Neue Helden braucht das Land

Ein deutliches Merkmal für den bewußten Bruch der Bundesrepublik mit historischen Traditionen war die Vermeidung alles dessen, was mit Heldentum und Heldenverehrung auch nur entfernt in Verbindung stehen könnte. Erst in den vergangenen Jahren wird der Begriff des Helden wieder häufiger in öffentlichen Debatten gebraucht. „Helden — verehrt — verkannt — vergessen“ lautet das Motto des aktuellen Geschichtswettbewerbs unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. Dabei geht es neben dem „Hinterfragen historischer Heldenfiguren“ auch um die Suche nach Menschen, „deren vorbildliches Handeln bislang nicht im Scheinwerferlicht der Geschichte steht“. Auch die geplante Gedenkstätte für die getöteten deutschen Soldaten weist in diese Richtung (siehe die Meldung auf dieser Seite).  In der vergangenen Woche griff der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge diese Problemstellungen auf einem Kolloquium in der Berliner Jerusalemkirche unter dem Motto „Darf der Rote Baron wieder Held sein?“ auf und ging  der Frage nach zeitgemäßen Formen öffentlichen Gedenkens nach. Der an der Universität der Bundeswehr in München lehrende Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Michael Wolffsohn hob dabei die Bedeutung der klassischen Heldenverehrung hervor. Grundsätzlich seien diese Kulte von den politischen Intentionen der jeweiligen Zeit nicht zu trennen. In der Geschichte wurden Regenten und Bürger, die herausragende Leistungen vollbracht hatten, durch ihre Taten noch längst nicht zu „Helden“. Vielmehr war dafür wichtig, daß Herrscher und Regierungen ein aktuelles Interesse daran hatten, über die Verleihung des Heldenstatus ein „politisch-strategisches Signal für die Gegenwart“ zu setzen. Eine wesentliche Folge dieses politisch-strategischen Primats bei der Heldenverehrung sei, daß unter veränderten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen den Helden der Vergangenheit diese Erhöhung schnell wieder abgesprochen werde, sagte Wolffsohn. Dann wurden viele ihnen geweihte Denkmäler gestürzt oder dem stillen Vergessen überlassen. Gleichzeitig traten an die Stelle der alten, überkommenen Helden neue Helden, denen ebenfalls wieder — erneut unter politischen Intentionen — Denkmäler gesetzt wurden. Erst nach 1945 kam es in Deutschland zu einem grundsätzlichen Bruch mit dieser Praxis. Jeglicher traditionellen Form einer Heldenverehrung war die Basis auf lange Zeit entzogen. Heute sei die Bundesrepublik als Teil der internationalen Wertegemeinschaft jedoch über diesen Status hinausgewachsen. Auch Deutsche „dürfen wieder Helden sein“, wenn die Ehrung nicht den politischen und ethischen Grundsätzen der Gegenwart widerspreche, so Wolffsohn. Dabei habe „jedes Volk das Recht auf ein eigenes Gedenken“. Freilich bedeute dies in einer pluralistischen Gesellschaft nicht, daß die derart Geehrten nicht auch in Frage gestellt werden könnten. Dagegen warnte der Potsdamer Historiker Wolfgang Wippermann eindringlich vor jeglicher Wiederbelebung des Heldenkultes. Unter wiederholtem Gebrauch des Zitates von Heinrich Heine „Bewahrt uns vor Helden und Heldentaten!“ verwies Wippermann darauf, daß Helden in der Geschichte im Regelfall immer unmittelbar mit Kriegsereignissen in Verbindung standen. Sie dienten zur Huldigung militärischer Traditionen und stellten somit ebenso einen Vorgriff auf künftige Schlachten dar. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei zunächst noch lokal versucht worden, die gefallenen Wehrmachtsangehörigen pauschal als Helden zu stilisieren. Nicht-kriegerische Helden seien dagegen nur „Derivathelden“ gewesen wie etwa die „Helden der Arbeit“ in der DDR. Schon daher müsse man jedem Versuch, erneut an Heldentum anzuknüpfen, eine klare Absage erteilen. Die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, verwies dagegen darauf,  daß die heutige Heldendiskussion immer noch „zu sehr in der jüngeren Vergangenheit befangen sei“. Dabei werde weitgehend übersehen, daß schon in den klassischen Märchen und Sagen die Taten der Helden „immer etwas Gutes“ verkörperten. Die Vorbildfunktion des Helden sei gerade in einer Zeit wichtig, in der es vielen Heranwachsenden an Orientierungspunkten mangele, so Steinbach. Jenseits jeglicher akademischer Diskussion war der Beitrag von Boris Schmude. Der in Afghanistan durch ein Selbstmordattentat schwer verletzte Berufssoldat machte deutlich, daß er sich nicht als Held fühle. Er wünsche sich keinen Vereinnahmung von Verwundungen und Tod für politische Zwecke. Wünschenswert sei dagegen, wenn sein eigenes Schicksal und dies seiner getöteten Kameraden Anlaß biete, die Arbeit der Bundeswehr stärker als bislang zu würdigen und sie „nicht an den Rand der Gesellschaft zu drängen“, wie dies „heute oft geschieht“. Die Medien sollten objektiver und differenzierter über die Arbeit der Bundeswehr in Krisengebieten berichten. Und die Parlamentarier, die letztlich die Entscheidung über den Einsatz treffen, müßten sich stärker als bislang zu ihren Entscheidungen bekennen, forderte Schmude. Anknüpfend an Wolffsohn und Wippermann hob der Vorsitzende des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Reinhard Führer, hervor, daß er ebenfalls „Probleme mit der Wiederbelebung von einer klassischen Heldenverehrung“ hätte. Durch Schmudes Bekenntnis: „Ich fühle mich nicht als Held!“, sei auch deutlich geworden, daß der „Heldentod“ heute kein vermittelbares Ideal sei.  Dennoch sei es wichtig, daß herausragende Dienste für die demokratische Gesellschaft in Zukunft stärker herausgehoben und geehrt würden. Ob man die Ausgezeichneten individuell als „Helden“, oder vielmehr weit bescheidener als Vor- und Leitbilder betrachte, sei letztlich unerheblich. Auch „Helden des Alltags“ seien schließlich keineswegs unterhinterfragbar, sondern regten lediglich zur Auseinandersetzung an, sagte Führer. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, tadelte den Umstand, daß über das geplante Denkmal für die getöteten Soldaten der Bundeswehr in Deutschland „keine nationale Debatte“ stattfinde. Statt dessen werde das Thema aus der Öffentlichkeit weitestgehend „verbannt“. Wenn ein solcher Gedenkort jedoch errichtet würde, sei es wichtig, daß dieser nicht nur als eine Initiative des Bundesverteidigungsministeriums betrachtet werde, sondern als Zeichen der Mehrheit des deutschen Volkes. Doch man habe den Eindruck, daß viele Politiker dies nicht wollten, sagte Kujat. Das wichtige politische Bekenntnis zur eigenen Armee werde gescheut. Foto: Entwurf für das geplante Bundeswehr-Ehrenmal: Bekenntnis zur eigenen Armee gefordert

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