Vom Taxifahrer zu Milliardär

Am Dienstag, den 13. Juni wurde Wladimir Gussinski unter dem Vorwand, zusätzliche Auskünf-te im Zusammenhang mit der (illegalen) Hausdurchsuchung in den Geschäftsräumen seines Media-MOST Konzerns zu geben, ins Amt von StaatsanwaltWaleri Nikolajew zitiert. Es stellte sich jedoch – fast wie zu Stalins Zeiten – heraus, daß er wegen eines vermeintlichen, zehn-Millionen Dollar schweren, Jahre zuvor vollzogenen Betruges zu Lasten des Staates bei dem Erwerb eines St. Petersburger Fernsehunternehmens unter Anklage gestellt, festgenommen und in das berüchtigte Gefängnis „Butyrka“ eingeliefert wurde. Drei Nächte später, am Freitag, sahen sich die Moskauer Sicherheitsberhörden – infolge eines beispiellosen internationalen Druckes – gezwungen, Gussinski freizulassen. Der russische Staat beging mehr als einen Fehler, er beging eine bodenlose Dummheit, die bis in die ferne Zukunft hineinwirken wird. Präsident Wladimir Putin befand sich auf Besuch in Spanien und Deutschland und behauptete auf die stürmische Fragen der Journalisten, er habe vorab nichts von der Festnahme Gussinskis gewußt. Am Donnerstag sagte er schon, er meine, die Moskauer Staatsanwaltschaft habe überreagiert. Als Putin heimkehrte war, Gussinski schon frei. Dazwischen aber hat ein bedeutender Wandel in den Beziehungen Rußlands zumindest zu den Vereinigten Staaten stattgefunden: die großen jüdischen Organisationen sind innerhalb weniger Stunden in Aktion getreten. Eine Presseerklärung folgte der anderen, der längst nur noch schlummernde Verband der Räte für das Sowjetjudentum – der durch eine besondere Lobby zugunsten der Auswanderung der Sowjetjuden das Breschnew-Regime in arge politische und wirtschaftliche Bedrängnis gebracht hatte – erwachte schlagartig zum Leben. Der parlamentarischen US-Lobbyorganisation AIPAC gelang es kurzfristig, die Unterschriften von mehr als 50 Kongreßmitgliedern für eine Protestresolution zu sammeln. Der Vorsitzende des Senatsauschusses für Auswärtiges, Jesse Helms, blockierte prompt einen neuen 400-Millionen-Dollar-Umschuldungskredit für Rußland. Der US-Präsident sprach seine Mißbilligung aus, das Außenministerium ebenfalls, alle großen Medien berichteten Tag für Tag über das Schicksal Gussinskis. Die israelische Regierung protestierte gleichermaßen wie Knesset-Abgeordnete, sogar der Bundeskanzler soll unter vier Augen Präsident Putin auf den Affront hingewiesen haben. Warum dieser beispielloser Kampfaufwand? Wladimir Gussinski, 47 Jahre alt, ist eine schillernde Figur, deren steiler Aufstieg zur international bedeutenden Persönlichkeit nur unter den gegenwärtig in Rußland herrschenden Bedingungen vorstellbar ist. Laut einem Bericht der Komsomolskaja Pravda vom 16. Juni begann Gussinski in seiner Jugend ein Studium am Moskauer Institut für Erdöl und Erdgasförderung, schloß es aber nicht ab. Angeblich konnte er mit seinen Kommilitonen nicht Schritt halten und schwänzte die Vorlesungen wegen einer besonderen Vorliebe fürs Kartenspiel und den Schwarzmarkt. Nach seinem Wehrdienst (in einer Luftabwehreinheit) absolvierte er die Theaterhochschule – wo er ein Regisseurdiplom erwarb – und arbeitete eine Zeitlang als Regisseur im sibirischen Tula. Anfang der Achtziger Jahre kehrte er nach Moskau zurück und arbeitete als privater Taxichauffeur mit dem Wagen seines Vaters. Im Oktober 1986 war er in eine wenig durchsichtige Affäre um das Auto seines Anwalts, Josef Katznelson, verwickelt. Er sollte den Wagen verkaufen und belieh ihn mit 8.000 Rubeln, verkaufte den Wagen nie und gab auch das Geld nicht zurück. Die Anklage gegen ihn wurde mangels Beweisen fallengelassen. 