Lager Vucjak bei Bihac Foto: JF/Rohbohm
Migranten in Bosnien-Herzegowina

Das Ziel ist der Schengen-Raum

Aus den Augen, aus dem Sinn. So könnte man die Verlegung von 1.500 Migranten aus der bosnischen Stadt Bihac nahe der Grenze zu Kroatien beschreiben. Ein Video ihres Fußmarsches ins fünf Kilometer außerhalb der Stadt gelegene Vucjak fand im Internet rasend schnelle Verbreitung. Und sorgte teilweise für Irritationen, da sie auf einschlägigen verschwörungstheoretischen Seiten als Migrantenstrom Richtung Deutschland fehlinterpretiert worden waren.

Die Maßnahme war jedoch mehr ein Hilferuf der Stadt an die überregionalen Verantwortlichen, sie mit dem Migrationsproblem nicht allein zu lassen. „Die Zustände waren im Sommer einfach unerträglich geworden“, schildern Bewohner in Bihac der JUNGEN FREIHEIT übereinstimmend. Immer mehr Zuwanderer waren über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien nach Bosnien gekommen. Ihr Ziel: Die Europäische Union, vorzugsweise Deutschland. Weil Kroatien seine Grenzen besser kontrolliert als die anderen Balkan-Staaten, staut sich der Zug Richtung Norden in Bihac. Einer Stadt, von der aus die Entfernung ins Schengen-Land Slowenien lediglich 80 Kilometer beträgt.

Besuch im Lager

Der Weg von Bihac führt hinaus in die Berge Bosniens. An den Straßenrändern laufen immer wieder Migranten. Einige von ihnen Leben in den Wäldern. Andere pendeln zu Fuß zwischen der Stadt und dem Camp in Vucjak. Wer sich etwas weiter in die Wildnis wagt, stößt schnell auf Spuren von Müll, Feuerstellen, Zigarettenkippen und Kleidungsstücken. Doch der Streifzug durch die Wälder ist mit Vorsicht zu genießen. Bisher nicht beseitigte Landminen aus dem Bosnien-Krieg der neunziger Jahre lauern als lebensgefährliche Bedrohung auf. Die Migranten haben von ihnen gehört, fürchten sie mindestens genauso wie die Patrouillen der kroatischen Grenzschützer.

Zwei Kilometer vor dem Camp steht in einem kleinen Bergdorf ein bosnischer Rot-Kreuz-Helfer. Er spricht Deutsch, hatte eine Zeit lang in Krefeld gelebt. Neben ihm zwei Migranten. Der Helfer trägt Handschuhe und Mundschutz. „Eine Vorsichtsmaßnahme“, sagt er. Viele der Migranten hätten Krankheiten. „Geben Sie niemandem von ihnen die Hand, seien Sie vorsichtig“, rät er. Die beiden Migranten deuten auf den Wagen, wollen mit ins Camp fahren. Der Rot-Kreuz-Helfer rät wieder ab. „Das kommt bei der Polizei nicht gut“, warnt er.

Lager Vucjak bei Bihac Foto: JF/Rohbohm

Der Weg ins Lager schlängelt sich über eine schmale und sandige Schotterpiste den Berg hinab. Meter für Meter wird er enger, die Piste schlammiger, die zu Pfützen gefüllten Schlaglöcher tiefer und häufiger. 50 Meter vom Camp entfernt steht ein Container. Zwei Polizisten treten aus ihm hervor. Ausweiskontrolle. Aber der Einlaß ist kein Problem. „Sie wollen da allein rein?“ fragt einer der beiden skeptisch. Ja. Die beiden beratschlagen sich auf bosnisch. „Gehen sie nicht zu weit ins Lager, bleiben Sie in unserem Sichtbereich. Sie könnten angegriffen werden“, warnen sie.

Die Migranten haben einen Plan

Doch es bleibt friedlich. Der Empfang ist von Neugier statt von Aggression geprägt. Ali, ein 24 Jahre alter Pakistani kommt heran, reicht die Hand zur Begrüßung. Wie war das noch mit dem Anfassen? Egal. Schnell bildet sich ein Kreis um uns, während er seine Geschichte erzählt. Ist so üblich. Schnell wird klar: Ali und die anderen haben einen Plan. Einen, Plan, wie sie die Grenze zu Kroatien überwinden wollen.

Was Ali plant, was sich im Lager sonst noch an dramatischen Szenen zuträgt und wie es zu dem erneuten Migrationsanstieg an der bosnisch-kroatischen Grenze kommen konnte, lesen Sie am kommenden Donnerstag in der Reportage der Printausgabe der JF.

Lager Vucjak bei Bihac Foto: JF/Rohbohm

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load