Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Was die Grünen nicht hören wollen

Versucht man offen und ohne jegliche Vorurteile eine Veranstaltung der Grünen zu besuchen, muß man diesen Vorsatz meist zu Beginn gleich wieder verwerfen. An der Tür werden die Teilnehmer von einer Frau begrüßt, die das meist weibliche Publikum freundlich – man könnte sagen, fast kameradschaftlich – zu ihren Plätzen weist. Kameraden, natürlich abzüglich alles Militärischen, paßt auch gut als Bezeichnung für die weiteren Anwesenden, denn sie bieten eine recht unweibliche Erscheinung: Kurzhaarschnitt, unrasierte Beine in Männershorts und selbstverständlich bequeme Sandalen. Optisch unterschied sich die Veranstaltung „Abschied von Gestern – Abschied vom Alleinernährermodell“ am Montag in Berlin damit in keiner Weise von der typischen Grünen-Konferenz. Aber auch inhaltlich wurden den Zuhörern nicht gerade Überraschungen geboten. Wie der Titel der Veranstaltung bereits verriet, erwartete das Publikum eine Reihe von Vorträgen über Frauendiskriminierung in all ihren gesellschaftlichen Facetten. Als teilnehmende Frau wurde man hierzu freundlichst empfangen, die wenigen anwesenden Männer hatten es dagegen schwerer. Denn im Saal herrschte eine schlichtweg männerfeindliche Atmosphäre, was sich an zahlreichen kleinen Spitzen bemerkbar machte. So eröffnete die parlamentarische Geschäftsführerin und Sprecherin für Frauenpolitik der Grünen im Bundestag, Irmingard Schewe-Gerigk, die Veranstaltung mit den passenden Wörtern: „Sehr geehrte Frauen – und die einigen anwesenden Männer begrüße ich selbstverständlich auch“. Darüber lächelnd übergab sie das Wort an die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast. „Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben?“ fragte Künast. Dies sei eine Leitfrage der Grünen-Fraktion und beinhalte auch eine künftige Umgestaltung des in Deutschland immer noch aktuellen Alleinernährermodells. „Diese Veränderung ist längst überfällig. Das hat auch die Union endlich bemerkt. Sie versucht nun mit dem Familiensplitting dieses Thema zu besetzen“, sagte Künast. In Wirklichkeit hielte das Familiensplitting Frauen aber weiterhin in einem Abhängigkeitsverhältnis, da nur privilegierte Familien davon profitierten. Daß der Kinderwunsch bei den meisten gar nicht mehr existent ist, sei eine Tatsache, jedoch hauptsächlich auf das Alleinernährermodell zurückzufüahren. Die Leidtragenden dieses Modells sind laut Künast nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Daß es keine Kinder mehr gibt, liege aber hauptsächlich an den Männern. Sie seien durch ihre Rolle als Alleinernährer heutzutage immer häufiger überfordert und durch die unsicheren Arbeitsverhältnisse so verunsichert, daß sie keine Familie mehr gründen wollten. Um die Berufstätigkeit beider Eltern zu fördern, brauche man vor allem mehr ganztägige Kindergartenplätze. „Kein Kind nimmt Schaden, wenn es eine zweite Bezugsgruppe zusätzlich zur Familie hat“, sagte Künast. Vor allem für die schwachen und bildungsfernen Schichten sei es sogar förderlich, wenn das Kind frühzeitig in den Kindergarten komme. Denn viele dieser Kinder wiesen unter anderem starke sprachliche Defizite auf. „In solchen Fällen kann es sogar schädlich für das Kind sein, wenn es in einer Alleinernährerfamilie aufwächst: Es kommt nicht in den Kindergarten, um dort gefördert zu werden, weil die Mutter daheim ist“, sagte die Fraktionsvorsitzende. Die Institutionalisierung der Kinderbetreuung sei der erste Schritt in Richtung Gleichberechtigung und Doppelverdienerhaushalte. „Das wäre gut für die Frauen und gut für die Kinder“, schloß Künast ihre Rede. Als Gastsprecherin eingeladen war auch die Leiterin des Literaturressorts der Wochenzeitung Die Zeit, Iris Radisch. Ihre Einladung hätten die Grünen bestimmt noch einmal überdacht, wenn sie geahnt hätten, was Radisch vortragen würde. „Sie haben das sicherlich bereits hundertfach gehört: ‚Deutschland braucht Kinder'“, eröffnete sie ihren Vortrag. Die Diskussion sei aber bislang hauptsächlich von älteren Herren geführt worden, die sich anmaßten, über das Gebärverhalten junger Frauen zu urteilen. Diese Hobbydemographen gebe es mittlerweile wie Sand am Meer. Aber Kinderlosigkeit sei nicht einfach durch eine emanzipierte, gleichberechtigte Rollenverteilung in der Familie oder durch einen Doppelverdienerhaushalt gelöst. „Denn was Familie braucht, ist vor allem Zeit – etwas, was zwei Vollerwerbstätige nicht haben. Es reicht nicht, daß Mutter und Vater um 19 Uhr nach Hause kommen, das Kindermädchen verabschieden und dann schnell eine Stunde mit dem Kind verbringen, bevor es ins Bett muß“, sagte Radisch. Das Alleinernährermodell zu verabschieden, sei im Kern also kein technisches Problem, das einfach durch Kinderbetreuung zu lösen wäre. „Kinder brauchen keine ‚Qualitätszeit‘, sondern Zeit. Aber Zeit bekommt man nicht geschenkt, sondern man muß sie kaufen. Und jemand zahlt immer den Preis – mal sind es die Mütter, die ihre Arbeitsstunden reduzieren müssen und damit gleichzeitig auf Geld und Ansehen verzichten, mal sind es die Kinder. Das wird hier bestimmt nicht gerne gehört.“ Radisch hatte recht: Die anderen Mitglieder des Podiums, vor allem Künast, waren sichtlich irritiert.

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