Loch_im_Grenzzaun_bei_Atmah

Syrisches Bürgerkriegstagebuch I
 

Ankunft

Loch_im_Grenzzaun_bei_Atmah
Loch im Grenzzaun bei Atmah
Ueber_Stock_und_Stein_-_Marsch_durchs_Grenzgebiet
Über Stock und Stein – Marsch durchs Grenzgebiet Fotos (3): Billy Six

Im Flüchtlingslager von Yayladah befinden sich rund 5.000 Syrer. Besuchen darf ein Außenstehender das Camp nicht. Ein türkischer Oberst: „Das bringt nur Ärger. Und es ist schon schlimm genug, wie unorganisiert diese Araber sind. Wären das Türken, würden sie sich für ihr Essen in Reih und Glied anstellen. Aber diese Leute prügeln sich darum, wer als erster dran ist.“ Auf die Frage an einige syrische Passanten, wann sie denn gedenken, in ihre Heimat zurückzukehren, kommt eine unmißverständliche Antwort: „Wenn die Waffen da sind.“

Flüchtlingslager als Kriegsstätten

Das Bild von über 60.000 syrischen Flüchtlingen in der Türkei täuscht möglicherweise. Viele der Ankömmlinge haben einen Grund für ihre Reise: Sie kämpfen gegen die Regierung von Damaskus, und wollen die Familien vor Repressionen in Sicherheit bringen. Bei Apayden, auf halbem Wege zwischen Antakya und Reyhanle gelegen, existiert gar ein Lager der besonderen Art: Die Botschaft der „Freien Syrischen Armee (FSA)“, wahlweise getarnt als Flüchtlingslager oder türkische Militäranlage. „Du willst unsere Revolution unterstützen? Dann helfen wir Dir gerne!“, so Aktivisten. Von ihnen ist zu erfahren, der türkische Geheimdienst würde hier jeden einreisenden Syrer intensiv befragen. Doch in diesem Moment wird unser Gespräch jäh unterbrochen: Ein gereizter türkischer Militär geht dazwischen, fährt die Aktivisten an: „Was redet Ihr für ein dummes Zeug? Hier gibt es keine Syrer!“

Von diesem Lager aus reisen immer wieder Grenzgänger nach Syrien. Hinein – in die „Höhle des Löwen“. Eine Familie beispielsweise war zu Gesprächen in Istanbul. Es ging bei ihrem Besuch um Geld – für die Revolution. Ob es etwas gebracht hat? „Inschallah!“ Wenn Allah will! Eine wenig aussagekräftige Antwort, die es hier oft zu hören gibt.

Nur Sami, ein 40jähriger Apothekenhelfer, spricht Englisch. In einem klapprigen Taxi fahren sie zur grünen Grenze. Ein staubiges Kuhdorf in der Südtürkei – wenige Kilometer von Reyhanle entfernt. Fußmarsch – einen Kilometer durch die Olivenhaine. Plötzlich ein Problem – die türkische Militärpolizei ist vor Ort. Drei Mitglieder der Wandergruppe werden festgesetzt. Sami muß sich im Gebüsch verstecken.

Nach einer Stunde ist das „Auge des Gesetzes“ weggefahren. Abendgebet und Fastenbrechen ist angesagt. Schnellen Schrittes geht es zum Grenzzaun … oder was davon übrig ist. Das große Loch im Maschendraht kündet davon, daß sich die Grenztruppen Syriens hier in Luft aufgelöst haben. Auf der anderen Seite wartet bereits ein Reisebus.

Freundlicher Empfang im Krisengebiet

Die Fahrer wissen, wo sich die Truppen von Präsident Baschar al-Assad befinden. Und wo nicht. Nur einige Dörfer der nördlichen Idlib-Provinz liegen im Dunkeln – anderswo sind Generatoren am Werk. Motorräder fahren durch die Straßen, viele Kleingeschäfte sind offen. In grauen Kaftans sitzen die Männer bei Tee unterm Sternenhimmel. Zerstörungen sind vorerst nicht zu entdecken. Auch Freudenschüsse, Standard im Libyen-Krieg, gibt es nicht. Die sogenannten Rebellenstützpunkte sind mit Zivilisten besetzt. Man grüßt sich freundlich. Kontrollen finden nicht statt.

Die Reisegruppe erreicht den 23.000-Einwohner-Ort Talmenes, fünf Kilometer jenseits der Assad-kontrollierten Stadt Maarrat an-Numan. Eine Einheit von Jugendlichen der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ heißt die Gäste in ihrem Quartier willkommen.

Die Regierung hat das Gebiet nicht mehr unter Kontrolle. Das erscheint vorerst merkwürdig beim Blick auf das Waffenarsenal der hiesigen Aufständischen: Alte Kalaschnikows aus dem Irak für 700 bis 1.000 US-Dollar das Stück. Die Panzer der Armee wären das letzte Mal vor einigen Monaten gekommen. Und die Assad-Gegner geben trotz aller Kraftsprüche offen zu: „Wenn sie wieder kommen, würden wir natürlich wegrennen.“

Am nächsten Morgen: Rauch steigt auf am Horizont. Auf das Nachbardorf Jerjenas hat es einen Hubschrauber-Angriff durch die Regierungskräfte gegeben. Einen Tag später – wieder eine Attacke. Fünf Wohnhäuser im Umkreis von 100 Metern sind zerstört. Die Menschen sind nervös, fliehen – und kehren wieder zurück.

„Baschar ist ein Mörder. Er schießt auf alles und jeden. Frauen, Kinder und Tiere“, erzählen die Einwohner und wirken dabei erstaunlich gelassen. Fünf oder sieben Tote habe es gegeben. Doch auf dem Friedhof können sie nur zwei frische Gräber zeigen. Unstimmigkeiten gibt es auch über den Ablauf des Bombenangriffs. Einige sprechen gar von Kampfflugzeugen. Doch darauf gibt es keinen einzigen Hinweis. Welche Absicht verfolgt die syrische Armee mit einem solchen Fernangriff auf ein Bauerndorf? Es wären keine Bewaffneten vor Ort gewesen, heißt es. Doch ein junger Aktivist gibt zu: „Wir haben hier Verräter, die Assads Leuten sagen, wo die Kämpfer ihre Schlafstätten und Lager haben.“

Zu später Stunde sitzen die Familien auf ihren Terrassen. Das letzte Mahl, bevor das Tagfasten des Ramadan wieder beginnt. Aus zwei Kilometern Entfernung sind erneut Explosionen zu hören. Assads Truppen schießen. Nicht wahllos, nicht massiv. Aber ein Ziel, ein Sinn ist trotzdem von Ferne nicht erkennbar. Die Menschen nehmen es gelassen. „Wir haben uns an den Krieg gewöhnt.“

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