Der Vorhang zu und alle Fragen offen

Nun sind sie beerdigt, aber geklärt ist im Grunde wenig. Die sterblichen Überreste von offiziell 2.116 Personen, die von Oktober 2008 bis April 2009 in einem riesigen Massengrab im westpreußischen Marienburg (Malbork) gefunden wurden, sind vorigen Freitag während einer Trauerfeier auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Glien (Glinna) südlich von Stettin zur letzten Ruhe gebettet worden. Wie bei ihrer Bergung schon waren auch bei ihrer Beerdigung wieder Bagger beteiligt: Diese schoben noch am selben Nachmittag Erde über die 109 schlichten und mit weißen Nelken geschmückten Holzsärge, die in der Grabesgrube dicht an dicht in vier Reihen aufgestellt worden waren. Ein gesondertes Grabfeld für Ziviltote auf dem weitläufigen, erst 2006 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) zusammen mit seiner polnischen Partnerorganisation eingeweihten Soldatenfriedhof war für sie ausgewiesen worden.

Katholische und evangelische Geistliche aus Deutschland und Polen, darunter der emeritierte Vertriebenenbischof Gerhard Pieschl aus Limburg, gestalteten würdig und feierlich ein kirchliches Begräbnis, das den Toten bei ihrer ersten Beerdigung unter fürchterlichen Umständen versagt geblieben war.

Etwa 300 Trauergäste waren gekommen – viele ehemalige Marienburger und Ostvertriebene, alte und junge Angehörige der deutschen Minderheit in Stettin und Danzig und Vertreter der Landsmannschaft Westpreußen erwiesen den Toten, deren Namen man nicht kennt, die letzte Ehre. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (CDU), die erst kurz zuvor Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zur Teilnahme an der Beerdigung aufgefordert hatte („Sind deutsche Opfer unwichtige Opfer?“), glänzte aber selbst durch Abwesenheit. Den BdV vertrat dessen Generalsekretärin Michaela Hriberski. Der Präsident des Volksbundes, Reinhard Führer, rekapitulierte in einer kurzen Ansprache die Entwicklung, die zu der Beerdigung weit weg von Marienburg geführt hatte. „Gerne hätten wir die Toten in der Nähe des Fundorts begraben, doch eine entsprechende Fläche stand uns nach objektiven Kriterien nicht zur Verfügung.“

Freilich hatte der Volksbund der Stadt Marienburg aber auch jeden Anreiz genommen, diese „objektiven Kriterien“ etwas zu subjektivieren, indem er frühzeitig seine sofort nutzbaren freien Bestattungskapazitäten in die Waagschale warf: Bereits am 8. Dezember unterbreitete er bei einer Unterredung mit der Stadtverwaltung den Vorschlag, die Gebeine zu übernehmen und 2009 auf seinem Friedhof bei Stettin endgültig zu begraben. Waren damals die Würfel schon gefallen? Und wer wollte bestreiten, daß es auch um Ökonomie geht – „wir können nicht überall dort, wo wir Tote finden, einen Friedhof bauen“, hatte Volksbund-Mitarbeiter Hartmut Mehnert zu anderer Zeit gesagt. „Wenn man zumindest Angehörige kennen würde, wäre das etwas anderes.“ Aber überlebende Angehörige ließen sich nicht finden, keines der Skelette wurde identifiziert.

Und mit diesem Punkt hängt der ganze Unmut unter heimatvertriebenen Marienburgern zusammen. Der Vorsitzende des Heimatkreises Marienburg, Bodo Rückert, nahm zwar stellvertretend für die organisierten Alt-Marienburger an der Beisetzung teil – „aus Mitgefühl mit den Opfern“, wie er gegenüber der JUNGEN FREIHEIT sagte. Doch auf dem 33. Bundestreffen des Heimatkreises Ende Juli in Magdeburg hätten viele Mitglieder der Befürchtung Ausdruck gegeben, ihre Teilnahme könnte als „stillschweigendes Einverständnis mit denen ausgelegt werden, die für die Wahrheitsvermeidung eintreten“.

„Das IPN ist das Negative an der Sache“, ist Rückert überzeugt. Wie berichtet, hatte die Kommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk (KŚZpNP), eine Unterabteilung des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) in Danzig, im Januar die Ermittlungen übernommen, obwohl niemand ernsthaft bezweifeln konnte, daß es sich um tote Deutsche handelt. „Ich habe denen Zeugenaussagen zugemailt. Doch die wollten einen Schlußstrich ziehen“, glaubt Rückert.

