Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Im antideutschen Geist erzogen

Vor einigen Jahren erschien in der Mefisti Edition in Danzig ein Buch des polnischen Historikers Krysztof Wojciechowski, das – obwohl der Nachname des Autors Historikern, die sich mit der deutsch-polnischen Zeitgeschichte befassen, nicht unbekannt ist (JF 37/08) – zunächst weithin unbeachtet blieb. Das galt auch für die deutsche Ausgabe, die unter dem Titel „Meine lieben Deutschen“ 2002 herauskam. Aber zufällig stolperten kürzlich Leser über ein Kapitel, in dem der Autor unter der Überschrift „Gisela“ eine von ihm hochverehrte, an der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder lehrende, dann zu deren Präsidentin aufgestiegene Professorin skizzierte. Bei der Lektüre erkennt man schnell, daß „Gisela“ der nur leicht verschleierte Name einer Frau ist, die sich jetzt allgemeiner Aufmerksamkeit sicher sein kann, da sie dazu ansetzt, das höchste Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland zu erobern, und sei es mit Hilfe der SED-Nachfolgepartei Linkspartei. Wojciechowski plaudert aus dem Nähkästchen und macht aus seiner Zuneigung zu der damaligen Professorin keinen Hehl, zumal sie „auf überaus undeutsche Weise spontan“ sei. Sie küßt nämlich zur Begrüßung alle, und zum Abschied ebenso. „In der Zwischenzeit nimmt sie einen an der Hand, legt einem die Hand auf die Schulter, streichelt die Wangen. Außerdem blitzt sie vor Unvollkommenheit. Sie begeht Fehler, vergißt wichtige Dinge, begrüßt nicht, wen sie begrüßen müßte, trägt Röcke, die für ihr Alter von rekordverdächtiger Kürze sind. Spätestens jetzt weiß jeder, wer gemeint ist.“ Bislang ist das alles höchstens amüsant, auch wenn mitgeteilt wird, sie lache meistens über sich selbst, doch läßt solches Verhalten allenfalls auf Überspanntheit schließen. Der polnische Autor fragt, woher wohl diese Unvollkommenheit rühre. Er gibt selbst die Antwort: „Natürlich aus Polen.“ Die Familie stamme aus Lublinitz in Oberschlesien, das nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. Die Familie wurde damals vertrieben, doch nahm sie das offenbar den Polen nicht krumm – anders als so manche Oberschlesier, die nach 1945 verjagt wurden und daher Polen in weniger freundlicher Erinnerung behielten. „Gisela“ wohnte dann mit ihren Eltern in Berlin „in einer schönen Villa in einem exklusiven Stadtteil“. Vater wie Mutter wünschten nichts sehnlicher, als daß Deutschland den Krieg verlieren möge. Daher verfolgten sie die britischen Luftangriffe auf deutsche Städte offensichtlich mit Sympathie. Blieben in einer Nacht einmal die Bomber aus, dann fragten die Eltern scherzhaft: „Gab es heute schon einen britischen Luftangriff? Nein? Mein Gott! Hoffentlich ist ihnen nichts passiert.“ So bekam „Gisela“ von zu Hause „eine große Distanz zum Deutschtum“. Der Autor stellte „Gisela“ die Frage, was an ihr eigentlich deutsch sei. „Sie gab mir eine außergewöhnliche Antwort: ‘Ich wurde in einem antideutschen Geist erzogen.’“ Dennoch zog alles Deutsche sie an und stieß sie ab, „und am stärksten zog es dort an, wo es am abstoßendsten war. Patriotismus verstand sie als Verantwortungsgefühl für Auschwitz.“ So der polnische Biograph Gesine Schwans, die am 23. Mai für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert.

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