Die Rassenkarte gezogen

Früher oder später mußte es dazu kommen. John McCain und Sarah Palin fallen in den Umfragen zurück, und ihre Wahlkampfstrategen wissen, daß Barack Obamas Hautfarbe ihre letzte Hoffnung sein könnte, noch unentschiedene weiße Wähler zu beeinflussen. Bei ihren jüngsten Wahlkampfauftritten bediente das republikanische Zweiergespann alle Erwartungen ihrer zornigen Klientel, sie heizten das Publikum derart auf, daß sich ein Kommentator an die Weimarer Republik erinnert wähnte. Im beschaulichen Lakeville/Minnesota schimpften einige Bürger unflätig auf Obama: „Terrorist“, „Verräter“, sogar „Kopf ab“ riefen sie, so daß McCain schließlich einschreiten mußte. Es ist nicht das erste Mal, daß im öffentlichen Leben der USA die Rassenkarte gespielt wird. Robert Shapiro, einer der Anwälte des schwarzen Football-Stars O. J. Simpsons, sagte der TV-Journalistin Barbara Walters nach dem „Prozeß des Jahrhunderts“: „Wir haben die Rassenkarte von ganz unten aus dem Stapel gezogen.“ Im Juli warfen McCains und Obamas Lager einander vor, mit ebendieser trumpfen zu wollen. „Sie werden versuchen, euch Angst vor mir einzujagen, von wegen: Er sieht nicht aus wie all die anderen Präsidenten auf den Dollarscheinen“, so Obama damals. Wird der Rassenfaktor die Wahl entscheiden? Eine Schlüsselfrage ist, ob Meinungsumfragen seine tatsächliche Bedeutung adäquat widerspiegeln können. 1982 verlor der afro-amerikanische Ex-Bürgermeister von Los Angeles, Tom Bradley, das Rennen um den Posten des kalifornischen Gouverneurs, obwohl er in den Umfragen vorne lag. Seither beschreibt der „Bradley-Effekt“ in Fällen, bei denen die Rasse der Kandidaten eine Rolle spielt, den Unterschied zwischen dem, was Wähler im Vorfeld behaupten, und ihrem tatsächlichen Verhalten beim Urnengang. Auch in den Fällen Jesse Jackson, David Dinkins oder L. Douglas Wilder spiegelten die Umfragewerte nicht wider, inwieweit weiße Wähler aus Angst, als Rassisten abgestempelt zu werden, die Antwort gaben, die die Meinungsforscher ihrer Vermutung nach hören wollte. In den Südstaaten hingegen kann sich der Bradley-Effekt auch andersherum auswirken, indem gesellschaftlicher Druck den Anhänger eines schwarzen Kandidaten veranlassen kann, seine wahren Wahlabsichten zu verschweigen. Der ethnische Hintergrund des Fragestellers spielt ebenfalls eine Rolle: Weiße und schwarze Amerikaner geben unterschiedliche Antworten, je nachdem ob sie mit einem Angehörigen der eigenen „Rasse“ zu sprechen glauben. Das gilt selbst für telefonische Umfragen, wenn der Fragesteller einen erkennbaren Akzent hat. Zusätzlich muß stets der Kontext berücksichtigt werden, und mit der Kultur verändern sich auch die Ergebnisse. Anfang des Jahres erhielt Obama bei den Vorwahlen im Südwesten, wo manche Wähler nicht mit ihrer Absicht hausieren gingen, für einen schwarzen Kandidaten zu stimmen, mehr Stimmen als erwartet. In Rhode Island, New Hampshire und Kalifornien, wo Toleranz und Vielfalt als „richtige“ Antwort auf die Frage der Demoskopen gelten, verhielt es sich genau umgekehrt, und dementsprechend wurde seine Popularität dort im Vorfeld überschätzt. Auch die Ankündigung von Bushs Ex-Außenminister Colin Powell, Obama seine Stimme zu geben, ist ambivalent — weiße Wechselwähler könnten sich dadurch auch in ihren Vorurteilen bestätigt sehen. Powell selber ging es offenbar vornehmlich um eine weitere Distanzierung von der Irak-Politik der Bush­-Regierung. Im Gegensatz zu McCain könne Obama das ramponierte Ansehen der USA reparieren, sagte er.    Bei der letzten Fernsehdebatte zwischen den Kandidaten am 15. Oktober, die aggressiver verlief als die beiden ersten, versuchte McCain seinen Kontrahenten in die Defensive zu drängen, indem er die Rassenfrage durch die Hintertür aufs Tapet brachte. Er befragte Obama zu Äußerungen des demokratischen Kongreßabgeordneten und Bürgerrechtlers John Lewis. Ein paar Tage zuvor hatte dieser erklärt: „Als jemand, der auf der Höhe der Bürgerrechtsbewegung zum Opfer von Gewalt und Haß wurde, bin ich zutiefst beunruhigt von dem negativen Tonfall des McCain-Wahlkampfs“ und hinzugefügt: „Senator McCain und Gouverneur Palin streuen die Saat des Hasses und der Zwietracht. In unserem politischen Diskurs besteht keine Notwendigkeit für derartige Feindseligkeit.