigener Aussage sogar darum gebeten, daß dieser Kelch an ihm vorübergehe. „Liebe Brüder und Schwestern, nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Herren Kardinäle mich gewählt, einen einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn. Mich tröstet die Tatsache, daß der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen zu arbeiten und zu wirken weiß.“

Mißbrauchsskandale erschütterten Benedikt

Er, der bisher das Schutzschild des Papstes in Gestalt des Präfekten der Glaubenskongregation war, geriet nun selber in die Schußlinie seiner Feinde. Und die katholische Kirche hat viele Gegner, besonders in Deutschland.

Papst Benedikt aus dem oberbayerischen Marktl schöpfte in seinem Amt immer wieder Kraft aus seiner Heimat, der Tradition und der Frömmigkeit. Kraft, die er überdimensional brauchte. Er war ein introvertierter Intellektueller, „ein großer Lehrer des Glaubens“, der über die Kirche wachte mit einem Maß an Selbstkontrolle, die bis an die Grenzen der Belastbarkeit ging. Er war ein zutiefst europäischer Papst, der immer auf die christlichen Wurzeln des Abendlandes setzte.

Mochten auch die jubelnden „Benedetto“-Rufe beim Weltjugendstag in Köln 2005 kurzfristig Heiterkeit und Freude vorgaukeln, doch rückblickend war sein Pontifikat ein schweres Erbe. Vor allem die Mißbrauchsskandale, die aus den USA und Irland ausgingen, und dann in Deutschland aufkamen, haben Benedikt bis ins Mark erschüttert.

Hinzu kamen die Defekte im eigenen Haus. Unter dem Stichwort Vatileaks wurden etwa seit 2011 zahlreiche vertrauliche Dokumente des Vatikans veröffentlicht, in denen es um Vorwürfe der Korruption ging. Als seine Kraft zu Ende ging, übergab Benedikt die Tiara zum Wohle der Kirche an einen Stärkeren. Nun möge er seine wohlverdiente Ruhe nach immerwährenden lebenslangen Kampf bekommen. Für die Nachwelt wird er mit seinem gewaltigen Werk immer der „Mozart der Theologie“ bleiben.

Papst Benedikt XVI. ist verstorben Foto: picture alliance/Stefano Spaziani
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