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Libanon
 

Der Konfessionskampf greift über

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Aufräumarbeiten ziehen sich hin – verwüstetes Geschäftsinventar
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Baalbek, einstige Touristen-Hochburg- Die Armee ist mit Kampfpanzern eingerückt
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Plakat in Baalbek- Im Mai 2013 verkündete Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah (rechts) seinen Beistand für Assad

BAALBEK. Vom Regen in die Traufe: Aus dem umkämpften Umland der syrischen Hauptstadt Damaskus haben es 13 Familien über die Berge hierher nach Baalbek geschafft. Doch von Frieden und Sicherheit kann auch diesseits im nordöstlichen Libanon keine Rede sein. Zwar hat die vorwiegend Hisbollah-kontrollierte Gesellschaft der 80.000-Einwohner-Kleinstadt diesen Sunniten gestattet, in der Al-Bukhari-Moschee Zuflucht zu finden – doch am 28. September wurde das improvisierte Flüchtlingslager dennoch zur Zielscheibe von Gewalt. Dutzende Gewehrkugeln seitens der schiitischen Wahbi-Familie schlugen im Religionshaus und den umliegenden Wohngebäuden ein.

Ursache des Blut-Samstags mit vier Toten und mehreren Verletzten waren nicht die Syrer, sondern Spannungen zwischen Hisbollah und der Minderheit libanesischer Sunniten. „Wir haben mittlerweile das Gefühl, vom Iran besetzt zu sein“, so die zwei aufgeweckten Sunni-Jünglinge Mosaab und Jasser, die ihrem Onkel im Gemischtwarenladen aushelfen. Sie seien glücklich, daß ihr Geschäft anders als mehrere andere nicht in Brand gesetzt worden ist.

Es seien Hisbollah-Anhänger gewesen, die Rache für eine empfindliche Niederlage zu nehmen suchten: Infolge der jüngsten Gewalt haben sie laut libanesischem Daily Star landesweit Dutzende Kontrollposten geräumt und an das Militär übergeben. Ausgangspunkt des strategischen Rückzugs: die Unruhen von Baalbek, noch unlängst Anlaufpunkt für zahlreiche Touristen, welche die weltberühmten römischen Tempelanlagen besichtigten, deren Restaurierung von Deutschland finanziert worden ist.

Israel kann vorerst durchatmen

Das beklemmende Gefühl der Unsicherheit ist geblieben, auch wenn die Armee Präsenz zeigt. Die Hisbollah hält sich nun zivil diskret im Hintergrund. Ihr Einsatz im Hinterland, auch jenseits der syrischen Grenze, bleibt dagegen bestehen. Die Beerdigungen ihrer Märtyrer finden abseits der Öffentlichkeit statt. Der innermuslimische Kriegseinsatz im Nachbarland aufseiten von Baschar al-Assad ist pikant: In der arabischen Welt hat die Schiiten-Miliz ihr großes Ansehen verloren, von dem sie seit dem 2006er Krieg gegen Israel zehrte.

Ob mittelfristig der schiitische Machtzuwachs im Libanon einen Dämpfer bekommt, steht in den Sternen: Noch stehen die Parteianhänger des Propheten-Schwiegersohns Ali ibn Abi Talib angesichts guter Vermehrungsraten und finanzieller Beihilfen aus dem Iran gut da.

Mosaab und Jasser berichten, in den vergangenen Jahrzehnten sei ihr Anteil in Baalbek von 20 auf 50 Prozent gestiegen. Wahrscheinlich ist er noch höher. Niemand weiß es genau. Volkszählungen würden nur neuen Streit um die Machtverteilung heraufbeschwören. Doch es fällt auf, dass die hiesigen Sunniten (diesmal) auf jede Form von Gegenattacke verzichtet haben: Die prächtige Schiiten-Moschee der Sayyida Khaula bint Hussein, nach eigener Überlieferung Grabstätte einer Enkelin Alis, erstrahlt mit ihren blauen Kacheln ohne jeden Kratzer. Sunnitische Gebetshäuser wie die Al-Hanabi-Moschee in der Altstadt sind jedoch geschändet worden: Zerbrochene Scheiben, eingetretene Türen, Einschusslöcher in den Wänden. Es seien Hisbollah-Leute gewesen, so die Ortsansässigen.

