Polen, die Kaczynskis und die Geschichtspolitik

Der polnische Ministerpräsident Jarosław Kaczyński hat dieser Tage wieder den sattsam bekannten Knüppel aller Geschichtspolitiker geschwungen und vor dem Versuch gewarnt, die nationalsozialistischen Verbrechen gegen Polen und Juden in irgendeiner Weise zu „relativieren“. Das Dogma der Geschichtspolitik lautet ja: Es gibt in der Geschichte nur Täter und Opfer, Gute und Böse, und wer die einen und die anderen sind, steht seit 1945 unzweifelhaft und für alle Zukunft fest. Wer daran rüttelt, ist eben ein „Revisionist“, gefährlicher Nazi, Faschist, gar ein Kriegstreiber. Die Kluft zwischen Geschichtspolitik, die im Dienst gegenwärtiger Herrschaftsinteressen steht, und der Geschichtswissenschaft ist tief: Diese weiß, daß es in der Menschenwelt nie Schwarzweiß, sondern immer nur Grautöne in vielerlei Schattierung gibt, daß Geschichte aus den Wechselwirkungen, den Aktionen und Reaktionen aller Akteure besteht und ihre Ereignisse, Handlungen und Entscheidungen nur verständlich werden, indem man sie miteinander abwägend in Beziehung setzt, also relativiert. Wendet man diese legitime historische Methode auch auf die deutsch-polnischen Beziehungen der letzten 200 Jahre an, so wird vieles daran deutlich. Polen hatte seit 1795 bis 1918 das schwere Schicksal, keinen eigenen Staat zu besitzen, sondern unter den drei mächtigen Nachbarn aufgeteilt zu sein. Daran entzündete sich ein bewundernswerter Wille nationaler Selbstbehauptung, der am Ende des Ersten Weltkrieges zu einem neuen Staat führte, freilich auch in übersteigerten Nationalismus ausartete, um so mehr als er kein klassischer Nationalstaat war, sondern zahlreiche nichtpolnische Minderheiten einschloß, die er entnationalisieren wollte. Er zwang etwa bis 1939 rund eine Million Deutsche zur Abwanderung, träumte von der „Rückgewinnung“ des „altslawischen“ Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Er lebte mit allen seinen Nachbarn im Konflikt und war innerlich so labil, daß er sich 1926 eine veritable Militärdiktatur in ziviler Verbrämung zulegen mußte. Deren „starker“ Mann, der General und Marschall Józef Piłsudski, hätte am liebsten zusammen mit Frankreich Deutschland den Garaus gemacht. Der Historiker soll nicht Unrecht und Untaten gegenseitig „aufrechnen“, wohl aber soll er das Netz der geschichtlichen Wechselwirkungen freilegen, und er gewinnt daraus die Einsicht, „daß niemand ohne Sünde ist, auch nicht einer“. Als Ergebnis kann er den Bruch der vielen – wechselseitigen – Tabus erhoffen, denn nur er bahnt den Weg zur wirklichen Verständigung der Völker. Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften an der Universität Hohenheim.

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