Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Freiheitskampf und Fanatismus

Man hätte sie hören können – die vielzitierte Stecknadel, wenn sie zu Boden gefallen wäre. Die Burschenschaft Normannia-Nibelungen hatte am Wochenende in Bielefeld zu einer „Ideenwerkstatt“ geladen, die sich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Terrorismus („Freiheitskampf, Fanatismus oder staatlich gelenkte Gewalt?“) beschäftigte.

Prominentester Referent der Veranstaltung war der Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, Michael Buback. Er erzählt von seinem Vater – davon, wie er ihn erlebt hatte: daß er immer unterwegs gewesen sei, es daher nie zu einer tiefergehenden Vater-Sohn-Beziehung gekommen war. Er kommt auf das Attentat zu sprechen, den Mord. Es war der 7. April 1977. Stille im Saal. Der 64 Jahre alte Professor für technische und makromolekulare Chemie spricht vom Vertrauen, daß er einst in die Ermittlungsbehörden setzte. Und er erzählt, wie das Vertrauen zerbrach. Das war im Frühjahr 2007, 30 Jahre nach dem Mord. Damals verdichteten sich die Hinweise, daß jemand anders die tödlichen Schüsse auf den Generalstaatsanwalt abfeuerte als die dafür Verurteilten Günter Sonnenberg, Christian Klar und Knut Folkerts. Zeugen hatten nach der Tat von einer kleinen, zierlichen Person gesprochen, die am Tag des Anschlags auf dem Motorrad mitgefahren war, von dem die Schüsse abgefeuert wurden.

Von den neu gewonnenen Erkenntnissen sei er „erschüttert“ gewesen, gesteht Buback. Heute ist er „zu 99 Prozent“ sicher: Die Mörderin seines Vaters heißt Verena Becker. Sie sei als Agentin des Verfassungsschutzes von den Behörden gedeckt worden. Hatten gar Geheimdienste ihre Finger am Abzug, als der Generalstaatsanwalt im Kugelhagel starb? Buback ist kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber: „Mein Vater hatte in seinem Amt viel mit Landesverrat und Spionagefällen zu tun.“ Schon als Kind sei es zwecklos gewesen, ihn anzuschwindeln. „Er hat immer alles rausgefunden. Es gab viele, die ihn fürchteten.“

Elias Davidsson, der eine andere Facette des Terrorismus beleuchtete, hat mit Verschwörungen weniger Probleme. Der 68 Jahre alte Sohn jüdischer Flüchtlinge spricht auf der Veranstaltung über die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York. Sie seien das Machwerk amerikanischer Nachrichtendienste. Die Erklärungen der amerikanischen Regierung zu den Anschlägen hält er für „Lügen“, die Terroristen seien nicht die Islamisten, sondern die Amerikaner, die nach dem Ende des Kalten Kriegs mit dem Islam ein neues Feindbild konstruieren. Die islamischen Staaten hingegen verteidigten sich nur. Zudem seien die Anschläge erfolgt, um in den USA einen Überwachungsstaat zu errichten. Beweise für seine Thesen habe er nicht. Spätestens mit seiner Behauptung, es habe islamistische Anschläge nie gegeben, droht er die Bodenhaftung zu verlieren. Dann hebt er ab. Er nennt Israel einen Nazi-Staat. Unmutsbekundungen bei den Verbindungsstudenten, die jedoch in noch höhere verschwörungstheoretische Sphären entführt werden sollten, als Odfried Hepp das Wort ergreift, ehemaliger Neonazi und einst einer der meistgesuchten Terroristen der Welt.

Der heute 51jährige wechselte vom braunen zum roten Sozialismus. Er, der Anschläge auf in Deutschland stationierte amerikanische Soldaten verübte, bezeichnet sich selbst als Humanisten. 1982 wird er Informant der Stasi,  später schloß er sich der palästinensischen Terrororganisation PLF an. In seiner Rede verherrlicht er den Kommunismus. Der habe im Gegensatz zum Westen nur dem Frieden gedient, behauptet er und präsentiert den Zuhörern einen explosiven Verschwörungscocktail.

Völlig losgelöst von der Erde  schwebt er in seinem polit-extremistischen Raumschiff einer Wahrnehmung historischer Ereignisse entgegen, bei der ihm seine Zuhörer nicht mehr folgen können. Dennoch bekommt auch Hepp seinen Applaus, höflich statt aus Überzeugung. Den Rücksturz zur Erde leiten der ehemalige Konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl und der Islamwissenschaftler Rainer Glagow ein, die zusammen mit Buback der Veranstaltung ihre Bodenhaftung wiedergeben. Beide widersprechen Hepp und Davidsson energisch. „Diente die Terrorausbildung im Libanon etwa auch dem Frieden?“ fragt Röhl, während Glagow vor der Einführung der Scharia in Deutschland warnt. „Es gibt bereits Politiker, die dies ernsthaft fordern“, meint Glagow.

„Daß bei der Ideenwerkstatt auch extreme Meinungen aufeinanderprallen, war von uns so gewollt“, sagte einer der Organisatoren nach dem Ende der Veranstaltung. Die Verbindungsstudenten wollen damit zum Ausdruck bringen, daß es bei der Bewertung gewalt­orientierter politischer Akte stets auf den Standpunkt ankommt. Was Unterdrückte als legitimen Freiheitskampf ansehen, werde von den Herrschenden als Terrorismus bezeichnet.

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