Schräge Haßgesänge

Der Soul- und Popmusiker Jan Delay erntete jüngst heftigen Widerspruch. Er hatte in einem Welt-Online-Interview Verständnis für das Abfackeln von Autos gezeigt. In Berlin sind seit 2007 rund 300 Autos Brandanschlägen zum Opfer gefallen (siehe auch den Hintergrundbericht auf Seite 12). Jan Delay – bürgerlich Jan Phillip Eißfeldt – machte noch nie einen Hehl daraus, daß er mit dem schwarzen Block der sogenannten „Autonomen“ sympathisiert. Zu der Serie brennender Autos ist dem 33 Jahre alten Hamburger nun folgendes eingefallen: „Jeder braucht wohl sein Ventil und muß mal Druck ablassen.“

Musiker aus dem linksextremen Milieu propagieren schon lange in ihren Liedern Brandstiftungen, wie die folgende kleine Auswahl zeigt. Die Ein-Mann-Combo „Yok Quetschenpaua“ gibt im Stück „Wagensportliga“ zum besten: „Es lebe die Wagensportliga, hey ! // Wenn der Bonze noch pennt // sein Auto schon brennt!“ Yok Quetschenpaua zählt sich selbst zur Berliner Autonomen-Szene, in der er vor allem in den neunziger Jahren mit zahlreichen gewaltverherrlichenden Stücken auftrat. Als ab 2007 die Serie von Brandanschlägen auf Autos wieder aufflammte, sprachen Kommentatoren aus der linksradikalen Szene von einer „Wiederbelebung der Autonomen Wagensportliga“.

Yok Quetschenpauas Haßgesänge erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit in der linken Szene. Die Göttinger Punkrock-Gruppe FuckFX legte seine pyromanen Amoklauf- Phantasien unter dem Titel „Kudamm burning“ neu auf. In dem Liedtext wird unter anderem davon geschwärmt, das Berliner Kaufhaus KaDeWe anzuzünden.

Die Lust am Zündeln zieht sich quer durch die linke Musikszene. Vom Stück „Feuer und Flamme“ der Punk-Band Atemnot bis zu „Flammen in der Nacht“ der Hip-Hop-Band Anarchist Academy. Als Zielscheibe dienen staatliche Einrichtungen, politische Gegner („Nazis“) und Symbole der Wohlstandsgesellschaft. Atemnot textete im Jahr 2004: „Mit dem Benzinkanister marschieren wir zum Haus des Ministers // Flammen schlagen hoch hinaus, im Nu brennt das ganze Haus. //Weiter geht es zum SEK, Mollis sind ja auch noch da.“

Die Anarchist Academy wollte 1994 sogar ein Verfassungsorgan abfackeln: Nachdem sich die Hip-Hopper über die angeblich ausländerfeindliche deutsche Politik ausgeheult hatten, gelangten sie zu dem Schluß: „Hier kommt meine Antwort: Bundestag, brenn!“ Ein Mitglied der Anarchist Academy, Hannes Loh, arbeitet mittlerweile als Deutsch- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium im nordrhein-westfälischen Pulheim. Er engagiert sich an seiner Schule vorbildlich im Kampf gegen Rechtsextremismus.

Nicht so hoch gesteckt sind die Ziele des Berliner Orchesters Tiefenrausch, das sich der Ska-Musik verschrieben hat. Mit seiner Forderung nach brennenden Barrikaden greift es ein beliebtes Motiv auf: „Ich will keine Konkubine eurer Lügen sein, Barrikaden werden bald vor wilden Flammen schrei’n!“ heißt es in dem Lied „Hausbesetzer“ aus dem Jahr 2000. Die ebenfalls in Berlin beheimatete Nachwuchsband Schrottkopf deutet in einem aktuellen Stück an, daß es nicht bei Bränden auf der Straße bleiben wird: Zu einer schmissigen Melodie intoniert sie in ihrem Lied „Wir können auch anders“: „Wir können noch viel mehr als nur lahme Mollis bauen //Schweine beuten täglich Menschen aus //warum sollt man ihnen dafür nicht mal auf die Fresse hauen?“

Alle erwähnten gewaltverherrlichenden Stücke sind ohne Altersbegrenzung für Heranwachsende zugänglich, strafrechtliche Konsequenzen für die Produzenten sind bislang nicht bekannt.

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