“ Obama will auf gar keinen Fall als Angry Black Man, als zorniger Schwarzer wahrgenommen werden, ein Image, das unentschlossene weiße Wähler garantiert abschrecken würde. Ganz anders als Jesse Jackson im Präsidentschaftswahlkampf 1988 hat der Sohn eines Kenianers und einer Weißen aus Kansas es stets tunlichst vermieden, sich zu Fragen zu äußern, die unmittelbar die afro-amerikanische Bevölkerung betreffen. Vielmehr gibt er sich alle Mühe, sich als Vertreter einer Generation zu präsentieren, die die Kulturkriege und Rassenkonflikte der sechziger Jahre hinter sich gelassen hat. So war es taktisch geschickt von McCain, Obama die Äußerungen von Lewis ins Gesicht zu schleudern, um die Wähler daran zu erinnern, daß das Rassenproblem in den USA keineswegs begraben ist, sondern unmittelbar unter der Oberfläche weiterbrodelt und jeden Augenblick explodieren kann. Die Vorstellung, die Jungwähler hätten die Vorurteile ihrer Eltern überwunden, erweist sich ebenfalls zunehmend als unhaltbar. Die US-Jugend ist keineswegs farbenblind, wie jüngst erst eine Reportage in der New York Times veranschaulichte. Auch im Zusammenhang mit „Negativreklame“ kommt die Rassenkarte ins Spiel. Spätestens seit Republikaner 1988 den berüchtigten „Willie Horton“-Fernsehspot im Wahlkampf gegen Michael Dukakis einsetzten, haben die Wahlkampfstrategen begriffen, daß man den Wählern Angst einjagen muß, um ihre Entscheidung zu beeinflussen. Willie Horton war ein schwarzer Straftäter, der nach seiner frühzeitigen Haftentlassung eine weiße Frau vergewaltigte und ermordete — dank der allzu großen Milde des Gouverneurs Dukakis gegenüber Verbrechern, lautete die implizite Botschaft. Die Wähler behaupten in Umfragen zwar, derartige „Negativwerbung“ zu verabscheuen, dennoch erweist sie sich immer wieder als ungemein effektiv. Auch im diesjährigen Wahlkampf bedienen sich mittlerweile beide Seiten eifrig dieser Methode. Obama wirft McCain vor, gegen Stammzellenforschung zu sein, was so nicht ganz stimmt, und ruft den Wählern ins Gedächtnis, daß er in den achtziger Jahren in den sogenannten „Keating 5“-Skandal verstrickt war, eine angebliche Bestechungsaffäre im Senat. McCain wiederum verdrehte Obamas Äußerungen zum Irak-Krieg, so daß bei der Öffentlichkeit der Eindruck entstand, er habe die US-Truppen verunglimpft, die „bloß Luftangriffe auf Dörfer durchführen und Zivilisten töten“. Tatsächlich hatte Obama die Entsendung weiterer Soldaten gefordert, „damit wir nicht bloß Luftangriffe auf Dörfer durchführen und Zivilisten töten, was dort enorme Spannungen verursacht“. Immer wieder taucht in McCains Wahlkampfspots die Figur des Bill Ayers auf, der sich in den siebziger Jahren wegen seiner Verwicklung in Bombenanschläge auf die New Yorker Polizeihauptwache, das Pentagon und das Kapitol zwischen 1970 und 1972 auf der Flucht befand — Obama ging damals noch in die Grundschule. Das Verfahren gegen Ayers wurde später wegen Fehlverhaltens seitens der Staatsanwaltschaft eingestellt, und Ayers mauserte sich zu einem prominenten gesellschaftlichen Stützpfeiler in Chicago, wo er in zahlreichen wohltätigen Organisationen und Stiftungsbeiräten tätig ist. Dadurch machte auch Obama seine Bekanntschaft. In McCains Wahlkampfspots wird diese Verbindung als „Obamas Kumpanei mit einem Terroristen“ dargestellt, wie auch Palin gerne betont. Obama hat genug Munition, die er gegen McCain und Palin verwenden könnte — wenn er denn wollte. Von 1981 bis 1986 war der republikanische Präsidentschaftskandidat Berater einer antikommunitischen Organisation namens U. S. Council for World Freedom, in der auch ehemalige Nazi-Kollaborateure sowie Befehlshaber lateinamerikanischer Todesschwadronen aktiv waren. Palins Ehemann Todd wiederum gehörte zeitweilig der konservativen Alaskan Independent Party an, die Kontakte zu paramilitärischen Separatisten unterhält. Obama hat bislang darauf verzichtet, diese Geschichten zum Wahlkampf­thema zu machen. Statt dessen konzentriert er sich auf den Zustand der US-Wirtschaft, der McCains Hoffnungen auf den Einzug ins Weiße Haus derzeit mehr schadet, als es eine ganze Armee von Terroristen tun könnte — egal, welcher Hautfarbe.   Prof. Dr. Elliot Neaman lehrt Neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco. Foto: Obama-Anhänger: Das Rassenproblem ist in den USA noch keineswegs begraben, es kann jeden Augenblick wieder explodieren

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