Politik auf dem Bierdeckel

Da hatte der deutsche Friedenskanzler Gerhard Schröder schon während des Wahlkampfes 2002 ein Machtwort gesprochen und aller Welt verkündet, daß deutsche Außenpolitik noch immer in Berlin gemacht werde – basta! Der kriegslüsterne amerikanische Präsident George Bush wußte also, daß er für sein Irak-Abenteuer auf keinerlei Hilfe aus Deutschland rechnen könne – unverbrüchliche Solidarität hin oder her, das war 2001 im Angesicht der Trümmerberge von Ground Zero, jetzt, ein halbes Jahr später, gings um die (Regierungs)-Wurst in Berlin, da mußten andere Saiten aufgezogen werden. Und das hat schließlich bestens funktioniert. Und nun, drei Jahre später, stellt sich heraus, daß ausgerechnet zwei deutsche Schurken von Geheimdienstagenten den für Bush kriegsentscheidenden Tip für die Eroberung von Bagdad gegeben haben sollen. Und das auch noch auf einem Bierdeckel. Noch wissen wir nicht genau, ob und wie die beiden Agenten auf oder an den Deckel gekommen sind. Hat ihn Saddam selbst bemalt? Das wäre entsetzlich! Ausgerechnet dieser Schwerverbrecher soll es gewesen sein, der als erster die Wirkkraft des deutschen Bierdeckels entschlüsselt hat. Oder war es die Kunstfertigkeit der beiden Beamten, denen das Meisterstück gelang, auf einem Bierdeckel mit ziselierender Genauigkeit die fünf Verteidigungsringe der Millionenstadt Bagdad zu malen. Die dann womöglich auch noch mit logistischer Präzision ersten Grades den amerikanischen Aggressoren punktgenaue Zielvorgaben für ihre furchtbaren Bombardements gegeben haben. Da werden den Steuerzahlern Milliarden und Abermilliarden für aufwendigste elektronische Beobachtungs- und Steuerungssysteme abgepreßt und nun stellt sich heraus, daß Bierdeckel und ein paar Beamte in Großstadtkellern, bei Kerzenlicht und batteriebetriebenen Funkgeräten völlig ausreichen. Doch damit nicht genug. Die Bierdeckel-Enthüllung entzaubert zudem ja auch noch Friedrich Merz, das steuerpolitische Wunderkind der CDU. Hat er als früherer Fraktionsvorsitzender der Union etwa von dem Irak-Bierdeckel gewußt und den Glücksbringer deshalb als Patentrezept für die Lösung des deutschen Steuerwirrwarrs ins Gespräch gebracht? Dann wäre er nicht nur ein Ideenklau, sondern stünde auch noch im Verdacht, schon vor der großen Koalition mit Frank-Walter Steinmeier, dem BND und vielleicht sogar mit Joschka Fischer gemeinsame Sache gemacht zu haben. Welch verabscheuungswürdiger Verrat an der eisernen – nein nicht eisern, das klänge zu kriegerisch – an der watteweichen Friedenspolitik von Bundeskanzler Schröder. Wir sehen, da ist ausreichend Stoff für einen hochkarätig besetzten Untersuchungsausschuß. Wie gut, daß uns dafür Männer wie der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele mit unermüdlichem Engagement zur Verfügung stehen, die über ausreichend Erfahrung in Barrikaden-, Straßen- und Häuserkämpfen verfügen. Sie werden endlich Licht ins geheimdienstlich-verwerfliche Dunkel bringen und klären, daß Bush seinen entsetzlichen Irakkrieg nur dank des deutschen Bierdeckels nicht total verloren hat. Vielleicht kommt er dann auch noch zu der Erkenntnis, daß ihm der Deckel auch ebenso bei der Friedensfindung helfen könnte. Also Abgeordnete: sucht nicht im Wein nach Wahrheit, sondern per Bierdeckel nach Lösungen für Frieden und vor allem Gerechtigkeit.

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