Deutlicher wird sein Heimatkreis-Kollege Hans Joachim Borchert: „Wir glauben, daß uns nicht die Wahrheit gesagt wird und man uns an der Nase herumführt“, sagte er der JF. Erforderliche Untersuchungen würden offenbar bewußt unterlassen, damit die Wahrheit im dunkeln bliebe. Die Kritik zielt auf das beauftragte Gutachten. „Das war keine gerichtsmedizinische Untersuchung. Man hat die Knochen in Augenschein genommen, sortiert und gezählt, das war’s.“ Borchert kritisiert, daß die Frage nach der Herkunft der Opfer und das Alter der Knochen, mithin der Todeszeitpunkt, nicht Gegenstand der Untersuchung war.

Auch die „merkwürdige Reduzierung der Opferzahlen“ macht ihn sehr mißtrauisch: Bis Mitte April war stets von 2.400 bis 2.500 Skeletten die Rede. Das Gutachten ermittelte jedoch eine Zahl von 2.116. „Wo sind die restlichen?“ Als Todesursache kommen laut Gutachten „keine direkten Kriegshandlungen“ in Frage, sondern „höchstwahrscheinlich mehrere Faktoren: Krankheiten, Hunger, Kälte“. Trotzdem wird ohne Begründung angenommen, daß die Toten zwischen Januar und März 1945, das heißt während der Eroberung Marienburgs durch die Rote Armee, umgekommen sein sollen. Nur wenige Gebeine und Knochenteile wiesen Merkmale eines gewaltsamen Todes durch Waffeneinsatz oder infolge von Kampfhandlungen auf.

Ohnehin ist für Borchert die Zuständigkeit des Volksbundes nach dem Kriegsgräberabkommen fragwürdig. Es gebe keinen Beweis, nicht einmal ein Indiz, daß die Toten von Marienburg Kriegstote sind. „Sie können auch nach dem Zweiten Weltkrieg Opfer von Verbrechen geworden sein. Das wird aber nicht untersucht.“ Die Skelette hatte man vollständig nackt bei Bauarbeiten einen Steinwurf weit von der berühmten Deutschordensburg aufgefunden. Borchert weiß von Berichten über polnische Banden, die in der zweiten Jahreshälfte 1945 in Marienburg ihr Unwesen trieben – so schlimm, daß Neusiedler um die Stadt einen Bogen machten. Ungeklärt ist auch ein Geschehen geblieben, das der damals fünfzehnjährige Max Domming im November 1945 am Bahnhof Marienburg beobachtet hatte. 200 bis 300 Personen, darunter Frauen und Kinder, sollen von polnischer Miliz mit brutalem Knüppeleinsatz durch das Empfangsgebäude in Richtung Zentrum getrieben worden sein.

Doch eine möglicherweise polnische Täterschaft war gänzlich inopportun. Und die Spurensicherung am Fundort spottete von Anfang an jeder Beschreibung. Wie berichtet, war der überwiegende Teil der Knochen mit Schaufelbaggern aus der Erde gerissen worden. Im Gutachten las sich das so: „Ein ziemlich großer Teil der Schädel“ sei „zerstückelt, was deren Geschlechts- und Altersklassifikation ausschließt“. Von der JF darauf angesprochen, wiegelte der beteiligte Archäologe Zbigniew Sawicki ab: „Im November sind wir so vorgegangen, später nicht mehr.“ Fotos belegen jedoch glasklar den Einsatz von schwerem Gerät noch Ende März.

Von all den offenen Fragen war während der Beerdigung naturgemäß keine Rede. Der deutsche Botschafter in Polen, Michael Gerdts, gab in seiner Ansprache den Ton vor, indem er aus der zwischenstaatlichen „Danziger Erklärung“ von 2003 zitierte: „Daß Erinnerung und Trauer nicht mißbraucht werden, um Europa erneut zu spalten.“

Weitere Informationen und Bilder unter www.jungefreiheit.de/Marienburg.645.0.html

Stichwort: Marienburger Massengrab   

Am 28. Oktober 2008 stießen Bauarbeiter bei Abrißarbeiten für einen Hotelneubau in Marienburg (Malbork/ehemals Westpreußen, JF 52/08) auf Menschenknochen. Bis April 2009 wurden weit über 2.100 Skelette geborgen. Lange war Typhus als Todesursache im Gespräch, aber auch die Täterschaft sowjetischer Soldaten oder polnischer Milizen wurde von verschiedenen Seiten erwogen. Das polnische Institut für Nationales Gedenken ermittelte, doch bewiesen wurde nichts. Der Wunsch vieler ehemaliger und heutiger Ma­rienburger nach einer Beerdigung in der Stadt erfüllte sich nicht.

Fotos: Katholische und evangelische Geistliche aus Deutschland und Polen beim letzten Gruß am Grab: Erinnerung und Trauer mißbraucht?; Informationstafel am Grab: Zu „Kriegsopfern“ erklärt

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