Der Maharadscha hat gute Laune

Leichtfüßig schlendert er durch den Saal des Maharadscha-Palastes. Ein zufriedenes Lächeln umspielt sein Gesicht. Nicht ohne Grund. Denn es gibt Phasen im Leben eines Politikers, da läuft einfach alles wie geschmiert. Guido Westerwelle befindet sich derzeit in so einer Phase. Seine FDP befindet sich in einem historischen Stimmungshoch, liegt laut Umfragen derzeit zwischen 13 und 15 Prozent, sollte am kommenden Sonntag der Bundestag gewählt werden. Immer wieder schüttelt er Hände. Die von Hans-Dietrich Genscher, mit dem er dieser Tage des öfteren verglichen wird. Die von Otto Graf Lambsdorff, dem Grandseigneur der Liberalen, dem „Marktgrafen“, wie ihn Westerwelle einen Tag später nennen wird. Es ist ein harmonisches Bild, das die drei Polit-Größen präsentieren. Gespielt ist da wenig, die Freude ist echt. Und Westerwelle wäre nicht Westerwelle, wenn er nicht eine Prise Spaß in das Umfeld des 60. Bundesparteitags der FDP in Hannover hineingebracht hätte.

Er hat sie alle in den Zoo der niedersächsischen Landeshauptstadt geladen, Parteifunktionäre, Medienvertreter. Die großen Tiere der Politik werden zum Auftakt am Donnerstag vergangener Woche  in einer Fahrradrikscha vom Zooeingang abgeholt und in den prunkvollen Maharadscha-Palast chauffiert. Hier, zwischen den Gehegen rosaroter Flamingos und dem Spaßvogel Strauß ist Westerwelle in seinem Element. Es ist die Leichtigkeit einer Opposition, die ihm und der FDP Auftrieb verleiht. Keine Regierungslast tragen zu müssen in Zeiten einer globalen Weltwirtschaftskrise.

Man tagt gediegen, bestaunt im Innenhof des Palastes die großen Tiere der Natur, die Elefanten. Man hält Smalltalk bei Sekt, Cocktails und reichhaltigem Buffet, während Enten im benachbarten Teich vor sich hin schnattern. Orangen, Bananen und Weintrauben stehen für die Polit-Prominenz bereit. Süßeste Früchte für große Tiere.

In indische Gewänder gekleidete Kellner servieren Aperitifs, Frauen mit farbenfrohen Schleiern tanzen zu exotischer subkontinentaler Musik. Dazu hüllt Kerzenlicht die Szenerie in eine idyllische Atmosphäre.

„Kann das sein, daß ich Sie schon mal im Fernsehen gesehen habe?“ fragt eine junge Dame vom Catering-Team eines der großen Tiere unschuldig. Es ist Guido Westerwelle,  der sich gerade ein paar Häppchen vom Buffet nimmt. „Kann sein“, entgegnet der FDP-Chef nachsehend, während ein mildes Lächeln seine Lippen umspielt. Er mag die Omnipräsenz, das Schwimmen auf der Welle des Erfolgs. Er genießt es. Nie saß Westerwelle im Amt des obersten Liberalen fester im Sattel.

Auf die Frage der JUNGEN FREIHEIT, mit was für einem Wahlergebnis er für sich auf dem Parteitag rechne, überlegt er dennoch auffällig lange. „Ich denke, es werden so zwischen 80 und 90 Prozent“, entgegnet er schließlich. Es sollten 95,8 werden. Ein Traumergebnis. Sein mit Abstand bestes Resultat. Zu verdanken hat er es nicht nur den positiven Meinungsumfragen.  Eine äußerst kämpferisch gehaltene Rede ist es, mit der er einen Tag später die 600 Delegierten in der Messehalle von Hannover  in Begeisterung versetzt.

Gewiß: Den Spruch, daß nicht Steueroasen das Problem seien, sondern vielmehr die Wüste drum herum, hat der 47jährige nicht zum ersten Mal zum besten gegeben. Doch überraschend ist für viele Liberale nicht was Westerwelle sagt, sondern vielmehr wie er es sagt. Entschlossenheit schwingt in seinen Worten mit. Überzeugung ebenso wie Kampfgeist.

„Ich erwarte von einer Kanzlerin, daß sie zunächst einmal deutsche Interessen wahrnimmt“, ist von ihm plötzlich vor staunenden Delegierten zu vernehmen, als er Steinbrücks Verbalangriffe auf die Steuerpolitik befreundeter Nachbarländer wie Österreich, Luxemburg und der Schweiz thematisiert und dabei Angela Merkel für ihre widerspruchslose Hinnahme der ausgelösten Spannungen durch den SPD-Finanzminister kritisiert.

Die Union fängt sich von ihrem potentiellen Koalitionspartner noch weitere Seitenhiebe ein. Die FDP laufe keinem Rockschoß hinterher, feuert der gelernte Rechtsanwalt eine weitere Breitseite in Richtung Kanzlerin. Die nächste Salve zielt auf die CSU. Einen Marktgrafen habe die FDP, sagt Westerwelle mit Blick auf Graf Lambsdorff. Der sei besser als ein Staatsbaron, setzt er eine Spitze auf Wirtschaftsminister zu Guttenberg, um zu verdeutlichen, daß die Freidemokraten derzeit die einzigen seien, die auf Marktwirtschaft setzten.

Daß Deutschland das Gegenteil drohen könnte, beschreibt Westerwelle so: „Wenn es im Bundestag eine linke Mehrheit gibt, dann gibt es auch eine linke Regierung. Laßt euch nicht hinter die Fichte führen, Ypsilanti läßt grüßen.“ Eine Ampelkoalition will Westerwelle angesichts des Linksrucks in der Union nicht mehr ausschließen. Worte, die in Wahlkampfzeiten jedoch mit Vorsicht zu genießen sind. Weil sie zumeist nicht mehr sind, als das Geschnatter der Enten im Teich des Maharadscha-Palastes. „Natürlich bleibt der Wunschpartner die Union“, verrät ein Delegierter gegenüber der JF. Es gehe darum, sich für spätere Koalitionsverhandlungen in Stellung zu bringen, sich möglichst teuer zu verkaufen, möglichst viele der eigenen Positionen durchzusetzen.

Schließlich ist eine Regierungsbeteiligung der FDP wahrscheinlich, sollte sie das derzeitige Stimmungshoch bis zur Bundestagswahl beibehalten können. Dann dürfte es vorbei sein mit der Leichtigkeit. Die Last der Regierungsverantwortung dürfte auch ihr zu schaffen machen. Prunkvolle Abende mit reichhaltigem Buffet im Maharadscha-Palast könnten sich dann zum Bumerang entwickeln, sollte sich die Schieflage des Sozialstaats weiter verschärfen. Und könnten dazu führen, daß es nicht die Elefanten sind, denen der Vorwurf gemacht wird, daß die süßesten Früchte nur die großen Tiere fressen.

Foto:  Westerwelle (Mitte) mit seinem Lebensgefährten Mronz (r.) und Genscher (l.): Süße Früchte

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