Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!
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Arabische Revolution
 

Die Gräber der Märtyrer sind noch frisch

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Rebellen-Panzer zwischen Tobruk und Derna
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Freitagsgebet in Tobruk
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Straßensperre zwischen Tobruk und Derna

Die großen Schlachten haben sie gewonnen – hier im äußersten Osten von Libyen. Bereits am 18. und 19. Februar ist es den Aufständischen in Tobruk und Derna gelungen, den Einfluß von Machthaber Muammar al Gaddafi zu brechen. Verglichen mit dem Gemetzel im Rest des Landes war der Blutzoll gering: Drei Demonstranten und ein Gaddafi-Mann sollen in Tobruk ums Leben gekommen sein. Fünf Regierungsgegner und drei Tripolis-Getreue seien bei den Schießereien beim Sturm auf die zentrale Polizeistation von Derna gestorben. Die Gräber der neuen Märtyrer sind noch frisch. Sie ruhen jetzt auf dem Gelände der Al Sahaba Moschee.

Auch zwei Wochen später ist den Menschen die Freude über das Erreichte anzumerken, das 42 Jahre lang als unmöglich galt. Tag und Nacht schießen sie in die Luft – mit Kalaschnikows, Pistolen und uralten Gewehren. Patronenhülsen überall. Eine bunte Mischung von Jung und Alt, hauptsächlich in Zivil, teilweise in Tarnuniform gekleidet, ist auf den Beinen. Doch gefährlich erscheint die Lage nicht. Statt sie zu lynchen, haben die Rebellen die ehemaligen Polizisten und Geheimdienstler nach Hause gehen lassen, als sich die Armee auf die Seite der Oppositionellen stellte. „Wir wollen nur Gaddafi“, wird immer wieder gesagt.

Keine Plünderungen

Bürgerwehren kontrollieren die Straßen. Anders als im revolutionären Ägypten gab es zumindest in Tobruk und Derna keine Plünderungen. Geschäfte und Banken haben schon wieder geöffnet. Die Versorgung mit Wasser und Strom läuft. Nur Schulen und Universitäten sind nach wie vor geschlossen.

Besonders auffällig: Westliche Ausländer sind herzlich willkommen – auch ohne Visum und Einreisestempel. Reporter werden freundlich aufgefordert, zum Spaß mit unterschiedlichen Waffen in den Himmel zu schießen und in einem der elf Zelte auf dem Tobruker Platz vor der Königsmoschee zu übernachten.

Zum Freitagsgebet am 4. März erscheinen mehrere hundert Menschen. Etwa vierhundert von ihnen bleiben für eine politische Abschlußveranstaltung. „Gaddafi soll gehen“, schreien sie. Anschließend herrscht Leere. Den freien Tag genießt der Tobruker nun lieber mit der Familie, bevor sich der Arbeitsalltag Stück für Stück normalisiert. Kinder spielen in den ausgebrannten Autos der verwüsteten Polizeistation.

Das Grüne Buch ist besonders verhaßt

Der Aufruhr war zielgerichtet gegen die Staatsgewalt gerichtet. Neben den Sicherheitskräften sind in Tobruk nur eine Marineeinrichtung, ein Regierungsbüro und die Ausgabestelle für das Grüne Buch in Flammen aufgegangen. Die dreiteilige Schrift des libyschen Diktators ist bei den Libyern besonders verhaßt. Gaddafis Ideen vom „dritten Weg“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus wurden dem Volk seit 1975 eingetrichtert. Daß es dabei um islamisches Gedankengut gehe, stünde nur auf dem Papier, beschweren sich die revoltierenden Libyer. Vielmehr habe Gaddafi versucht, mit seiner Schrift den Koran, die alleinige Wahrheit, zu verdrängen.

Die Religion ist die Haupttriebfeder. Wie überall in der islamischen Welt. Doch daß man ein „islamisches Emirat“ wolle oder gar mit Al Kaida sympathisiere, wird von jedem Libyer, der die Frage versteht, vehement bestritten: „Juden und Christen sind unsere Brüder.“ Sie seien ausschließlich interessiert an einem Ende von „Unterdrückung, Bevormundung und Ausbeutung“. Viele Libyer wünschen sich ihr Land als ein anerkanntes Mitglied der „Staatengemeinschaft“. Über Gaddafis Aktionen, vom Lockerbie-Anschlag bis zur Verhaftung der bulgarischen Krankenschwestern, schütteln sie nur den Kopf. „Es wird schwer, ein neues Libyen aufzubauen“, sagt der 29jährige Linguistik-Professor Sirag Shinnieb, ein Organisator im Revolutionskomitee, mit Blick auf fehlende politische Strukturen. Die Panzer und Flugabwehrstellungen entlang der Mittelmeerstraße weisen darauf hin, daß erst das Hauptproblem zu lösen ist: die Entmachtung des Diktators, ob mit oder ohne ausländische Hilfe.

Der nächste Beitrag aus Bily Six’ Bürgerkriegstagebuch erscheint am Mittwoch.

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