1989 wurde er anonym beim KGB angezeigt: als Inhaber des Infex-Handelsunternehmens soll er den stellvertretenden Außenwirtschaftsminister Schestakow bestochen haben. Im Januar 1996 gründete Gussinski, damals schon Vorsitzender des MOST-Konzerns, den Russischen Jüdischen Kongreß, einen Ableger des New Yorker World Jewish Congress (dessen Vizepräsident er gleichzeitig ist). Der MOST-Konzern, zu dem auch die MOST-Bank gehört, ist außerordentlich einflußreich, weil zu ihm auch die einzige flächendeckende, unabhängige Fernsehanstalt NTV gehört. Auch der Rundfunksender Echo Moskowski gehört zu MOST, und der amerikanische Präsident Bill Clinton hat während seines kürzlichen Moskau-Besuches über eine Stunde beim Sender verbracht: Clinton antwortete von dort auf Zuhörerfragen. Es gibt Quellen die behaupten, Putin sei zutiefst beleidigt gewesen, weil Clinton längere Zeit beim Gussinski-Sender als bei der gemeinsamen Pressekonferenz verbracht habe. Gusinskij ist auch Mitinhaber der israelischen Tageszeitung Maariv. Er hat umfangreichen Besitz in Spanien, England, Israel, Frankreich und in den USA. Sein Privatvermögen wird auf 1,5 Milliarden Dollar geschätzt, der MOST-Konzern ist aber tief verschuldet. Gussinski wird zu den „Oligarchen“ gezählt, jener Schicht von Neureichen, die nicht nur das Wirtschaftsleben beherrschen, sondern auch die Drähte der russischen Politik ziehen. 1996 unterstützte Gussinski die Wiederwahlkampagne Boris Jelzins, aber im vergangenen Herbst ging er – in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Russischen Jüdischen Kongresses und an Seite des Oberrabbiners Adolf Schajewitsch – an die Öffentlichkeit und bezeichnete den zweiten Tschetschenienkrieg als „Völkermord“, gegen den eben die Juden Protest erheben müßten. Nun ist es weithin bekannt, daß Wladimir Putin, damals nur Ministerpräsident unter Jelzin, die treibende Kraft war, die die russische Armee erneut in den Kampf in den Kaukasus trieb, weil er dadurch die notwendige nationale Zustimmung gewann, um vorzeitig zum Nachfolger Jelzins gewählt zu werden. Bei der Präsidentenwahl in diesem Jahr unterstützten die Medien Gussinskis zunächst den Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow und den früheren Ministerpräsidenten Jewgeni Primakow, blieben aber auch nach deren Kandidaturrückzug in Opposition zu Putin. Durch seine Verhaftung steigt Wladimir Gussinski plötzlich eine Treppe höher und wurde über Nacht die Symbolfigur der schwer gefährdeten Pressefreiheit in Rußland. Bemerkenswert ist, daß parallel zur Aktion gegen Gussinski die russischen Behörden versuchen, die etwa 600.000 bis 700.000 Köpfe starke jüdische Gemeinde Rußlands zu spalten. Es ist ihnen gelungen, ein enges Verhältnis mit der streng orthodoxen, mächtigen und reichen Chabad-Lubawitscher Bewegung herzustellen. Die Lubawitscher waren schon zu Breschnews Zeiten im jüdischen Untergrund aktiv. Sie gründeten neuerdings die Föderation Jüdischer Gemeinden Rußlands unter dem Vorsitz eines Lubawitscher-Rabbiners namens Berl Lazar, den die zuständigen russischen Behörden jetzt als geistiges Oberhaupt der russischen Juden anerkennen, wobei sie argumentieren, daß Adolf Schajewitsch schon unter den Sowjets gedient habe und daher eine wenig vertrauenswürdige Figur sei. Schajewitsch steht und fällt mit Gussinski, der auch der mit Abstand bedeutendster Philantrop und Mäzen ist, obwohl nicht wenige „Oligarchen“ ebenfalls Juden sind – wie etwa Boris Bersowski, Roman Abramowitsch, Michael Friedmann (nicht zu verwechseln mit dem Frankfurter Anwalt) oder Peter Aven. Kenner der russischen Szene behaupten, daß die Verhaftung Wladimir Gussinskis auf mangelnde Information in bezug auf den Einfluß der jüdischen Organisationen auf das politische Leben Amerikas zurück zu führen sei. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, daß es zu einem erneuten Versuch kommen wird, Gussinski und sein unabhängiges Medienimperium zum Schweigen zu bringen. Auch der Russische Jüdische Kongreß soll zugunsten der gefügigen und regierungstreuen Föderation des Rabbi Lazar zurückgedrängt werden. In Putins Weltanschauung, meinen Experten, sei für eine „Jüdische Internationale“ innerhalb Rußlands ebensowenig Platz wie für die vatikantreue katholische Kirche in China. Nur wird das nicht ohne eine spektakuläre Konfrontation über die internationale Bühne gehen.

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