Nach dem Knall

Der ruckelnde Start der schwarz-gelben Koalition endete in der vergangenen Woche mit einem Knall. Was am Wahlabend kaum jemand für möglich gehalten hatte, wurde zur Gewißheit: Der politischen Wunschehe zwischen CDU, CSU und FDP gelang das Kunststück, den holprigen Start des rot-grünen „Projekts“ aus dem Jahr 1998 noch in den Schatten zu stellen. Nach nur 31 Tagen mußte mit Arbeitsminister Franz Josef Jung der erste Minister des zweiten Kabinetts von Angela Merkel seinen Hut nehmen.

Nachdem sich die Schockwellen des schnellsten Ministerrücktritts verlaufen haben, reiben sich die politischen Beobachter in der Hauptstadt verwundert die Augen: Warum nicht gleich so, lautet ein verbreiteter Ausruf nach dem Blick auf die neue Kabinettsliste. Statt eines eher lustlos wirkenden Franz Josef Jung als Arbeitsminister, der das Amt, wie zuvor schon das des Verteidigungsministers, offenbar nur aus Pflichtgefühl gegenüber Roland Koch angetreten hatte, hat mit Ursula von der Leyen ein Star aus der Zeit der Großen Koalition das wichtige Ressort übernommen.

Von der Leyen war mit ihrem Posten als Familienministerin schon geraume Zeit unzufrieden, spätestens seitdem sie die von ihrer Vorgängerin Renate Schmidt (SPD) hinterlassenen rot-grünen Konzepte in der Familienpolitik umgesetzt hatte. Nur zu gerne wäre die Ärztin in das Gesundheitsministerium gewechselt. Nachdem dies in den Koalitionsverhandlungen an der FDP scheiterte, galt die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) als potentiell „amtsmüde“.

Und mit der gerade einmal 32 Jahre alten Bundestagsabgeordneten Kristina Köhler als neuer Familienministerin (siehe auch Seite 3) verfügt nun auch die CDU über einen potentiellen Jungstar, der die Konkurrenten von FDP, Gesundheitsminister Philipp Rösler (36), und CSU, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (37), mit etwas Glück bald ziemlich alt aussehen lassen könnte.

Merkel dürfte mit der nun gefundenen Besetzung ihrer Regierungsmannschaft zufriedener sein, auch mit Blick auf die eigene Partei. Manche in der Union sehen in Ursula von der Leyen bereits nicht nur eine Schlüsselfigur der neuen Regierung, sondern gar für die Zukunft der Union als Volkspartei. Nur wenn es der Union gelinge, ihr früher vom langjährigen Arbeitsminister Norbert Blüm verkörpertes sozialpolitisches Profil wieder zu schärfen, sei ein Abstieg wie der der SPD zu vermeiden. Mit Blick auf die als „neoliberalen Sündenfall“ angesehenen Beschlüsse des Leipziger Parteitages der CDU sind manche Kritiker der Meinung, ein solches Profil müsse komplett neu aufgebaut werden. Der ehrgeizigen neuen Arbeitsministerin, die bereits in Niedersachsen Sozialministerin war, wird dieser Kraftakt zugetraut.

Und noch etwas könnte die Pastorentochter Angela Merkel freuen. Durch den Rücktritt des Katholiken Jung und das Nachrücken der Lutheranerin Köhler ist das Kabinett nun mehrheitlich protestantisch.

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