Die Saudis sollen es richten

Nach sieben Jahren Krieg in Afghanistan steuern die USA und die Nato dort auf einen point of no return, einen Umkehrgrenzpunkt zu. US-Präsident George W. Bush und die beiden Kandidaten, die seine Nachfolge antreten wollen, fordern zwar lautstark, in dieser Wendezeit noch mehr Soldaten, Kampfhubschrauber und Drohnen in das Land am Hindukusch zu schicken. Doch immer mehr Militärs vor Ort, Politiker und Experten halten den militärischen Einsatz inzwischen für kontraproduktiv: Statt klein beizugeben, werden die Kampfverbände der islamistischen Taliban und anderer aufständischer Gruppen — auch wenn sie höhere Verluste erleiden — immer stärker. Inzwischen kontrollieren sie wieder die Hälfte des Landes. „Gewinnen werden wir diesen Krieg nicht“ Wie wohl kein Zweiter steht Kanadas wahlkämpfender Premier Stephen Harper, der lange zu den lautesten Verfechtern einer Durchhaltestrategie gehört hatte, für ein Umdenken. „Wir und die Nato, wir können nicht auf ewig in Afghanistan bleiben“, sagte er in der letzten Septemberwoche. Allerspätestens 2011, so der Konservative Harper, werden die kanadischen Soldaten wieder zu Hause sein. Der Kommandeur des britischen Expeditionskorps in Afghanistan, General Mark Carleton-Smith, wurde noch deutlicher: „Unsere Strategie ist zum Scheitern verdammt“, erklärte der britische Militärführer in der Sunday Times. „Gewinnen werden wir diesen Krieg nicht. Allenfalls können wir das Niveau des Konflikts so weit reduzieren, daß die Afghanen die Dinge selber in die Hand nehmen und in eigener Regie damit klarkommen.“ Damit haben „die Afghanen“ (die in Wahrheit aus verschiedenen Völkern und Stämmen bestehen) inzwischen offenbar begonnen: Fast zeitgleich mit den zitierten kanadisch-britischen Äußerungen wurden Gerüchte laut, der afghanische Präsident Hamid Karsai habe das saudi-arabische Königshaus darum gebeten, Friedensverhandlungen mit gesprächswilligen Taliban zu sondieren. Als der US-Sender CNN vor zwei Wochen einen Kurzbericht sendete, aus dem hervorging, der saudische König Abdullah habe als Gastgeber des traditionellen Iftar-Essens in Mekka persönlich Gespräche moderiert zwischen „hochrangigen Regierungsvertretern aus Kabul und einflußreichen Talibanführern, die die Kontakte zu al-Qaida-Gruppen beenden wollen“, ruderte Karsai eilig zurück. Er befürchtet, vorzeitige Meldungen über diese Geheimkontakte könnten seine ohnehin schwache Stellung in Kabul noch weiter gefährden. Kann, so ließ Karsai unschuldig erklären, ein Zusammentreffen im Rahmen der Iftar, jenes Festmahls, das den Fastenmonat Ramadan beendet, als Friedenskonferenz bezeichnet werden? Die bekanntgewordenen Fakten geben eine Antwort auf diese Frage: Saudi-Arabien ist die einflußreiche Führungsmacht der sunnitischen Welt und war einer der kleinen Handvoll Staaten, die das Taliban-Regime in Afghanistan offiziell anerkannt hatten. Das saudische Königshaus gilt bei den Sunniten weltweit als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina. Eine höhere Instanz, die zerstrittene Sunniten wieder zusammenführen könnte, ist nicht vorstellbar. König Abdullah, der Gastgeber des Iftar-Essens, brachte die Gesprächsteilnehmer persönlich zusammen: Repräsentanten der Taliban, Spitzenbeamte der Kabuler Regierung und überdies den Vertreter des mächtigen Mudschaheddin-Führers Gulbuddin Hekmatyar. „Zufällig“ hielt sich auch der afghanische Generalstabschef, General Bismillah Khan, zur selben Zeit in Mekka auf. Wie man aus gut unterrichteten Kreisen hört, schwebt über allem der legendäre Neffe des Königs und langjährige Geheimdienstchef Prinz Turki al-Faisal, ein alter Afghanistan-Kenner, dessen enge Kontakte zu den Taliban bereits aus den Jahren vor dem amerikanischen Angriff auf Afghanistan rühren. 1998 hatte er den Taliban-Chef Mullah Omar vergeblich dazu bringen wollen, Osama bin Laden, nach Saudi-Arabien auszuweisen. Zehn Jahre vorher war es Turki gewesen, der Bin Laden selbst ausgewählt und beauftragt hatte, eine Legion zum Kampf gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans aufzubauen. Doppelspiel im Weißen Haus? Von internationalen Beobachtern werden den saudischen Friedensbemühungen, hinter denen natürlich auch handfeste Eigeninteressen der ölreichen Königsdiktatur stehen, eine Menge Erfolgschancen eingeräumt. „Die saudi-arabischen Aktivitäten könnten sogar“, vermutet etwa der indische Spitzendiplomat M. K. Bhadrakumar im angesehenen Middle East Journal, „zu einem verzweifelten Spiel des Weißen Hauses gehören. Wenn Turki auch nur einen kleinen Erfolg hat, könnte sich das in einem Nachlassen der Attacken der Taliban auf die westlichen Truppen führen. Und das könnte denen, die es glauben wollen, vorspiegeln, daß Washington endlich Erfolg hat in Afghanistan und daß es seine Truppen ohne allzu großen Gesichtsverlust abziehen kann.“

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