Kleinigkeiten können in den Abgrund treiben

Mosaab und Jasser berichten nüchtern und ohne jeden Haß über den Anlass der jüngsten Auseinandersetzungen: Der 16jährige Palästinenser Jafaar Kadura und sein Vetter hätten gemeinsame Sache mit der Hisbollah gemacht. Die Ehefrau eines Angehörigen habe ihren Mann wegen seines Pakts mit den Schiiten geschlagen. Laut mohammedanischer Lehre dürfen sich Frauen gegen ihre Männer zur Wehr setzen, sobald diese gegen den Islam handeln. Jafaar habe daraufhin die bewaffneten Männer am Hisbollah-Kontrollpunkt gegen die sunnitische Aschiah-Familie aufgehetzt, der das aufsässige Weib entstamme. Die Eskalation sei zum Selbstläufer geworden. Stundenlang wurde am 28. September 2013 in zahlreichen Straßen Baalbeks wild geschossen. Es steht schon für eine gewisse Reife des Libanon, daß dieser Konflikt nicht zur bereits länger befürchteten Explosion im Zedernstaat geführt hat. Ähnlich wie in Algerien sind die Erinnerungen an den Bürgerkrieg noch wach – und lassen die Menschen zögern, unüberlegt die Waffen zu greifen.  

Aber ob es nicht frustrierend sei, daß einige Hundertschaften Hassan Nasrallahs Abertausende Rebellen im hauptsächlich sunnitischen Syrien vor sich hertrieben, möchte ich von Mosaab und Jasser wissen. „Ja“, in der Tat. „Bei uns Sunniten will jeder der Anführer sein“, begründen sie die aktuelle Schwäche der islamischen Mehrheitskonfession.    

Der entfesselte Islam stößt an seine Grenzen

Im Westen mag man verwundert fragen, welchen Sinn es mache, sich wegen einer fast 1.400 Jahre alten Erbstreiterei um die Propheten-Nachfolge gegenseitig zu töten. Zumal nachdem Mustafa Kemal Atatürk das sunnitische Kalifat 1923 ohnehin beendet hat – was gemäß „authentischer, von Allah inspirierter und unveränderlicher“ Prophetenüberlieferungen „Ahadies“ der Sammlung Sahih Muslim Nummer 3389 und 3392 gar nicht passiert sein kann.

Tatsächlich klaffen die Theologien in „Allahs vollendeter Religion“ weiter auseinander als dies auf den ersten Blick scheint. Abstrahiert lässt sich feststellen, daß Schiiten aufgrund theokratischer Strukturen, Mystik und Gruppenbewusstseins eher den Katholiken vergleichbar sind. Die Sunniten ließen sich dagegen eher den Evangelen zuordnen, da sie nicht aus der Tradition, sondern allein aus den heiligen Texten ihre religiösen Wahrheiten zu ersehen glauben. Dazu gehört auch jene Prädestinations-Überzeugung, irdischer Reichtum sei göttlicher Lohn: Ein orientalischer Kaufmann ist in dieser Frage nicht allzu weit entfernt vom texanischen Ölmagnaten.

Glaubt man da noch an Zufall, daß das protestantische Amerika eng mit Saudi-Arabien und dessen indoktrinierten Keimzellen in aller Welt verbunden ist – während der Papst und die russische Orthodoxie sich um einen Dialog sowohl mit Assad als auch mit dem Iran bemühen?

Der Islam krankt an inneren Widersprüchen

Daß ein überschaubarer Flächenbrand mohammedanischen Kampfgeist in Resignation verwandelt, bleibt derweil Interesse aller Außenstehenden, die als ungläubige Kuffar früher oder später das Schwert des Islam (Szaif al-Islam) zu spüren bekämen. Daß schiitische Muslime in einer sunnitischen Moschee randalieren, könnte kaum deutlicher die aktuelle Krise des Islams zur Schau stellen. Vom hehren Anspruch, die Menschheit von „den Gesetzen Allahs und seines Gesandten“ zu überzeugen, sind die Muslime weit entfernt. Der Islam krankt vorerst an seinen inneren Widersprüchen. Doch noch verweigern sich die Mohammedaner der Einsicht, daß die Krise im Orient überhaupt mit ihrer Religion im Zusammenhang stehen könnte. Immerhin in dieser Frage besteht Einigkeit.  

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